Impressionen von der Frankfurter Buchmesse 2009
Für die Verlage, Buchhändler und Leser beginnt die fünfte Jahreszeit nicht am 11.11. um 11.11 Uhr, sondern Mitte Oktober, denn dann öffnet die Frankfurter Buchmesse ihre Pforten. Mehr als 7.000 Verlage stellen hier ihre Produktionen aus, und auch für die edition Körber-Stiftung gehört die Buchmesse zu den Höhepunkten des Jahres, bei denen sie ihre Neuerscheinungen präsentiert, Kontakte knüpft, Lesern und Buchhändlern begegnet.
In diesem Jahr wurden die neuen Bücher gleich auf drei Veranstaltungen präsentiert. Den Anfang machte Alexandra Senfft, die im Lesezelt – einem ehemaligen Zirkuszelt, das auf der Agora der Messe aufgebaut ist – ihr Buch »Fremder Feind, so nah« vorstellte.
Der Literaturwissenschaftler und Journalist Holger Noltze, u.a. Moderator des Kulturmagazins west.art im WDR Fernsehen, sprach mit der Islamwissenschaftlerin über ihr Buch, das wenige Tage vor der Messe erschien. Auf Holger Noltzes erste Frage nach dem Ursprung des recht widersprüchlichen Titels »Fremder Feind, so nah«, erklärte Alexandra Senfft: »Die sogenannten Feinde im Nahen Osten sind sich nicht nur geographisch sehr nah, sondern auch biografisch. In meinem Buch begegnen sich die unterschiedlichsten Persönlichkeiten in diesen sehr komplexen Gesellschaften. Es begegnen sich dabei auch die verschiedenen Ansätze und Motivationen, Verständigung zu suchen.«
Die Voraussetzung dieser Begegnung mit dem »Anderen« ist für Alexandra Senfft die Fähigkeit zur Empathie, die sich durch das Zuhören entwickelt. Indem man die Lebensgeschichte des Anderen hört, entdeckt man die Verwandtschaft zur eigenen Geschichte – und wird dessen Geschichte daher mit einem neuen Verständnis betrachten können. Anfang der 1990er Jahre lernte Alexandra Senfft den im letzten Jahr verstorbenen israelischen Psychologen und Friedensaktivisten Dan Bar-On kennen, dessen Werke auf Deutsch ebenfalls in der edition Körber-Stiftung erschienen sind. »Für ihn war das Storytelling der erste Schritt zur Verständigung und Versöhnung und schließlich zur Heilung. Der Andere, so lehren die Lebensgeschichten, ist gar nicht so anders, so fremd, wie sie zuvor denken.«
Von Dan Bar-On habe sie viel gelernt, erklärte Alexandra Senfft, bekannte sich aber auf Holger Noltzes Fragen auch zu einer spezifisch deutschen Herangehensweise an ihr Thema. Selbst Enkelin eines Nazi-Täters, der nach dem Krieg hingerichtet wurde, musste sie erst für sich einen Weg zur Dialogarbeit finden und das Vertrauen ihrer Gesprächspartner gewinnen. Der Nationalsozialismus ist so immer auch Teil des Diskurses mit den Gesprächspartnern im Nahen Osten. Das ist, wie Alexandra Senfft erklärte, in vieler Hinsicht schwierig: »Der Holocaust wird von beiden Seiten instrumentalisiert und obgleich die Hintergründe und Ängste real sind, ist es problematisch, dass das Thema Holocaust den Konflikt weiter schürt.« Diese Debatte ist auch ein Beispiel dafür, dass man emotionale Aspekte in der Politik nicht negieren kann – das Scheitern der Osloer Friedensverhandlungen ist für Senfft ein Indiz dafür, dass eine Politik, die sich nur auf die Ratio verlässt, nicht greifen wird.
Nicht alle Dialogprojekte gelingen, bestätigte Alexandra Senfft auf Holger Noltzes Nachfrage. Doch auch aus ihrem Scheitern könne man Vieles lernen und so endet nicht nur Alexandra Senffts Buch, sondern auch diese Buchpremiere mit einem Bekenntnis zur Hoffnung: Der Dialog wird weiter geführt – »im Wissen um die Komplexität des Nahostkonflikts, aber auch mit der Überzeugung, dass die Gegenwart die Zukunft bestimmt, persönlich und politisch.«
Nicht beim anschließenden Empfang am Messestand der edition dabei sein konnte Stefan Kornelius, denn er sprach zu diesem Zeitpunkt mit Annette Riedel von Deutschlandradio Kultur auf dem »Blauen Sofa« über seinen Essay »Der unerklärte Krieg. Deutschlands Selbstbetrug in Afghanistan«. Das »Blaue Sofa« ist ein Kooperationsprojekt von aspekte mit dem Club Bertelsmann, Deutschlandradio Kultur und der Süddeutschen Zeitung. Den ganzen Tag diskutieren am Übergang der Messehallen 5 und 6 Autoren mit Journalisten – live übertragen vom ZDF dokukanal, in Zusammenschnitten im ZDF und im Deutschlandfunk zu hören. Ein großes Forum also für ein Thema, das derzeit nicht nur die Politik umtreibt. Stefan Kornelius erklärte, dass alle – die NATO, die Bundeswehr, aber auch die Außenpolitik-Experten in der Politik und der Presse – zu Beginn den Einsatz in Afghanistan die Lage unterschätzt hätten. Sie gestaltet sich weit komplizierter als erwartet, aber das dürfe nicht dazu führen, dass man das Mandat einfach aufgebe – das schulde man nicht nur den Bündnispartnern und den eigenen Soldaten, sondern vor allem dem afghanischen Volk, das sich immer wieder zwischen widerstreitenden Interessen zerreiben lassen musste. Ob man es nun einen Krieg nenne oder nicht – völkerrechtlich sei der Begriff in der Tat anders definiert – sei nicht der entscheidende Punkt, betonte Kornelius. Es sei ein »gefühlter Krieg«, den man entsprechend kommunizieren müsse.
Stefan Kornelius prangerte die Unehrlichkeit der deutschen Politik an, die sich hier aus der Verantwortung stehle und letztlich auch die Soldaten allein lasse. Weil es – aus Furcht vor den innenpolitischen Reaktionen – kein klares Bekenntnis zum Einsatz gegeben habe, habe man »die Chance verpasst«, den einmal befriedeten Norden des Landes zu stabilisieren und Vertrauen in der Bevölkerung aufzubauen. »Kann man diesen Krieg überhaupt gewinnen?«, fragte Annette Riedel weiter. »Was heißt hier gewinnen?« entgegnete Kornelius lakonisch. Einer der großen Fehler der Nato sei es gewesen keine klaren Ziel zu definieren und auch Obama sei derzeit noch fern davon, eine Klärung herbeizuführen.
Annette Riedel schloss das 30-minütige Gespräch mit einer Frage nach den Möglichkeiten, den Drogenschmuggel zu bekämpfen. Stefan Kornelius erläuterte diverse Ansätze, die bisher, nicht zuletzt weil es keine intakte Strafverfolgung gibt, gescheitert seien. Das Beispiel mache aber klar, »wie komplex die Aufbauarbeit in einem Land ist, das wirklich nicht mehr existiert hat, das keine Struktur mehr hat«. Es zeigt aber auch, »welche Last wir auf uns genommen haben« – eine Last, davon ist er überzeugt, die wir aber nun weiter tragen müssen und nicht einfach abwerfen können: im eigenen Interesse, im Interesse der internationalen Sicherheitslage, vor allem aber im Interesse der afghanischen Bevölkerung, die sich nach sicheren Lebensverhältnisse sehnt (Mitschnitt in der ZDF mediathek).
Der dritte Messetag brachte die dritte Veranstaltung für die edition und größer hätte die inhaltliche Differenz zu den beiden außenpolitischen Themen vom Donnerstag kaum sein können: Im »Forum Bildung« präsentierten Rudolf Messner, Erziehungswissenschaftler an der Universität Kassel, und Susanne Gatti vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung den Band »Schule forscht«. Das Gespräch moderierte Kerstin Schulz von der edition Körber-Stiftung, die den Band lektoriert hatte.
Das Buch vereint, wie der Untertitel sagt, »Ansätze und Methoden zum forschenden Lernen«, wobei Professor Messner, Herausgeber des Bandes, eher für die Methoden stand, Susanne Gatti dagegen für die praktischen Ansätze. Rudolf Messner lehrt und forscht seit über dreißig Jahren zu den Themen Bildungstheorie, Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung – wie nur wenige ist er also dazu berufen, sowohl aus schulpraktischer also auch aus wissenschaftlicher Sicht Einblicke in das forschende Lernen zu geben. Besonderen Wert legte Rudolf Messner auf die Feststellung, dass forschendes Lernen in allen Unterrichtsfächern möglich ist. Auch wenn man es ad hoc zumeist mit den Naturwissenschaften und der Mathematik und ihren logisch-erklärenden Erkenntnisformen verbindet, ist forschendes Lernen auch Teil der verstehend-hermeneutischen Erkenntnisprozesse in den Geisteswissenschaften und der ästhetischen Wahrnehmungsschulung im Kunst- und Musikunterricht. Das ist ein Aspekt, den die PISA-, aber auch andere Studien außer Acht lassen, so groß ihre Impulse für die Diskussion der Lernkultur auch sein mögen.
Ein sehr avanciertes Beispiel für das fächerübergreifende forschende Lernen schilderte Susanne Gatti: Im Projekt HIGHSEA (HIGH School of Science and Education @ the AWI) lernen Schüler in den letzten drei Jahren bis zum Abitur in Forschungsprojekten im Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut. Zwei Tage in der Woche erarbeiten sie sich forschend und experimentierend den Unterrichtsstoff in den Fächern Biologie, Chemie, Physik, Mathematik und Englisch; an den anderen drei Tage nehmen sie am Regelunterricht in ihren Schulen teil. Natürlich können nicht alle Oberstufenschüler bei diesem Projekt mitmachen, so dass sich, berichtete Susanne Gatti, das AWI und auch die Schüler selbst immer wieder den Vorwurf der Elitenbildung gefallen lassen müssten. Sie und Rudolf Messner waren sich aber darüber einig, dass eine solche Förderung besonders begabter und engagierter Schüler legitim sei – das AWI z.B. eröffnet, wie viele anderen Forschungseinrichtungen etc., auch niedrigschwellige Möglichkeiten des forschenden Lernens.
Grundsätzlich sei es wichtig, betonten beide, Schülern im Unterricht aber auch über den schulischen Rahmen hinaus, möglichst viele Anregungen zu geben, damit sie lernen eigene Fragestellungen zu entwickeln, diese forschend zu überprüfen und so zu eigenen Erkenntnissen zu gelangen. Oft geschieht dies außerhalb des Regelunterrichts – in AGs oder im Rahmen von Wettbewerben –, aber auch der Unterricht bietet hier viele Möglichkeiten, wie die Beiträge des Bandes »Schule forscht« belegen. Beide wünschten sich zum Abschluss der Gesprächsrunde mehr Offenheit für das forschende Lernen auf Seiten der Schulen und der Schulverwaltung, mehr Freiräume, um solche Projekte vorantreiben zu können – denn beide haben die Erfahrung gemacht, dass das forschendes Lernen für die Schüler nicht nur einen großen Erkenntnisgewinn bringt, sondern auch einen persönlichen Entwicklungsschub bedeutet, ihre kommunikativen Fähigkeiten und ihre Urteilskraft schult und so hilft, zukunftsweisende Kompetenzen auszubilden.
Nach drei Veranstaltungen an den drei Fachbesuchertagen nutzten am Samstag und Sonntag rund 138.000 Interessierte die Gelegenheit, rund 3.000 Veranstaltungen zu besuchen, an den Ständen von Verlagen aus über 100 Ländern in Abertausenden von Neuerscheinungen zu blättern und über jugendliche Cosplayer in Manga- und Fantasy-Kostümen zu staunen. Der Messegast China sorgte erwartungsgemäß für Aufregung – unser Autor Georg Blume berichtete darüber täglich auf der gemeinsamen Plattform von Buchmesse und taz. Im kommenden Jahr wird Argentinien Gastland sein – und wer nicht nur eine fremde Literatur kennen lernen, sondern auch in neuen Büchern zu Politik, Bildung und Kultur schmökern möchte: Vom 6. bis zum 10. Oktober 2010 erwarten wir Sie wieder gern an unserem Stand in Halle 3.1!
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