Die Krise und die Wissenschaft

Die Wirtschaft kämpft mit der Krise, ebenso die Politik. Und die Wissenschaft? Der Autor und Soziologe Mathias Greffrath hat dazu seine eigene Meinung und spielt mit dem Gedanken an einen neuen »Primat der Politik«.
Langsam bricht sich eine unangenehme Wahrheit Bahn: Es handelt sich nicht um Gier-Orgien oder Bankenversagen, sondern um eine Systemkrise. Eine doppelte: Die Finanzexzesse sind das systemkonforme Ergebnis eines Wirtschafts-Regimes, dessen innerstes Prinzip die Emanzipation des Profitstrebens von sozialen und politischen Ordnungen, ja selbst von der Güterproduktion ist. Die Klimakrise markiert die äußere Grenze eines Wohlstands-Regimes, dessen Produktivität auf der Blindheit gegenüber seinen natürlichen und menschlichen Fundamenten beruht.
Mit ein wenig mehr Regulation ist es also nicht getan, wenn wir das Jahrhundert meistern wollen: den Übergang in die postfossile Industriegesellschaft, den Abbau der kriegstreibenden globalen Ungleichgewichte, die Bewahrung von Wasser und Böden, die Organisation der Arbeit und der sozialen Sicherheit, und nicht zuletzt: alles dies mit Wissen und Wollen der Bürger – also demokratisch. Nehmen wir diese Aufgaben in den Blick, dann kann der populär gewordene Ruf nach einem »neuen Primat der Politik« über die Wirtschaft auch das Verhältnis von Staat und Wissenschaft nicht unverändert lassen. Denn in der europäischen Neuzeit spielte die Emanzipation der Unternehmer, der Bürger und der Forscher zusammen, wenn auch nicht immer im gleichen Takt.
Wissenschaft, die seit ihren Bacon’schen Anfängen ihre Suche nach Erkenntnisfortschritt an das Versprechen materieller Wohlfahrt und sozialen Fortschritts band, fand ihren Förderer im bürgerlichen Staat. Der begründete Akademien, Universitäten und Schulen, garantierte die »Freiheit der Wissenschaft« und schuf die Infrastruktur der Industriemoderne. Physik, Chemie und Biologie, Medizin und Psychologie wurden untrennbar Werkzeuge der Erkenntnis wie des gewinnorientierten und wohlstandmehrenden Wirtschaftens. Dessen globaler Triumphzug produziert heute soziale und ökologische Nebenfolgen, die den Wohlstandsgewinn und grundlegende Werte unserer Zivilisation auf lange Sicht zu vernichten drohen.
»Primat der Politik« hieße also, zu Ende gedacht, auch einen neuen Primat der Politik über die Wissenschaft zu fordern. Das wäre kein Bruch mit der europäischen Tradition, sondern eine Renaissance des Bacon’schen Programms. Von Beginn der Moderne bis ins 20. Jahrhundert setzten weitschauende Staatsbeamte mit Akademiegründungen, Lehrstuhlbesetzungen, Bildungsreformen entscheidende volkswirtschaftliche Modernisierungsimpulse. Soweit der kapitalistisch getriebene technische Fortschritt die Lebensnot linderte, konnte die Politik dabei dessen immanenter Logik folgen. Heute aber stehen wir vor der Notwendigkeit eines umfassenden Systemwechsels: in der Nutzung von Energie und Ressourcen, in der Organisation von Märkten, im Verhältnis von öffentlichen zu privaten Gütern. Diese politische Gestaltungsaufgabe ist ungleich schwieriger, ja gigantisch; aber auch das Wissen und die finanziellen Ressourcen, die wir in den Fortschrittsjahrhunderten erworben haben, sind ungleich größer.
In allen großen Institutionen des Bürgertums antworten bis jetzt nur schöpferische Minderheiten mit einleuchtenden Langzeitstrategien auf diese großen Herausforderungen. Die Akteure der Wirtschaft retten sich von Bilanz zu Bilanz, die Parlamentarier von Wahl zu Wahl, die Presse schwankt. Und unsere Wissenschaftsorganisationen und die Universitäten sind enger denn je an die große problematische Verwertungsmaschine gekoppelt. Angesichts des föderalen und finanziellen Kleinkleins klingt es utopisch, von ihnen eine »zweite Bacon’sche Revolution« zu erwarten. Und doch: Wer sonst könnte mit Autorität die Rolle des Ideengebers und Diskurserzwingers spielen? Wo, wenn nicht in den Institutionen, die die Eliten der nächsten Jahrzehnte bilden, müsste kompetent über technische Mittel und gesellschaftliche Ziele gestritten werden?
Eigentlich sollte das gestiegene Krisenbewusstsein einer großen Reform von Wissenschaft und Bildung günstig sein, denn sowohl die humboldtsche Universität wie der napoleonische Wissenschaftsschub wären ohne den Druck großer politischer Krisen, von Revolutionen oder Staatsbankrott nicht möglich gewesen. Erst unter dem Eindruck der offensichtlich gewordenen Erderwärmung haben die Klimaforscher heute vermocht, was drei Jahrzehnte wissenschaftlicher Warnrufe nicht geschafft haben: eine gesamtgesellschaftliche Bereitschaft zum Wandel zu schaffen. Die Forderung, wir müssten »alles umbauen« – von Industrie über Städtebau bis hin zu unseren Ess- und Freizeitgewohnheiten –, kommt nicht länger aus grünen Winkeln, sondern von Kanzlerberater und Klimaforscher Schellnhuber. In staatlich induzierten zivilen Großprojekten vergleichbar dem »Manhattan-Projekt« oder dem »Apollo-Programm« hat sich dieser Alarmruf allerdings noch nicht niedergeschlagen.
Diese aber wären die Bedingung für eine neue Blüte der Wissenschaft. Das kritische und das Zukunftswissen, das etwa im Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie, im Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, in den vielen hunderten Akademien, politischen Stiftungen und NGOs, Modellschulen und Bürgerinitiativen erarbeitet wird, oft und lange gegen den Mainstream, sprenkelt unsere Wissenslandschaft mit Inseln des Neuen. Zum kräftigen Katalysator gesamtgesellschaftlichen Wandels kann es nur werden, wenn die Politik es in die Mitte der großen Institutionen der Forschung und Bildung holt. Aus sich selbst heraus werden die großen Tanker »Universitäten« nicht zu Innovationsbeschleunigern. Nur eine Gesundheitspolitik, deren »Roadmap« nicht länger darauf setzte, mit immer mehr Pharmazeutik und Apparaten den Wohlstandsfolgen hinterherzusorgen, könnte die medizinischen Fakultäten aufmischen; eine Wirtschaftspolitik, deren Maxime Nachhaltigkeit und Wiedergewinnung der Gemeingüter wäre, bliebe nicht ohne Folgen für die Lehrstuhlbesetzungen der Ökonomen und Juristen; eine Sozialpolitik, die nicht länger an fadenscheinigen Versprechen von Wachstum und Vollbeschäftigung klebte, würde Pädagogen und Schulen beflügeln, für eine Zeit zu bilden, in der Sinn nicht länger an Konsumsteigerung haften kann; und nur eine Klimapolitik, die überholte Lebensformen scharf sanktioniert, wird den Fortschritt der Ingenieurswissenschaften rasant beschleunigen.
Auf allen diesen Gebieten scheint das Bewusstsein vieler Bürger derzeit den Parteien ein paar Runden vorweg zu sein; so gesehen, hieße Primat der Politik über Wirtschaft und Wissenschaft zunächst: den Primat der Politik in der Politik selbst neu zu erkämpfen.
Mathias Greffrath ist ist Soziologe und Autor, arbeitet u.a. für ZEIT, taz und ARD-Anstalten. Seine Arbeitsgebiete der letzen Zeit sind die sozialen Folgen der Globalisierung, die Gehirnforschung und das Theater.

































