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ixc-Teilnehmer zu Gast am Gymnasium Hamm: Im Unterricht…
Fotos (8): Christina Körte

…und im Gespräch

Vorn v.l.: Kinaja Janardhanan; Gottfried Eich und Kelly Sykes

Luzdary Giraldo fragt nach

Prof. Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsinstituts

Bemerkenswertes wird festgehalten

Stephen Choi erklärt Unterschiede im Umgang mit undokumentierten Einwanderern

vorn: Johannes Borgetto von der Caritas Darmstadt

Meldung vom Montag, 1. Dezember 2008

»IntegrationXchange«

David kommt atemlos in die Klasse. »Bist du gerannt?«, will Ulla Jones von dem 10-jährigen Portugiesen wissen. Als David nicht gleich versteht, stellt sie ihre Frage noch einmal – diesmal mit wedelnden Armbewegungen. Auch Shuopeng ist nicht ganz pünktlich, weil sich sein Freund Enyang verletzt hat. Aufgeregt setzt sich der chinesische Junge an den Tisch – zu Gleb aus Russland, Chase aus den USA und Kamil aus der Türkei. Wir sind zu Gast in der Europaschule Gymnasium Hamm, die von Schülern aus über 60 Nationen besucht wird.

In Ulla Jones’ Vorbereitungsklasse lernen Kinder, die vor kurzem nach Deutschland gekommen sind, gemeinsam Deutsch. Wie der zwölfjährige David, der erst seit einem Monat in Hamburg lebt. Oder die elfjährige Ming, die vor acht Monaten aus Vietnam hierher kam. Das Konzept von Ulla Jones: »Wir wollen die Kinder nicht von ihrer Muttersprache abtrennen, wir wertschätzen alle Sprachen!« Die Kinder werfen sich Wortfetzen in Chinesisch, Russisch, Türkisch, Englisch zu – »und verstehen einander«, so die engagierte Lehrerin. Heute geht es um die Frage, wo sich etwas befindet. Ulla Jones nimmt einen I-Pod – »der heißt wohl in allen Sprachen I-Pod« – und legt ihn sich auf den Kopf, steckt ihn in eine Tasse, packt ihn unter eine Federtasche …

Die ganze Persönlichkeit stärken

Die New Yorkerin Kelly Sykes, von Haus aus Kinderpsychologin, verfolgt den lebendigen Unterricht so aufmerksam, wie sich die internationale Kinderschar beteiligt. Ihr derzeitiges Projekt in den USA: zu untersuchen, wie ein Jugendprogramm die Identität von heranwachsenden arabisch-stämmigen Mädchen beeinflusst. »Ich bin beeindruckt vom Spielerischen in dieser Klasse. Die Kinder denken nicht über sich selbst nach oder über das, was sie lernen. Das ist ein tolles Lernumfeld und stärkt ihre ganze Persönlichkeit.« Kinaja Janardhanan stammt aus Indien. Nach 15 Jahren in Afrika lebt sie seit 2005 in New York. Auch sie ist Psychologin und leitet die Programme des Arab-American Family Support Center. Viele ihrer Klienten sind ebenfalls erst vor kurzem in die USA gekommen. Sie ist begeistert von dem Unterricht hier, meint aber: »Wegen der kleinen Klassen viel zu teuer.« Esra Erdem, deutsche Migrationsberaterin, wundert sich eher, warum solch eine Vorbereitungsklasse nur an einem einzigen Hamburger Gymnasium angeboten wird.

Kritische Fragen und neue Erkenntnisse

Kelly Sykes und Kinaja Janardhanan gehören zu einer Gruppe US-amerikanischer Integrationspraktiker aus New York. Die Körber-Stiftung und CDS International haben durch ihr Kooperationsprojekt integrationXchange, das 2007 startete, in diesem zweiten Jahrgang je zwölf amerikanische und deutsche Integrations-Fachkräfte zusammengebracht. Nach einer gemeinsamen Woche in New York im Mai traf sich die Gruppe nun in Hamburg. Gottfried Eich, Teilnehmer der deutschen Gruppe von der Koordinierungsstelle Bildungsoffensive Elbinseln: »Die kritischen Fragen unserer amerikanischen Kollegen haben mir sehr gefallen.«

So wie beim Besuch am Gymnasium Hamm. Im Anschluss an die Klassenbesuche erläuterten Mitarbeiter der Behörde für Schule und Berufsbildung das neue Bildungskonzept der Hansestadt. Und stellten sich den Fragen der US-Integrations-Experten. Kelly Sykes wollte wissen, wie die Schüler beim Übergang zur weiterführenden Schule vor Vorurteilen geschützt werden, wenn es um die Empfehlung der Lehrer geht. Helga Büchel aus der Schulbehörde räumte ein, dass die Schulempfehlung letztlich eine subjektive Empfehlung der Lehrer sei. »Allerdings entwickelt das Landesinstitut für Lehrerbildung standardisierte Tests, die bei einer objektiven Einschätzung helfen.« Kerim Arpad, Mitglied der deutschen Gruppe, ist Vorsitzender der European Assembly of Turkish Academics und Geschäftsführer des deutsch-türkischen Forums Stuttgart. Er fragte nach der Einbindung von interkulturellem Training an den Universitäten. Regine Hartung war in einer Doppelfunktion hier. Die integrationXchange-Teilnehmerin ist in der Schulbehörde zuständig für interkulturelle Erziehung – und saß daher mit auf dem Podium: »In der Lehrerausbildung ist das leider noch keine Verpflichtung. Es wird erst allmählich in das Curriculum aufgenommen.« Helga Büchel ergänzte, dass die Schulen indirekt schon einen Einfluss darauf hätten, ob neue Lehrkräfte über interkulturelle Kompetenzen verfügten: »Hamburger Schulen entscheiden inzwischen selbst, wen sie einstellen.« Eine andere Teilnehmerin der amerikanischen Gruppe fragte nach dem Schulbesuch von Kindern, die illegal in Deutschland leben. »Seit der Einführung des zentralen Schülerregisters müssen Schulleiter jedes Kind melden.« Eine Praxis, die die amerikanischen Gäste sichtlich schockierte.

Luzdary Giraldo, die ursprünglich aus Kolumbien stammt, kümmert sich mit ihrer Organisation NYCOSH um die Arbeitssicherheit von Einwanderern. Sie berichtete über spezielle Großelternprogramme an New Yorker Schulen für Kinder, deren Eltern beide arbeiten, oder aus einem anderen Grund abwesend sind. Thomas Albrecht, in der Schulbehörde zuständig für die Zusammenarbeit mit Eltern, meinte, es gebe keine speziellen Programme für Großeltern – sie seien durch die Projekte für Eltern angesprochen. Wolfgang Dittmar, Direktor des Gymnasiums Hamm, betonte eine ganz andere Schwierigkeit: »Die meisten unserer Eltern sind nicht in der Lage zu helfen, wenn es um schulische Dinge geht.« Für die deutschen Teilnehmer ein weiterer Beleg dafür, wie wichtig es ist, auch diese Eltern zu erreichen. Seit dem New-York-Besuch im Mai engagieren sich deutsche Teilnehmer dafür, die Idee der Parent Coordinators nach New Yorker Vorbild in Hamburg umzusetzen.

Schon ein türkischer Name reicht aus, um diskriminiert zu werden

Besuche der gesamten Gruppe bei Organisationen und Institutionen wechselten sich ab mit Vorträgen namhafter Referenten. So sprach etwa der Leiter des Hamburgischen WeltWirtschafts Instituts Thomas Straubhaar über »Regular and Irregular Migration and Integration in Germany«. Sein Tenor: »Wir haben keine wesentliche Immigration mehr. Die Leute sind schon hier!« Nun sei es wichtig, sie adäquat auszubilden und auf den Arbeitsmarkt zu bringen – vor allem deshalb, weil es wegen rückläufiger Geburtenzahlen in Zukunft Engpässe auf dem Arbeitsmarkt geben werde. Aydan Özoguz, in der Körber-Stiftung für Integrationsprojekte zuständig und im SPD-Landesvorstand: »Wir haben viele hoch gebildete Flüchtlinge, aber wir haben ihnen nicht erlaubt zu arbeiten.«

Die amerikanischen Experten beteiligten sich früh an der Diskussion und betonten die Unterschiede zur Situation neuer Immigranten in den USA. Rosa Maria Castaneda vom Urban Institute: »Neuankömmlinge in den USA sind die Gruppe mit der höchsten Beteiligung am Arbeitsmarkt.« Thomas Straubhaar: »Untersuchungen der Bosch-Stiftung haben ergeben, dass bei gleicher Eignung schon ein türkischer Name reicht, um nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.« Es werde noch lange dauern, bis sich an Vorurteilen etwas ändere. Dazu Ana Mercedes Polanco, Mitarbeiterin von Amnesty International USA: »Es scheint notwendig zu sein, Firmen die Vorteile von diversity näher zu bringen.« Dem stimmte Thomas Straubhaar zu: Man könne Anreize für eine größere Vielfalt unter den Mitarbeitern geben wie in den Niederlanden.

Abstecher in die Hauptstadt inklusive

Manchmal waren es die beiläufigen Aussagen deutscher Gesprächspartner, die die US-Praktiker nachdenklich stimmten. Mona Eldahry, deren Eltern aus Ägypten nach New York eingewandert sind, ist Gründerin der Organisation »Arab Women Active in the Arts and Media«. »Der Chefredakteur des Hamburger Abendblatts Online wusste nicht, wie viele seiner Mitarbeiter einen Migrationshintergrund haben!«, berichtete sie erstaunt. Ein anderer Gesprächspartner habe der Gruppe gegenüber die Ansicht vertreten, dass arabischstämmigen Jungen physische Kraft wichtiger sei als ihre intellektuellen Fähigkeiten.

Genauso erstaunt war Mona Eldahry beim Berlin-Besuch über die Typisierung von Kreuzberg – integrationXchange-Alumna Berna Goekcen Demiragli hatte der Gruppe ihr Viertel gezeigt – als »problematischer Stadtteil«. »Verglichen mit benachteiligten Stadtteilen in New York ist das eine richtig nette Gegend!« Ebenfalls in Berlin auf dem Programm: ein Besuch des Deutschen Bundestags und ein Abendessen mit Alumni, Politikern und Mitarbeitern des US-Konsulats und des Marshall Fund.

Reger Gedanken- und Adressenaustausch

Um Unterschiede und Gemeinsamkeiten ging es auch bei den vielen Ortsterminen, die die deutsch-amerikanische Gruppe bei Hamburger Initiativen und Institutionen hatte. Etwa bei Claudius Brenneisen, Rechtsanwalt bei »Fluchtpunkt«, einer Beratungsstelle der Nordelbischen Kirche: »Wir versuchen, ihre Geschichte herauszufinden und beraten Flüchtlinge dabei, was in einer Befragung wichtig sein kann.« Die Interviews der Behörden seien darauf fokussiert, Widersprüche aufzudecken, deshalb gehe es um konsistente Aussagen und Glaubwürdigkeit. Bis vor vier Jahren waren Einwanderungsgesetze Teil des Polizeirechts. »Dahinter steckt die Haltung, dass Einwanderung etwas ist, wogegen wir uns schützen müssen.« Stephen Choi: »In den USA können undokumentierte Einwanderer trotz ihres unsicheren Status mit der Hilfe von Gewerkschaften ihr Gehalt einklagen, wenn sie nicht bezahlt werden.« Erstaunt waren die US-Gäste darüber, dass es in Deutschland noch nicht Teil der Ausbildung von Rechtsanwälten ist, Fälle pro bono zu übernehmen oder sich in NGOs zu engagieren.

Claudius Brenneisen machte deutlich, wie problematisch die Einführung des zentralen Schülerregisters in Hamburg sei – Leidtragende seien die Kinder illegaler Flüchtlinge, die bei einem Schulbesuch fürchten müssen, gemeldet und ausgewiesen zu werden. Rosa Maria Castaneda konzentriert sich in ihrer Arbeit für das Urban Institute auf die eher theoretische Seite von Immigration. Ehrenamtlich arbeitet sie in New York und Washington aber mit Kindern, deren Eltern deportiert wurden. Da lag ein Austausch von Adressen mit der Psychologin Claudia Oelrich, die das Projekt Kinder-Fluchtpunkt leitet, nahe.

Johannes Borgetto, Referent für Asyl und interreligiösen Dialog bei der Caritas in Darmstadt, fasste diesen Themenstrang am Ende der Woche so zusammen: »Die amerikanische Gruppe war überrascht darüber, wie kompliziert es sich die Deutschen mit Menschen ohne Aufenthaltspapiere machen. Was ist eine Duldung, was sind die verschiedenen Formen einer Aufenthaltserlaubnis – das ist eine hoch komplizierte Abstufung.«

integrationXchange reloaded!

Nach zwei Jahren des Austauschs und der Vernetzung ist integrationXchange mit einer Tagung im KörberForum zu Ende gegangen. Teilnehmer beider Jahrgänge und rund 90 Integrationspraktiker aus der gesamten Bundesrepublik – Lehrer, Sozialarbeiter, Kommunalpolitiker, Elternräte, Wissenschaftler, Bibliothekare, Engagierte und Studierende – diskutierten auf dem Podium und in offenen Gesprächsrunden über die Themen Interessenvertretung und Bildung. Das Ende eines fruchtbaren Programms? Gottfried Eich: »Der Austausch soll weitergehen. Nicht als Online-Austausch, denn das bringt nicht viel, sondern – in einfacherer und kostengünstigerer Form – selbst organisiert vor Ort in New York und in Hamburg!«

Bericht

Dossier über integrationXchange (PDF)

 


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