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Elan Vital auf allen Bühnen: Theaterfestival Herzrasen 2010

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Altersforscher Andreas Kruse sprach über den »élan vital« am Eröffnungsabend
(Foto: Jann Wilken)

29. September bis 3. Oktober 2010

Können elf ältere Menschen mit Gehwägelchen eine Provokation sein? Wie bringt man Demenz auf die Bühne? Was bietet das Seniorentheater in Deutschland? Fünf Tage lang stand vom 29. September bis 3. Oktober 2010 »Herzrasen«, das dritte Theatertreffen [60+], auf dem Programm der Körber-Stiftung und des Deutschen Schauspielhauses. Mehr als zwanzig Theaterstücke von Laien- und Profigruppen waren in Hamburg zu sehen, dazu ein Rahmenprogramm mit Workshops, Audioinstallation und Stadtrauminterventionen. Zum ersten Mal begleitete eine Fachtagung das Seniorentheater-Festival – das dritte, das Schauspielhaus und Körber-Stiftung seit 2006 gemeinsam ausrichteten. Das Schauspielhaus war tagelang fest in der Hand der Generation 60+, aber auch in der Hafencity, im KörberForum, im SeniorenCentrum Horn und im Pflegen & Wohnen-Haus auf der Finkenau wurde gespielt. Mobil mussten die Zuschauer also sein, wenn sie die ganze Bandbreite dieses bundesweit einzigartigen Festivals sehen wollten.

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Rollatorenkonzert am Baumwall
(Foto: Jann Wilken)

Mit Mobilität beschäftigte sich auch die Performance, die schon vor dem offiziellen Eröffnungsabend auf Gehwägelchen gestützt singend durch die Hafencity rollte. Können elf ältere Menschen mit Gehwägelchen eine Provokation sein? Offensichtlich ja, denn der Münchner Chor, der die liebevoll ausstaffierten Rollatoren schob, provozierte einige Reaktionen, aktives Ignorieren war darunter die häufigste, bei einer anderen Tour im Bahnhofsviertel wurden die Sänger sogar beschimpft. Wer die Gruppe begleitete, merkte bereits nach wenigen Metern: Langsamkeit passt nicht in diese Stadt. Passanten drängeln vorbei, schlängeln sich mitten durch, meckern. Der langsame, vielleicht sogar gebrechliche Mensch stört, er ist hier nicht vorgesehen. Was sagt das aus über eine Stadt, eine Gesellschaft?

Vom »Elan Vital« und der Macht der Kunst

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»(b)einfluss(t)« von der Theaterwerkstatt Haus im Park im ausverkauften Malersaal
(Foto: Frederika Hoffmann)

In seinem fulminanten Eröffnungsvortrag am Mittwochabend im KörberForum hatte Deutschlands bekanntestes Altersforscher Andreas Kruse von den verschiedenen Altersbildern gesprochen – er nannte sie »Inszenierungen des Alters« – und von der Macht der Kunst. Wie das Theaterspielen helfen könne, unentwickelte Facetten der Persönlichkeit ans Licht zu bringen, wie die schöpferische Lebenskraft, der élan vital, durch das Spielen sichtbar werde. Das Festival illustrierte seine Thesen auf Schönste.

Eine ganze Reihe Altersbilder in einem Stück bot das Stück »(b)einfluss(t)« der Theaterwerkstatt Haus im Park der Körber-Stiftung, das auch die großen Themen Tod und Demenz nicht aussparte. Im ausverkauften Malersaal zeigte das Ensemble, wie schwierig es ist, einen eigenen, passenden Lebensentwurf im Alter zu finden, ohne sich dabei von den Erwartungen der Gesellschaft überrollen zu lassen. Gleichzeitig machte es deutlich, wie wenig die vorherrschenden, meist schablonenhaften Altersbilder der Vielfalt und der Komplexität dieser Lebensphase gerecht werden. Das Publikum belohnte die Inszenierung mit minutenlangem Applaus.

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»Familienkonferenz« vom Theater Freiburg
(Foto: Frederika Hoffmann)

Doch es war kein Festival nur für Ältere. Viele Stücke fielen, wollte man sie denn unbedingt kategorisieren, eher in die Rubrik Generationentheater. Besonders galt dies für »Familienkonferenz. 100 Jahre Erziehung – 5 Generationen Liebe« vom Theater Freiburg.
Schon die Besetzung spannte einen weiten Bogen, die jüngste der Laienschauspielerin war neun, die Älteste 81. Das Stück beschrieb Erziehung und Zeitgeist der letzten hundert Jahre. Das war stellenweise schmerzhaft mitanzusehen, wenn zum Beispiel das »Konrädchen« ganz im Geist des frühen 20. Jahrhunderts die Puppe nicht zurückgeben will und ihm schließlich mit Gewalt der Willen gebrochen wird. Und es brachte zum Schmunzeln, wenn die Schauspieler allzu bekannte Phrasen der 60er Jahre droschen, »dieses ewige Überpsychologisieren« oder »guck doch mal bei dir«.

Die Perspektive der Enkel auf die Großeltern

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Für »Meine Großeltern. Erinnerungsbüro« wurde 277 Enkelkinder befragt.
(Foto: Frederika Hoffmann)

Aber auch der Blick der Enkelgeneration hatte Raum, so beispielsweise in Mats Staubs Audioinstallation »Meine Großeltern. Erinnerungsbüro«. Für sein Langzeitprojekt befragte der Schweizer Künstler bisher 277 Enkel und Enkelinnen. Eine Auswahl dieser sehr persönlichen Erinnerungen waren in den Räumen des Maritim Hotel Reichshof gleich neben dem Schauspielhaus zu hören. Schon der Ort nahm einen mit auf eine Zeitreise: farbige Butzenscheiben, stoffbespannte Wände, dicke Teppiche. Und während man in kuscheligen Sesseln den Erinnerungen von zum Beispiel Inga aus Süderbrarup oder Wael aus Basel lauschte, kam man nicht umhin, über die eigenen Großeltern nachzudenken. Welche Entwicklung hatten sie durchgemacht? Ob sie sich ihr Alter einst so gewünscht, so vorgestellt hatten, wie wir es als Enkel dann miterlebten?

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Workshop Theater Kritik im Schauspielhaus
(Foto: Frederika Hoffmann)

Einen sehr liebe- und humorvollen Blick warf Enkel Joachim Meyerhoff auf seine Großeltern. Der Wiener Burgschauspieler tat nicht viel mehr, als auf der Bühne in klaren, pointensicheren Sätzen von ihnen zu erzählen und ein paar Fotos zu zeigen. Aber Meyerhoff beobachtete sehr genau und beschrieb mit Detailfreude die Schrullen, den Eigen- und den Starrsinn seiner Großeltern, aber auch ihren zunehmenden Verfall. Von den Wänden voller Haltegriffe in den Badezimmern war die Rede, die nach und nach versetzt worden waren, und wie er an der Position der Haltegriffe das Fortschreiten ihrer Zerbrechlichkeit ablesen konnte. Oder wie die Gespräche mit zunehmender Trunkenheit plötzlich umkippten: »von Kant zum Kotzen, das waren keine zehn Minuten«.

Theaterspielen im Alter: Biografiearbeit, Improvisation, Freiheit

Der vielleicht umstrittenste Beitrag des Festivals war das Theaterstück »Vergissmeinnicht« der Theaterproduktion Propellerfisch , Moers, zum Thema Demenz. Die Reaktionen reichten von totaler Ablehnung bis »ich habe Demenz noch nie so ernst genommen, so von innen her dargestellt gesehen«. In der Frage »wie bringt man Demenz auf die Bühne?« war kein Konsens zu erreichen.

Die »schöpferische Lebenskraft« zeigte sich während des Festivals auf vielen Bühnen. Große Spielfreude war allen Akteuren anzumerken. In den sehr gut besuchten Publikumsgesprächen konnten die Zuschauer tiefer blicken und fanden Kruse Thesen bestätigt. Gerade den Prozess der Stückentwicklung, häufig verbunden mit Biografiearbeit, das Improvisieren, das sich Ausprobieren, hoben die Laienschauspieler als bereichernd hervor. »Ich fand es besonders spannend, dass das Stück noch gar nicht fertig war,« betonte eine Mitspielerin. »Es war eine Art Aufarbeitung meines eigenen Lebens« eine andere. Was Theater bewirken kann, auch mit sechzig, siebzig oder mehr Jahren, sagte besonders deutlich eine der Laienschauspielerinnen der Theaterwerkstatt Haus im Park der Körber-Stiftung: »Seit ich Theater spiele, bin ich frei.«

Spiel mit dem Alter, furioses Spiel der Alten

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»Ich bin das Schausielhaus«, Protest gegen die Sparpläne des Senats
(Foto: Frederika Hoffmann)

Ein furioses Finale setzte exemplarisch auch noch einmal der letzte Festivaltag. Verdrängte Ängste, Festhalten am Alten und doch auch Sehnsucht nach Aufbruch kennzeichneten das Beziehungsstück der Seniorentheatergruppe vom Badischen Staatstheater, »Besuch bei Katt und Fredda«. Nur drei Spielende, Amateure allesamt, gestalteten ein dichtes und bewegendes Kammerstück über Paare im Alter. Dann, mit »Brave New Age« vom Lichthof Theater Hamburg, wurden die Zuschauer von Schauspielern, darunter vor allem solchen im Ruhestand, in eine Science-Fiction-Welt entführt. Bizarr und abstoßend sind die Alten in der Zukunft: 90-Jährige wollen gebären, der medizinische Fortschritt lässt auf das ewige Leben hoffen und Kinder stören nur im Gerassic Park Deutschland. »Aber stellen wir nicht heute schon die Weichen für diese Zukunft – wo sind die Grenzen für Jugendwahn und egozentrische Altersansprüche?« so eine Frage im anschließenden Publikumsgespräch. Ein drittes Stück beschloss den Tag und das Festival – und warf noch einmal einen ganz anderen Blick auf Alter und gelebtes Leben. »Nur ein Gesicht« heißt das Musiktheaterprojekt mit der Tiroler Musichanda Franui und älteren Darstellern aus Bregenz. Die Alten tragen Erinnerungen an die große Liebe vor, die Musiker spielen Liebeslieder von Brahms – in mitreißender Jazzversion. Lieder und Texte erzählen von Liebestollheit, Verlust und Trauer, aber auch von unvergänglichen Gefühlen, von Schönheit und Glück. Nur ein Gesicht – aber was für eines.

Lebendiges Seniorentheater fesselt Publikum und Experten

Elan vital also auf allen Bühnen, aber auch auf den Zuschauerrängen, in den Foyers, Workshopräumen und der Kantine, »wo man ständig im Gespräch war mit anderen Zuschauern«, wie eine Zuschauerin es formulierte. Auch die Grenzen zwischen Theatermachern und Publikum waren fließender als sonst bei Festivals. Viele, die an einem Tag auf der Bühne standen, saßen am nächsten im Publikum. So diente Herzrasen 3 nicht zuletzt auch der Vernetzung der Seniorentheater-Szene.

Dazu trug ebenfalls die begleitende Fachtagung bei, die die Körber-Stiftung dieses Jahr erstmals organisiert hatte. Nie vorher hatte ein vergleichbarer ausführlicher bundesweiter Austausch von Seniorentheater-Machern stattgefunden. Die Experten besprachen alle Stücke und attestierten dem Seniorentheater übereinstimmend »eine weitere Professionalisierung und zunehmende Qualität«. Das quantitativ und qualitativ einmalige Miteinander von Amateur- und Profitheater sei beeindruckend gewesen und das Theatertreffen in Hamburg habe ein einzigartiges Spektrum für die theatrale Annäherung an Altersthemen und unterschiedlichste Altersbilder geboten. Die magere Literaturlage in diesem Bereich wollen die Fachtagungsteilnehmer – Spielleiter, Theaterpädagogen, Regisseure – mit einem Fachartikel mit ihren Beobachtungen und Erkenntnissen verbessern. Eine Erkenntnis war jedoch bereits während des Festivals immer wieder zu hören, da waren sich nach fünf Festivaltagen Zuschauer, Spielleiter, Mitspieler und Veranstalter einig:»Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.«

Solidarität der Kollegen und des Publikums: »Ich bin das Schauspielhaus«

Gleichzeitig drängte sich die ökonomisch-politische Realität seit der Eröffnungsveranstaltung auf die Bühne. Gerade hatte der Hamburger Senat seine Kürzungspläne bekannt gegeben, die unter anderem vorsehen, beim Festival-Partner Schauspielhaus 1,2 Millionen Euro einzusparen. Das Gastspiel des Thalia Vista Social Club im Schauspielhaus geriet am Donnerstagabend zu einer Solidaritätskundgebung. Mit einem Protestmarsch begleitete das gesamte Thalia-Ensemble seine sechs Darsteller auf die große Bühne im Schauspielhaus, wo Peter Jordan nach dem Stück in einer mitreißenden Rede die verfehlte Kulturpolitik des Senats geißelte. Die Zuschauer klatschen sowohl für die Aufführung als auch für das Anliegen schließlich im Stehen. Der Protest zog sich durch das Festival. Mit Ansteckplaketten »Ich bin das Schauspielhaus« demonstrierten viele ihre Solidarität und fast alle Gruppen verlasen nach ihrer Aufführung Solidaritätsadressen. Auch im lebendigen Protest kann sich der élan vital Bahn brechen, in jedem Alter.

Fotogalerie
Film

Wenn Sie Interesse an weiteren Informationen zum Theaterfestival HERZRASEN haben, wenden Sie sich bitte an
Karin Haist
Tel. (040) 808192-165
Anja Paehlke
Tel. (040) 725702-36

Das erste Theaterfestival »Herzrasen« am Schauspielhaus Hamburg
Vorwärts und nicht vergessen. Das Alter neu denken
Von Thomas Lang
Erschienen in: politik und kultur · März – April 2007
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Das zweite Theaterfestival »Herzrasen« am Schauspielhaus Hamburg
Solange ich lebe, muss ich davon ausgehen, dass ich weiterlebe. (Karl Valentin)
Von Thomas Lang
Erschienen in: politik und kultur · Juli – August 2009
Download als PDF

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