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Moderator und H.-U. Klose im Gespräch (Foto: Jann Wilken)

»Alt und endlich frei«

30. März 2010

Was mag wohl in der schwarzen Stofftasche sein, die Hans-Ulrich Klose mit auf die Bühne bringt? Sie wird erstmal zur Seite gelegt. Moderator Andreas Bormann reicht Klose eine amerikanische Papierflagge. »Was verbinden Sie damit?« Schon sind wir mitten im Leben des Hans-Ulrich Klose, der mit 17 Jahren als Austauschschüler in die USA ging. »Es ist auch meine Heimat« sagt er, und dass die vielen Fragen, die er dort zu Deutschland beantworten musste, ihn gezwungen hätten, auf sein Land mit den Augen der anderen zu blicken. So wurde er zu einem Übersetzer, der den Amerikanern die Deutschen erklärte und umgekehrt. Das macht er heute noch. Gerade hat der 72jährige den Posten des Koordinators für deutsch-amerikanische Beziehungen im Auswärtigen Amt übernommen. Sein Bundestagsmandat behält er trotzdem bei – als Garant für Unabhängigkeit. Von Ruhestand also keine Spur. So verfangen die Fragen zum Thema Alter bei Klose nicht sofort, denn »ich lebe nicht in dem Gefühl, alt zu sein. Ich habe den Eindruck, die anderen werden alt, nicht ich« sagt er.

Ob das nun an seinen beruflichen Aufgaben liegt oder an den vielen Treppen, die er täglich steigt, weil er im fünften Stock wohnt ohne Fahrstuhl? Oder daran, dass er bei gutem Wetter mit dem Fahrrad ins Büro fährt – immerhin 7,5 Kilometer ein Weg? Das kann er nicht sagen. Aber er weiß: »neugierig zu bleiben, ist das Rezept, nicht alt zu werden«.

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Hans-Ulrich Klose
(Foto: Jann Wilken)

Dennoch, in seinem Gedicht »Goodbye« von 1997 heißt es »alt und endlich frei«. Stimmt das, macht das Alter frei? »Ich glaube schon. Weil man die Fehler, die man im Leben machen kann, schon alle gemacht hat.« Die Nachfrage, welche er denn gemacht habe, kommt prompt. Klose denkt nach. Das macht er oft. Er überlegt, bevor er antwortet. Diese Bedächtigkeit hat ihm viel Achtung eingetragen. Auf manche Fragen antwortet er gar nicht. Auch das ist eine Antwort, und Moderator Bormann, der das Schweigen aushalten kann bis die Botschaft auch fürs Publikum deutlich ist, respektiert das. Aber Klose hat keine Scheu, über seine Fehler zu sprechen. »Ich bin vielleicht zu früh Bürgermeister geworden.« Mit 37 Jahren war er der jüngste Erste Bürgermeister, den Hamburg je hatte. »Ich war noch nicht gefestigt. Man denkt dann, es gibt nichts wichtigeres als die Politik, und hält sich für genauso wichtig wie das Amt. Beides ist falsch«. Wann wäre er alt genug für dieses Amt gewesen? »Vielleicht wäre ich es besser mit 45 geworden.« Er hängt einen Satz an, der zu Heiterkeit unter den Zuhörern führt: »Richtig erwachsen war ich so mit fünfzig.« Während im Publikum manch einer nachrechnet, wie lange er nach dieser Definition erst erwachsen ist, erklärt Klose, was »erwachsen« für ihn bedeutet: »Sehr gut nachzudenken vor wichtigen Entscheidungen und die getroffene Entscheidung noch zwei-, dreimal in Frage zu stellen.«

Reden die jungen Politiker in der SPD mit den Alten? Nutzen sie seine »Altersweisheit«, indem sie ihn um Rat fragen? »Ja wir sprechen miteinander. Direkt fragen sie nicht, aber sie kommen, um schwierige Themen zu besprechen, beispielsweise Afghanistan.« Weil ihnen die Erfahrung fehle, die nur das Alter, das lange Leben in der Politik bringt. Deswegen das Regieren den Alten zu überlassen, sei aber nicht der richtige Weg. »Demokratie funktioniert nur, wenn alle sich irgendwo beteiligen, egal ob in Parteien oder bei amnesty international oder sonstwo. Es ist gut, dass die Jungen Politik machen.«

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Moderator Andreas Bormann
(Foto: Jann Wilken)

Politik ist ein anstrengendes Geschäft. Wie es denn um seinen Kräftehaushalt bestellt sei, will Bormann wissen. Wer transatlantische Beziehungen pflegt, muss häufig in die USA fliegen, das schlaucht schon Vierzigjährige. Aber Klose ist keiner, der jammert. Ja, der Jetlag beim Hinflug sei anstrengend, aber für den Rückflug habe er ein Rezept: »Nach dem Flug anderthalb Stunden schlafen, wieder aufstehen und abends eine Flasche Rotwein«. Dass er mit einer Ärztin verheiratet sei, helfe auch. Seine Frau erwähnt er an diesem Abend mehrmals. Mal erklärt er die Arbeitsteilung im Hause Klose (er kocht), mal lobt er ihre Autofahrkünste, mal bewundert er ihren Aufstieg aus einem bildungsfernen Haushalt bis zum Doktortitel. Und ganz am Ende, als das Geheimnis der Stofftasche gelüftet wird, ist sie auch wieder Thema. Jedes Mal scheint Respekt und Liebe durch.

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Das Theater im Haus im Park
(Foto: Jann Wilken)

Aus dem Publikum kommen vor allem politische Fragen. Was Klose denke, wenn er höre, dass jemand mit fünfzig als nicht mehr vermittelbar gilt. »Das schadet dem Land« sagt Klose sehr klar. Ebenso, dass das Rentenalter festgeschrieben sei. Er verweist auf die USA, wo feste Altersgrenzen als verfassungswidrig gelten, weil sie Alte diskriminieren. »Wir müssen diese Regelungen hier ändern.« Sonst verliere Deutschland zu viel Know-How »Emeritierte Professoren gehen in die USA, wo sie Siebenjahresverträge bekommen.« Dennoch will er niemanden verpflichten. Wer nach einem langen Arbeitsleben die Füße hochlegen wolle, solle das tun. »Das ist eine private Entscheidung.« Aber er zitiert eine Bochumer Studie, nach der fünfzig Prozent der Befragten sagen: »die ersten drei Monate in Rente waren toll, danach hätte ich gern wieder gearbeitet« – »Warum hindern wir sie daran?« Das Potential der Alten zu nutzen, das sieht er als Aufgabe der Politik. Und, ja, sie habe den demografischen Wandel verschlafen, sie hätte viel früher und besser reagieren können.

Ein Gespräch im Haus im Park in Bergedorf, Kloses Wahlkreis, kann nicht vollständig sein ohne Fragen nach seiner Partei, der SPD. Warum er noch mal kandidiert habe, ist so eine. »Wegen des Friedens mit meiner Partei« sagt er und der Parteifrieden taucht noch einmal auf an diesem Abend. Klose erklärt ihn sehr persönlich: »Ich möchte mir die SPD als Heimat erhalten, weil die Definition meiner Heimat ansonsten schwierig ist« sagt der 1937 in Breslau geborene. »Ich war nie ein hundertprozentiger Sozialdemokrat, ich bin ein siebzigprozentiger. Weil ich überzeugt bin, dass es keine Partei gibt, der man hundertprozentig zustimmen kann. Da finde ich siebzig Prozent schon ziemlich viel.«

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H.-U. Klose mit Besuchern im Gespräch (Foto: Jann Wilken)

Am Ende greift er dann in den schwarzen Stoffbeutel. Er zieht drei schmale, graue Bände hervor. Der Politiker Hans-Ulrich Klose ist weit bekannt, der Dichter Hans-Ulrich Klose kaum. Dabei schreibt er seit seinem zehnten Lebensjahr. Ein Gedicht von ihm gab den Titel des Abends vor, ein Gedicht beschließt ihn. Klose trägt es selbst vor. Es geht um Zeit, Warten, Liebe, seine Frau.
Stimmt – der Mann ist alt und endlich frei.

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