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v.l. Hermann Schreiber, Andreas Bormann (Foto: Jann Wilken)

Hermann Schreiber: »Das gute Ende. Wider die Verdrängung des Todes«

19. April 2011

Der Tod ist kein Thema, mit dem man große Säle füllt. Dennoch und trotz des hinreißend schönen Wetters waren gut zweihundert Zuhörer ins Haus im Park gekommen, um dem Gespräch zwischen Moderator Andreas Bormann und dem streitbaren Publizisten Hermann Schreiber zu lauschen. Eingestimmt wurden sie von Elisabeth Hartmann aus dem Team der Hörbücherei des Hauses, die Passagen aus Schreibers Buch »Das gute Ende. Wider die Verdrängung des Todes« eindringlich vortrug. »Der Tod stört«, las sie, und »Der Tod ist immer der Tod der anderen.«

Das Thema Tod beschäftigt den heute 82jährigen Schreiber seit dem Sterben seiner Mutter vor zwanzig Jahren. Dass er sie hat allein sterben lassen, dass er nicht bis zum Ende bei ihr geblieben ist, bereut er noch heute. »Ich habe versagt, was den Tod meiner Mutter angeht.« Und so sei sein Buch auch der Versuch, diese als Versagen empfundene Flucht vor dem Tod aufzuarbeiten.

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Elisabeth Hartmann
(Foto: Jann Wilken)

»Heute denke ich jeden Tag an den Tod«

»Ich war ein großer Verdränger, das ist mir nach dem Tod meiner Mutter klar geworden.«
Damit steht Schreiber nicht allein. Verdrängung, Wegschauen ist der übliche Umgang mit Tod und Sterben in unserer Gesellschaft. Meist blicken wir erst in diese Richtung, wenn der Tod eines nahen Menschen oder die eigene Hinfälligkeit uns dazu zwingen. »Aber ist das nicht menschlich?« wirft Bormann ein. »Ja, das ist menschlich, aber es hilft nichts, es macht das Ende des Lebens nur schwerer. Ich denke jeden Tag über den Tod nach.« »Hilft das?« fragt Bormann. »Ich weiß es nicht. Aber etwas Besseres weiß ich auch nicht.«

»Ich weiß es nicht« wird er noch mehrmals sagen an diesem Abend. Wer Hermann Schreiber als streitlustigen, teilweise bissigen NDR-Talkshow Moderator in Erinnerung hatte, war überrascht, einen sehr ernsthaften, bedächtigen Menschen auf der Bühne zu sehen. Zwar lieferte er sich auch mit Moderator Andreas Bormann leichtes Führungsgerangel, allerdings nur ums Nachfüllen der Wassergläser.

»Macht die Beschäftigung mit dem Tod nicht depressiv?« will Bormann wissen. »Nein, ich finde, sie hilft sogar, die Depression zu bewältigen. Sie verändert den Blick auf die verbleibende Zeit, sie wird kostbarer.« Sogar sinnstiftend sei sie: »Wenn man weiß, dass das Leben endet, kann man es doch ganz anders wertschätzen.«

Wo es um den Tod geht, ist die Angst nicht weit. »Haben Sie Angst vor dem Tod?« »Eher vorm Sterben. Weil man nicht weiß, wie es abläuft, vielleicht mit Schmerzen, Verlorenheitsgefühlen, Einsamkeit.« Er sagt »man«, nicht »ich« und schafft damit ein bißchen mehr Distanz zwischen dem Sterben und sich. Dasselbe macht er mit witzigen Bonmots: »Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Tote Menschen haben keine Probleme.«

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Hermann Schreiber, Andreas Bormann (Foto: Jann Wilken)

Religion ist für mich keine Lösung

Fragt man Menschen, wie sie sterben möchten, antworten die meisten: »Im Schlaf«. Auch Hermann Schreiber wünscht sich einen solchen unbemerkten Tod. Vor allem aber möchte er gesund sterben, habe Angst ein Pflegefall zu werden, nicht mehr selbst über den Tagesablauf bestimmen zu können. In seiner Patientenverfügung hat er sich Wiederbelebungsmaßnahmen verbeten, weil sie oft mit starken Behinderungen verbunden sind. Das ist seine Angstbewältigungsstrategie: regeln, was man regeln kann. Aber der Tod selbst lässt sich nicht regeln. Wie also umgehen mit diesem großen Unbekannten, der sicher kommt?
»Ist Religion eine Lösung?«
»Für mich nicht«.
»Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?«
 »Nein, das kann nicht meine Angstbewältigungsstrategie sein.« Sein Vorbild sei sein Freund Hans-Joachim Friedrichs, den er auf dem Sterbebett dazu befragt habe. Dessen Antwort: »Ich habe ein gutes Leben gehabt, und das geht jetzt zu Ende.«
»Um diese Haltung bemühe ich mich.«

»Meine Bilanz ist positiv«

Dabei sei es natürlich wichtig, wie die Lebensbilanz aussehe. »Ich denke, dass eine positive Bilanz das Sterben leichter macht. Meine Bilanz ist positiv.« Und aufzuräumen empfiehlt er: »Lose Ende helfen sicher nicht beim Sterben. Man sollte klären, was zu klären ist. Ich will ja kein Chaos hinterlassen.«
»Haben Sie alles geregelt?«
»Meine Frau hat das geregelt.«
»Braucht ein Mann eine Frau, um das zu regeln?«
»Ich glaube schon. Ich jedenfalls«.

Alter ist nicht gleich Alter

Zu zeigen, dass das Alter kein einheitlicher Lebensabschnitt ist, sondern in verschiedenen Phasen und vielen Facetten erlebt wird, ist das Ziel der Reihe »Altersbilder« in der Körber-Stiftung. Auch Hermann Schreiber machte das einmal mehr deutlich. »Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine Sieben oder eine Acht vorn beim Alter steht.« Gerade in dem Jahrzehnt zwischen siebzig und achtzig gehe viel verloren »Mit siebzig habe ich noch ungeheuer viel vor gehabt, habe umgesattelt, bin zum Theater und zum Film gegangen. Ich war, verglichen mit heute, voller Energie. Ein Buch zu schreiben traue ich mir heute nicht mehr zu, das ist ja eine Mordsanstrengung, so ein langer Text.« Das klingt nur ein kleines bisschen trauernd, eher als fehle auch die Energie, sich dagegen aufzulehnen.

An anderer Stelle jedoch wirkt Schreiber durchaus energisch:
»Mich stört der Versuch, das Alter zu verharmlosen, es nicht nur schön zu reden, sondern zu maskieren. Ich bin kein Senior und kein älterer Herr, ich bin ein alter Mann.«
»Wann haben Sie das für sich beschlossen?« will Bormann wissen.
»Das habe ich nicht beschlossen. Die Erkenntnis drängte sich auf. Irgendwann nach meinem achtzigsten Geburtstag. Seither ist fast nichts mehr so, wie es war.«

Man hat keinen Anlass, an seinen Worten zu zweifeln, und doch ist man geneigt, Schreiber, der im Nadelstreifenanzug und mit weißem Hemd auf der Bühne sitzt, eher als älteren Herrn zu bezeichnen denn als alten Mann. Auch wenn seine Hände ein wenig zittern.

Der Tod ist kein Thema, mit dem man große Säle füllt. Aber er kommt in jedes Zimmer, irgendwann. Ob’s hilft, wenn man sich intensiv mit ihm beschäftigt, wie an diesem Abend? »Ich weiß es nicht,« sagt Hermann Schreiber. »Aber ich weiß auch nichts Besseres.«

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