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Max Schautzer
(Foto: Jann Wilken)

 »Rock’n’Roll im Kopf, Walzer in den Beinen«  

8. Juni 2010

»’Sie sind zu alt’ –  wo haben sie das zuletzt gehört?«, eröffnet Moderator Andreas Bormann ohne Umschweife das Gespräch. Denn dass Max Schautzer an diesem Abend auf einem Ledersessel im Lichthof des BegegnungsCentrum Haus im Park sitzt, hat seinen Ursprung in jenen vier Wörtern. »Sie sind zu alt«, mit dieser Begründung wurde er mit 63 Jahren als Moderator bei der ARD ausgemustert. Im Rahmen der Verjüngungskur des Senders, auf der Jagd nach den angeblich werberelevanten Zuschauern zwischen 14-49 Jahren, sollten die Gesichter auf dem Schirm jünger werden. Er hört den Satz am Handy auf der Autobahn.
Wie er sich gefühlt hat, sagt er nicht. Auch Nachfragen können dem Medienprofi Schautzer seine Seelenlage nicht entlocken. Dennoch kann man sich ausmalen, wie es ihn getroffen haben muss. Plötzlich und unfreiwillig ohne die vertraute Arbeit und all ihre Bezüge zu sein, ist für jeden schlimm. Für jemanden, der es gewohnt ist, in der Öffentlichkeit zu stehen, als Prominenter behandelt zu werden, muss es noch schlimmer sein. Plötzlich ohne Aufträge. Plötzlich ohne Fernsehen nach 39 Jahren bei der ARD, ein Jahr, bevor er sein 40. Jubiläum hätte feiern können. Und er kann nichts tun. Sein Alter kann er nicht ändern. »Zu alt« ist ein Totschlagargument.

Aber wer weiß, vielleicht war es sein Glück? Ein Wendepunkt war es allemal. Denn Schautzer scheint nach dem Abschied von der ARD sein Thema gefunden zu haben. Er schreibt ein Buch »Rock’n’Roll im Kopf, Walzer in den Beinen«. Es handelt auch von seinem Rauswurf, vor allem aber vom Umgang mit Menschen über fünfzig allgemein. »Antworten auf den Jugendwahn« lautet der Untertitel. Moderator Bormann wundert sich »Sie sind ja kein Soziologe«. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Soziologie hat Schautzer zwar nicht studiert, aber ein überraschendes Detail, das die Zuhörer an diesem Abend erfahren, ist, dass er ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hat und danach als Wiens jüngster Devisenhändler an der Börse arbeitete. Wirtschaftliche Zusammenhänge überblickt er also. Was die alternde Gesellschaft für die Sozialsysteme bedeutet, kann er einschätzen. »Das System ist verkehrt, nicht die Gesellschaft.« Das lässt ihm das Publikum später nicht durchgehen »Systeme werden von Menschen gemacht«, beharrt ein Zuschauer.

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Foto: Jann Wilken

Aber Schautzer hat diese freundliche, konziliante Art. Ohne es direkt zu sagen, vermittelt er »wir wollen doch alle dasselbe«. Gleichzeitig hat er die Gabe, abstrakte Begriffe und Zahlen in menschliche Schicksale zu übersetzen. Er ist immer nah dran an den Menschen, hier merkt man ihm das jahrzehntelange Training an. Stets hat er eine Beispielgeschichte, ein echtes Menschenschicksal zur Hand, das erläutert, was demografischer Wandel für den Einzelnen bedeutet; warum es falsch ist, ältere Arbeitnehmer nach Hause zu schicken, anstatt ihr Potential zum Wohle Aller zu nutzen. »Wir sind Demografie« zitiert er den Titel einer Ausstellung und niemand macht das so freundlich und anschaulich wie Max Schautzer.
Eine quasi-soziologische Typologie der Generation 50 + hat er auch entwickelt. Darin teilt er die Älteren in vier Gruppen ein: Die Aktiven, die teilnehmen, mitreden, mitwirken wollen. Seiner Einschätzung nach sind das die meisten. Dann die Unauffälligen, über die sich naturgemäß nicht viel sagen lässt, sowie die Schwachen, die unsere Hilfe brauchen. Und als vierte Gruppe die Weisen.»„Und welcher Typ sind Sie?» Schautzer lacht, die Frage hat er erwartet. »Von jedem etwas.«

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Andreas Bormann
(Foto: Jann Wilken)

Ist er, der nächsten Monat siebzig wird, alt? »Ich habe mich nie alt gefühlt. Zu meiner Zeit haben 50jährige ausgesehen wie 70jährige, heute sehen 70jährige aus wie fünfzig.« Das gilt auch für ihn. Was tut er, um so auszusehen? »Gesund leben, viel Bewegung, adäquater Sport. Deswegen spiele ich jetzt Golf.«
Zur Überraschung auch von Moderator Bormann entpuppt sich Max Schautzer an diesem Abend als gut informierter, politischer Mensch. Er hat eine Meinung und er sagt sie auch. »Herr Schautzer, Sie erstaunen mich, Sie könnten als sozialpolitischer Sprecher irgendeiner Partei arbeiten«. Das will Schautzer nicht, aber das Kompliment lässt er sich gern gefallen. »Sie sollten keine Vorurteile haben«, rät er und hat die Lacher des Saales auf seiner Seite.
Was waren weitere Wendepunkte in seinem Leben? »Dass ich aus Österreich nach Deutschland ging, um als Plattenjockey zu arbeiten.« Wie bitte? Max Schautzer war DJ? »So hieß das damals noch nicht als ich in Deutschlands erster Diskothek, dem Aachener Scotch-Club, Platten aufgelegt habe. Damals habe ich gelernt, vor Publikum zu arbeiten und mit Musik zu manipulieren.«
Weil sein aktuelles Projekt ein Fernsehsender für die Generation 50+ ist, taucht die Frage auf, was Fernsehen kann. Nur verdummen oder auch Impulse geben? Schautzer glaubt an Impulse, sieht sie im gegenwärtigen Programm aber nicht. Kann Fernsehen aktivieren, will eine Zuschauerin wissen. Kann Fernsehen helfen, wenn man ohne Familie ist und auch die Freunde allmählich wegsterben? »Ja, ein anderes Fernsehen!«. Gleichzeitig appelliert er an die Eigenverantwortung: »Man kann nicht den Medien die Schuld geben, jeder ist für seine Freizeit- und Lebensgestaltung selbst verantwortlich.« Die Eigenverantwortung sieht er auch, wenn das Schicksal es mal nicht so gut mit einem meint: »Wendepunkte im Leben werden meist vom Schicksal ausgelöst, aber es liegt an mir, wie ich damit umgehe. Ob ich resigniere oder etwas tue.«

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Foto: Jann Wilken

Was wird der Sender des ganz und gar nicht resignierten Herrn Schautzer zeigen? Bonanza? Raumschiff Orion? »Auch. Sich erinnern dürfen ist wichtig.« Ein zustimmendes Murmeln geht durchs Publikum. Außerdem wird er Gesundheits-, Finanz- und Reisemagazine senden, mit Inhalten für Ältere. »Ein Reisemagazin für Menschen über fünfzig muss anderes bringen als eines für 25jährige.« Aber er plant auch Sendungen, in denen Ältere und Jüngere sich gegenseitig etwas erklären, im Stile des Bestsellers »Opa, ich erklär dir das Internet«. Die Generationen zusammenzubringen ist ihm ein Anliegen. Das wird an diesem Abend mehrmals deutlich, wenn er zum Beispiel von dem jungen Firmenchef erzählt, der nur aus Not einen älteren Diplomingenieur einstellte und inzwischen eine altersgemischte Belegschaft zur Firmenpolitik erhoben hat, weil alle Mitarbeiter und der Umsatz davon profitierten. Oder wenn er die Kritik der Jungen am Rentensystem ebenso versteht wie die Sorge der Alten um ihr Auskommen.
Den Begriff »Senioren-Sender« lehnt er übrigens ab. »50jährige fühlen sich nicht als Senioren.« Ihm glaubt man das aufs Wort. Und wird er selbst wieder auf dem Schirm zu sehen sein? »Wenn es passt.«

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