Süßer Vogel Jugend
23. November 2010
Hellmuth Karasek hat das Treppchen zur Bühne noch nicht ganz erklommen, da macht er schon seinen ersten Witz. Während er vorsichtig und etwas steif Stufe um Stufe nimmt, erklärt er »Ich bin vor zwei Tagen gestürzt, deswegen gehe ich so alt.« Das Publikum im ausverkauften großen Saal des Hauses im Park lacht. Das wird es an diesem Abend noch sehr oft tun.
Der Journalist Karasek, 76, war Kritiker bei der »Zeit«, Kulturchef des »Spiegel« und Mitglied des »Literarischen Quartett« im ZDF. Heute arbeitet er vor allem als Autor. Passagen aus seinem Buch übers Alter »Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten« trägt der ehemalige Filmemacher Axel von Koss, der im Bergedorfer BegegnungsCentrum Hörbücher einspricht, vor. Seine lebendige Lesung bereitet der guten Laune den Boden. Von Koss liest Karaseks genaue, schonungs- aber nicht mitgefühllose Selbst- und Fremdbeobachtungen. Vom eigenen »scheinbar beschwichtigenden, aber in Wirklichkeit hypochondrisch aufwiegelnden« Verhalten ist da die Rede und von Altersschwächen wie »Weitschweifigkeit, wachsender Eitelkeit oder Nabelschau. Die Nabelschau fällt schrecklich aus, weil ein alter Nabel nicht mehr zum Ausstellen geeignet ist.«
»Der Klettverschluss ist eine Kapitulation«
So richtet sich der Blick des Moderators dann auch nicht auf die Körpermitte, sondern auf die Füße. Ein Paar Schnürsenkel hat Andreas Bormann für Karasek mitgebracht. Der lässt sich nicht lange bitten und erläutert, warum Schnürsenkel für ihn so wichtig sind. »Schuhe mit Klettverschluss werde ich nie tragen. Der Klettverschluss ist eine Kapitulation.«
Zu der ist er nicht bereit, auch wenn ein offener Schnürsenkel im Bäckerladen mit über siebzig eine Herausforderung darstellt. »Ich schaue mich um: gibt es irgendwo eine Stoßstange, eine Treppe, auf die man den Fuß stellen könnte? Eine Bank?« Alles, nur nicht mit hochrotem Kopf am Boden knien.
Karasek beschreibt die Lächerlichkeiten des Alters, das ihn, wie alle anderen, mit vielen unwürdigen Ansinnen belästigt, selbstironisch und fein. Ohne hilfreiche Stoßstange, aber erhobenen Hauptes geht er schließlich von dannen, mit ausholendem Schritt darauf achtend, nicht auf den offenen Senkel zu treten. Zur Begeisterung der Zuschauer macht Karasek das auf der Bühne vor. Dabei gibt er dem Publikum viel zu lachen, aber es ist ein Lachen mit ihm, nicht über ihn. Es sind diese kleinen Alltagsszenen, in denen die Zuhörer sich wieder erkennen. Dass er am Ende scheitern muss, weiß Karasek. Das macht den Kampf um so tapferer.
An diesem Abend trägt er hellbraune Budapester – natürlich mit Schnürsenkeln. Dazu Jeans (»die hatte ich schon an«), ein weißes Smokinghemd mit offenem, kokett aufgestellten Kragen und ein graues Jackett. Die Schuhe sind, das ergibt Bormanns Inspektion, korrekt gebunden, aber ein Senkel franst aus.
»Die Technik lässt mich inzwischen links liegen«
»Sind Sie altmodisch?«, will Bormann wissen und spielt auf Karaseks Lexikonsammlung an, die dieser der Internetrecherche vorzieht. Wie er zu moderner Technik steht, sagt Karasek nicht direkt, sondern antwortet wie meistens mit einer Anekdote. Hotels bewerte er inzwischen »nach der Länge der Schuhlöffel, und ob man die Lichtschalter bedienen kann«. Als er in einem Hotel die Leselampe ausschalten wollte, sei im Badezimmer Musik angegangen und die Rollläden hoch- und runter gefahren. »Bis ich die Leselampe bedienen konnte, hätte ich einen Airbus über den Atlantik fliegen können.« Aber er schiebt das nicht allein aufs Alter. »Auch bei jungen Leuten sehe ich Zusammenbrüche. Wenn man im System verendet, gibt es kaum Trost.« Dann sagt er diesen wunderbaren Satz »Die Technik lässt mich inzwischen links liegen.« Und ergänzt: »Meine Frau hat mir einen I-Pad geschenkt und dazu einen schrecklichen Satz gesagt: Der ist idiotensicher.« Der Saal lacht.
Das Lachen ist fast immer zustimmend, nur einmal, als es um Stuttgart 21 geht, regt sich Widerspruch. Karaseks Einschätzung, viele wendeten sich aus Eigennutz gegen das Projekt (»Baulärm bitte woanders«) provoziert einige laute »Nein« im Publikum. Aber auch Applaus.
Reden wir über Frauen
»Reden wir über Frauen«, sagt Bormann und als erstes fällt Karasek dazu ein, dass Casanova seine Liebesabenteuer mit 43 einstellte. »Finden Sie das zu früh?« Karasek schweigt ein wenig, was selten vorkommt an diesem Abend.
»Ich bin jetzt 73, in drei Jahren stelle ich das ein.« Das Publikum lacht, obwohl der Witz hinter dem Witz – Karasek wird im Januar 77 – den meisten entgehen muss.
»Kommen Frauen inzwischen auf sie zu, aber sehen sie nicht an?« Aus dem Saal tönt ein mitfühlendes »ooh«. »Das kenne ich eher aus Erzählungen von Freundinnen, die berichten, dass Männer durch sie hindurch sehen. Mir passiert das nicht. Aber sie gucken wie ‚den kenne ich aus dem Fernsehen’. Doch die Blicke sind anders als früher. Die Blicke von früher hätte ich noch gern.«
Würde, das Wort fällt an diesem Abend kaum, aber dennoch geht es fast einzig und allein darum. Karaseks Anekdoten und Witze sind vor allem ein Versuch, dem Alter die Würde zurückzugeben. Dabei ist er scharf in der Beobachtung, aber milde im Urteil, sich selbst und anderen gegenüber. Altersmilde wirkt das nicht, eher wie ein Persönlichkeitszug. Man merkt, er hat Verständnis fürs Menschliche und Allzumenschliche.
»Wir lachen über das, was eigentlich schmerzt«
»Wir lachen hier sehr viel. Wie wichtig ist Humor?« fragt Andreas Bormann. »Er hilft, das Leben zu bestehen. Wir lachen über das, was eigentlich schmerzt«, sagt er. »Machen Sie auch Witze über das Alter?« »Oh, Ja!« sagt er und schließt einen weiteren Witz an.
Mit Fragen über den Tod seiner Mutter versucht Bormann, das Gespräch weg von den Witzen in ernstere Bahnen zu lenken, allein – Karasek ist unlenkbar und das Publikum für weitere Witze dankbar.
»Ihre Mutter ist gestorben, da waren sie 71. Haben Sie sich da Gedanken gemacht: so möchte ich auch sterben?« »Nein. Nein. Nein. Nein.« Viermal wiederholt Karasek die Negation, es scheint ihm sehr ernst. »Ich habe mir eine Feigheit angewöhnt im Leben. Bestimmte Gedanken mache ich mir erst, wenn die Zeit dazu gekommen ist.« Dass das am Ende gut gehen wird, scheint er nicht zu glauben, denn er vergleicht sich mit jemandem, der vom Hochhaus fällt und der, als er am 34. Stock vorbeifliegt, denkt, »bis hierher ist doch alles gut gegangen.«
»Haben Ihre Kinder eine Patientenverfügung?«, fragt Bormann. »Ich habe eine mit meiner Frau gemacht. Aber eine haben und sie benutzen, sind doch zwei sehr unterschiedliche Dinge. Ich habe bisher keine Ahnung.«
Zum Ende möchte der Moderator noch wissen »haben Sie einen ‚Hätte-Schmerz’? Etwas, was Sie gern getan hätten, wofür es zu spät ist?« »Ja! Ich wäre gern noch Virtuose geworden. So gut Klavier spielen wie Rubinstein würde ich gern können. Ich kann ein bisschen singen, das durfte ich bei Ina Müller zeigen.«
Bormann: »Hab’ ich im Internet gesehen, das war eine Katastrophe.«
Karasek: »Ja, meine Frau sagt das auch. Sie und meine Frau verstehen nichts von Gesang.« Und während des Publikum noch lacht, steigt Karsasek langsam und vorsichtig die Treppe von der Bühne wieder herunter.
Veranstaltungen
Bücher
KörberPodcasts
Videos
Unsere Schwerpunkte





Klicken Sie auf ein Bild für mehr Info.



































