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Inge Jens (Foto: Jann Wilken)

Inge Jens »Unvollständige Erinnerungen«

22. Februar 2011

Am Anfang diese Abends steht ein Filmausschnitt, in dem Inge Jens unter anderem sagt: »Ich habe einen Mann geheiratet, mit dem ich mich unterhalten konnte. Unsere Diskussionen, unsere geistige Partnerschaft ist über fünfzig Jahre hinweg ein bedeutender Bestandteil unserer Ehe gewesen. Das alles gibt es nicht mehr.«

Die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Inge Jens, 84, und ihr Mann, der Rhetorikprofessor Walter Jens, 87, sind sechzig Jahre verheiratet. Sie haben ein Leben zwischen Literatur und gesellschaftlicher Einmischung gelebt und gehörten jahrzehntelang zur intellektuellen Elite der Republik. Noch 2003 landeten sie mit der gemeinsam verfassten Biografie Katia Manns »Frau Thomas Mann« einen Bestseller. Seit 2004 leidet Walter Jens an Altersdemenz. Der Filmausschnitt zeigt ihn im Gespräch mit seiner Frau, aber auch später, als das Gespräch schon nicht mehr möglich ist. »Anwesend-abwesend« wird Inge Jens seinen Zustand beschreiben. Und anwesend-abwesend ist Walter Jens auch an diesem Abend im Theatersaal des Haus im Park in Bergedorf. Nicht zugegen, aber präsent in den Erzählungen seiner Frau und den Erinnerungen vieler im Saal.

So klar und gefasst, wie sie den Verlust im Film benennt, erscheint Inge Jens auch auf der Bühne. Groß, schlank, leicht gebräunt, silberner Kurzhaarschnitt, schwarze Hose, grauer Rollkragenpullover, karierter Blazer. Eine »sehr norddeutsche Erscheinung« (Klaus Harpprecht).

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Fast 400 Besucher bei der Reihe AltersBilder im Haus im Park wollten Inge Jens hören und sehen.
(Foto: Jann Wilken)

Dankbar für 52 Jahre Glück

»Wo ist ihre Trauer?« fragt Moderator Andreas Bormann. »Die Zeiten, in der die Trauer mich gelähmt hat, sind hoffentlich vorbei,« sagt Jens. Sinnvolle Arbeit helfe. »Sie können auch traurig arbeiten.« Und die Rückschau gebe ihr Trost. Dankbarkeit ist ein Wort, das Jens selbst nicht benutzt, dass aber ihre Haltung beschreibt: »Wie gut es uns in 52 Jahren Gemeinsamkeit gegangen ist. Das sind 52 Jahre großes Glück und acht Jahre nicht so großes Glück. Es ist auch nicht unmenschlich. Es ist grauenvoll, es gehören schreckliche Dinge dazu, aber mein Gott, es hat auch unglaublich viele Dinge gegeben in meinem Leben, die wunderschön waren, und da habe ich mich auch nicht gefragt, warum das nun gerade mir passiert.« Und »eine Krankheit zerstört nicht die Vergangenheit. Auch nicht die Gegenwart, wenn man auf eine so lange Gemeinsamkeit zurückblicken kann. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn er mit vierzig krank geworden wäre.«

»Ich gehöre zu seiner Umgebung wie ein vertrautes Stück Möbel«

Ohne viel Aufhebens, ohne Dramatik, aber ebenso ohne Schönfärberei beschreibt sie das Leben mit ihrem dementen Mann, den sie mit zwei Helfern zu Hause pflegt. »Ich gehöre zu seiner Umgebung wie ein vertrautes Stück Möbel. Als Person nimmt er mich nur in manchen Situationen wahr.« Nicken im Saal, zustimmendes Brummen von denjenigen, die das aus eignerer Erfahrung kennen. »Es gibt Momente, da gehe ich raus, weil ich weinen muss.«
Das erste halbe Jahr, vielleicht das erste Jahr sei das schlimmste. »Wenn Sie noch keine Strategie haben und sich dagegen stemmen. Ich hatte das große Glück, Freunde zum Reden zu haben.«

Wie wenig sich das Leben mit Demenz in unsere normalen Lebens-Kategorien passt, und wie schwer es ist, auf die sich ständig verändernden Anforderungen einzustellen, klingt durch: »Es gibt keine Normen bei Demenz. Versuchen Sie, was möglich ist. Alles ist einfacher, wenn sie einmal kundig eingewiesen werden und ihnen jemand erzählt, was auf sie zukommt.« Gleichzeitig: »Es spielt keine Rolle, was sie gelernt haben, wenn sie gelernt haben, auf die Bedürfnisse des Kranken zu achten. Was rational sinnlos ist, macht auf der Gefühlsebene Sinn.«

Ihre Ausführungen sind offen und klar, man spürt, da hat jemand die riesengroßen Belastungen, die der Verlust des geliebten Gesprächspartners und die Pflege eines Demenzkranken darstellen, selbst durchlebt, aber eben auch durchdacht, versucht, sie einzuordnen, sie zu benennen, um sie handhabbar zu machen. Und am Ende doch erkannt, dass nur das Akzeptieren bleibt.

Es braucht Freude an der Sprache, an der Suche und am Denken, um die richtigen Worte und Begriffe zu finden. Inge Jens hat das ihr Leben lang getan. In ihren behutsamen, treffenden Kommentaren der von ihr herausgegebenen Bücher, in den Diskussionen mit ihrem Mann. Jetzt beschreibt sie das Leben mit einem Demenzkranken behutsam aber genau, schonungslos, aber eben deswegen auch so wahrhaftig und menschlich. Sie verschweigt nicht, dass sie manchmal zu ihm ungerecht war, dass es Phasen gab, in denen sie sich nicht freute, nach Hause zu kommen. Sie spart auch die Tatsache nicht aus, dass Demenz auch körperlichen Verfall bedeutet, Inkontinenz zum Beispiel.

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Inge Jens und Andreas Bormann im Gespräch
(Foto: Jann Wilken)

Das Publikum folgt ihren Ausführungen sehr aufmerksam, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Auch Moderator Bormann fragt an diesem Abend weniger als sonst, greift seltener ein, er lässt Inge Jens sprechen. Ein Eingreifen ist auch nicht nötig, sie hat nicht den geringsten Hang zur Selbstdarstellung.

Hin und wieder versucht er, mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Aber das ist nicht leicht: »Ich habe mich, soweit ich weiß, noch nie sehr für mich interessiert.« Das ist keine Koketterie. Bormann versucht es trotzdem »Wie haben Sie es geschafft, an der Seite von Walter Jens eigenständig zu werden?« Inge Jens sieht da kein Problem »Er war zu Anfang noch keine öffentliche Persönlichkeit. Ich hatte nie das Gefühl, nicht mithalten zu können. Er war ja auch klein, als wir anfingen.« Auch waren ihre Interessen zwar ähnlich, aber doch abgegrenzt: »Er schrieb sehr gern selbst. Ich hatte nie Ehrgeiz selbst zu schreiben. Und Briefe heraus zu geben ist Fieselarbeit. Mir hat das Spaß gemacht, er mochte diese Arbeit nicht. Erst als sehr erfahrenes Ehepaar haben wir angefangen, gemeinsam zu schreiben. Da war er schon achtzig.«

Katia Mann und Inge Jens

Bormann sieht Ähnlichkeiten mit der von ihr porträtierten Katia Mann. Außer, dass sie beide berühmte Männer hatten, kann Jens das nicht finden. »Walter war ja kein Narzisst wie Thomas Mann und ich hatte auch nur zwei Kinder.« Aber eine Gemeinsamkeit gab es doch: genau wie im Hause Mann war es auch bei Jensens die Frau, die das Auto fuhr »Er war viel zu leicht abzulenken, wenn er am Straßenrand etwas sah, wollte er darüber nachdenken, es betrachten, sich einfach nur auf die Straße zu konzentrieren war nicht seins«.

Sie bezeichnet sich selbst als pragmatisch. »Ich hätte gern Medizin studiert, das ging aber nicht, weil nach dem Krieg die Universitäten den Kriegsheimkehrern vorbehalten waren. Ich habe im Krieg gelernt: wenn Weg A verbaut ist, nehme ich Weg B. Und wenn Weg B auch okay ist, muss man A nicht ewig nachtrauern. Dieser Pragmatismus hat mir geholfen. Hilft mir vielleicht immer noch.«

»Haben Sie eine Patientenverfügung?« fragt Bormann. »Ich habe eine und mein Mann auch. Aber ich bin heute nicht mehr so überzeugt, dass das, was wir damals als unwürdiges Leben betrachtet haben, als wir sie aufsetzten, wirklich unwürdig ist. Ich habe gesehen, dass mein Mann ein Mensch geblieben ist. Es ist kein unwürdiges Leben.«

Die Psychologie weiß, dass Trauer in mehreren Phasen abläuft. Nach dem Nicht-Wahrhaben-Wollen, nach der Wut, nach dem Suchen kommt, wenn es gut läuft, am Ende die Akzeptanz.
Inge Jens hat diese Phase erreicht. Sie hat akzeptiert, dass der Walter Jens, der Ihr Mann war, nicht mehr ist. Sie selbst würde das vielleicht pragmatisch nennen. Aber es ist mehr: wahrhaftig und lebensklug, vielleicht sogar weise.

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