

Warum?
Unsere Gesellschaft schrumpft und altert: Laut Prognosen wird sich die Bevölkerung in Deutschland von heute rund 82 Millionen Menschen auf unter 70 Millionen im Jahr 2060 verringern. Im selben Zeitraum steigt der Anteil der Menschen über 60 Jahren von 20 auf 34 Prozent. Stetig steigende individuelle Lebenserwartung führen dazu, dass jemand, der zukünftig in Rente geht, noch fast ein Viertel seines Lebens vor sich hat.
Das weist älteren Menschen eine wachsende gesellschaftliche Bedeutung zu: Ihre Erfahrungen, Kompetenzen und ihr Engagement werden gebraucht. Nie zuvor in der Geschichte waren Ältere so aktiv, gebildet, gesund oder vermögend wie heute. Freiwilligensurveys, auch der letzte deutsche Alterssurvey (DEAS 2010) zeigen: Ältere wollen sich nach dem Ende ihrer Berufstätigkeit beteiligen und engagieren. Sie als verantwortlich handelnde Bürger und Bürgerinnen anzusprechen und in die Mitgestaltung der Gesellschaft einzubeziehen, ist deshalb gesellschaftlich sinnvoll – und gleichzeitig ein Beitrag zur Aufrechterhaltung individueller Lebensqualität im Alter. Denn: freiwillige Arbeit, Ehrenämter, bürgerschaftliches Engagement und die Einbindung in Gestaltungsprozesse bedeuten für Ältere Sinnstiftung, Anerkennung, soziale Kontakte und auch ein Mittel zur Bewahrung und Entwicklung von Kompetenzen. Der Gerontologe Andreas Kruse spitzt das noch zu: »Wenn der ältere Mensch den politischen Raum nicht mitgestalten und sich nicht mehr als Teil des öffentlichen Raums erlebt, geht eine zentrale Komponente des Lebens verloren.«
Allerdings: Der Teilhabe- oder Partizipationsgedanke hat sich in Deutschland noch zu wenig durchgesetzt. Es gibt durchaus Möglichkeiten zum bürgerschaftlichen Engagement für Ältere, aber es fehlen nachhaltige Strukturen und Rahmenbedingen und es gibt zu wenig professionelle Begleitung. Engagement wird zudem oft nur im sozial-karitativen Kontext geleistet und erwartet. Partizipation aber bedeutet die verantwortliche Mitgestaltung des öffentlichen Raums. Diese im Kern politische Beteiligung Älterer stößt jedoch an Grenzen, denn es hieße: Politik sieht Engagierte nicht nur als Lückenbüßer, sondern bezieht ihre kreativen Ressourcen in gesellschaftliche Gestaltungs- und Reformprozesse ein – ist also bereit, Macht zu teilen.
Dass sich ältere Menschen zunehmend mehr Einmischung zutrauen als ihnen zum Beispiel in politisch machtlosen Seniorenbeiräten angeboten wird, macht auch ihr Anteil an der neuen deutschen Protestkultur von STUTTGART 21 bis zu Anti-Atomprotesten deutlich. Denn waren Widerstand und Demonstrationskultur in den letzten Jahrzehnten vor allem ein Vorrecht der Jugend, so gehen nun mehr und mehr ältere Menschen auf die Barrikaden. Und zeigen ein neues Selbstverständnis: Sie wollen Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen und kommenden Generationen ein funktionierendes Gemeinwesen überlassen.
Zu lösen ist also ein Paradoxon: Immer mehr ältere Bürger und Bürgerinnen sind dazu bereit, die Gesellschaft wenigstens im Kleinen mitzugestalten – wissen aber nicht wie und fühlen sich auch nicht einbezogen in politische Entscheidungen und gesellschaftliche Reformprozesse. Es gilt deshalb, ältere Menschen zu Engagement und Partizipation zu motivieren und zu befähigen – etwa durch Vorbilder, Qualifizierung, Anerkennung oder Netzwerke. Gleichzeitig müssen sie aber auch Strukturen vorfinden, die ihre Teilhabe ermöglichen. Hier sind vor allem die Entscheidungsträger im lokalen Umfeld aufgerufen, Angebote zur Beteiligung Älterer in der Kommune und im Sozialraum zu schaffen. Der gesellschaftliche Diskurs muss sich neu auf ein Leitbild des aktiven Alterns und die Potenziale älterer Menschen ausrichten.



































