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v.l. Marianne Birthler, Werner Schulz, Lothar Dittmer, John Lewis, Christian Führer, Günter Nooke
(Fotos: David Ausserhofer)

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Meldung vom Dienstag, 31. August 2010

»Die gleichen Herztöne«

Auf Einladung der Körber-Stiftung trafen sich am Abend des 30. August in Berlin Vertreter des Widerstands gegen das ehemalige DDR-Regime mit dem amerikanischen Bürgerrechtskämpfer John Lewis, der Seite an Seite mit Martin Luther King die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA angeführt hat. Ebenfalls zu Gast waren Hans-Ulrich Klose, Koordinator für die deutsch-amerikanischen Beziehungen im Auswärtigen Amt, und der Bundestagsabgeordnete Holger Haibach. Mit Blick auf das Brandenburger Tor kam die Gruppe sofort ins Gespräch.
Die deutschen Gäste –  Marianne Birthler, heute Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Christian Führer, ehemaliger Pfarrer der Nikolaikirche Leipzig, Günther Nooke, heute Persönlicher Afrikabeauftragter des Bundeskanzlerin und Werner Schulz, heute Abgeordneter im Europaparlament für die Grünen –  fühlten sich mit dem amerikanischen Gast außerordentlich verbunden. Und umgekehrt: John Lewis stellte sogleich die internationale Bedeutung des Mauerfalls heraus: Das Ende der Teilung Deutschlands sei ein wichtiger Impuls für die Weltgemeinschaft gewesen, dass alle sich als eine Familie der Völker fühlten. Er bekundete seinen tiefen Respekt, denn die Widerstandskämpfer in der DDR alle hätten dafür gesorgt, dass die Welt zu einem besseren Ort geworden sei. »Mag sein«, sagte Marianne Birthler kritisch, doch die Welt sei »besser, aber nicht gut«. Darin war man sich am Tisch einig: »Unser Kampf für eine friedliche Gemeinschaft ist ein endloser Kampf« (John Lewis). So beobachtete Günter Nooke mit Besorgnis, dass man sich auch in der heutigen Demokratie viel zu sicher über die universale Gültigkeit der Menschenrechte sei. Dabei müsse der Diskurs leidenschaftlicher denn je geführt werden! Werner Schulz schlug in die gleiche Kerbe: »Wo entsteht in unserer internationalen Gemeinschaft heute schon Solidarität und ein Kampf gegen Ungerechtigkeit über Ländergrenzen hinweg?« Dabei führte er die mangelhafte internationale Hilfe für die Flutopfer in Pakistan an. John Lewis’ Antwort: »Wir müssen Lärm machen!«. Die Dinge müssten dramatisiert werden, sie müssten einen Namen, ein Gesicht bekommen.
Eindrucksvoll wurde im kleinen Kreis auch deutlich: Die Akteure auf den unterschiedlichen Kontinenten, die in ganz unterschiedlichen politischen Systemen kämpften und ganz unterschiedliche Formen von Untergerechtigkeit angingen, haben sich unbekannterweise gegenseitig in den Jahren des Widerstands inspiriert und Kraft gegeben. Werner Schulz brachte die gegenseitige Verbundenheit auf den Punkt: »Es sind die gleichen Herztöne gewesen, die uns in Bewegung gebracht haben.« John Lewis erzählte von einem Widerstandslied, in dem die deutsche Mauer mit einer unsichtbaren gesellschaftlichen Mauer in den USA verglichen wurde, verbunden mit dem Aufruf: »Lasst uns diese Mauer niederreißen!« Und auch Marianne Birthler berichtete von einem deutschen Lied, das aufforderte: »Habt immer Eure Zahnbürste dabei.« Dahinter habe die Legende gesteckt, dass Martin Luther King den Widerständigen für den Fall einer Verhaftung diese Empfehlung mitgegeben habe. »Nein«, schmunzelte Lewis, »genauso war es, das ist kein Mythos.« Er habe stets eine Zahnbürste und etwas zu essen im Rucksack bei sich gehabt.
Christian Führer brachte die Gemeinsamkeiten noch auf einen ganz anderen Nenner: Er betonte die große christliche Tradition des Widerstands in der DDR, inspiriert von  Bonhoeffer und Schneider, die auch die Bürgerrechtsbewegung in den USA geprägt habe. Es waren sich alle am Tisch einig: Die Kirchen boten einen Zufluchtsort, in dem sich der Widerstand und das freie Denken entwickeln durften. »Wir haben die Gewaltlosigkeit von Jesus als reale politische Möglichkeit erkannt«, so Christian Führer. Umso kritischer sah Marianne Birthler die aktuellen politischen Tendenzen in den USA, in denen Religion unter ganz anderen politischen Vorzeichen von der religiösen Rechten in die Pflicht genommen würde. Ob John Lewis nicht auch die Bedrohung eines gesellschaftlichen »Roll Backs« fürchte? Doch Lewis zeigte Zuversicht, dass die einmal veränderte Welt Bestand habe. Er habe es immer mit dem Wahlspruch Martin Luther Kings gehalten, der auch für den Umgang mit dem politischen Gegner empfohlen habe: »Just love the hell out of them«.


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