»Phase Drei: Wie leben die Alten?«

»Entschuldigt.«
»Darf ich dir etwas auftun?«
»Bin eine Stunde zu spät gekommen.«
»Es wird tatsächlich auf dich gewartet und auch auf dich Rücksicht genommen.«
»Ich mache aber auch acht Sachen, während ihr zwei macht.«
»Ja, dann mach' doch nur zwei.«
»Dann wäre der Müll nicht weg.«
»Aber merkst du denn nicht, dass das für alle irgendwie ein Stress ist?«
»Aber ihr seid auch stressig, glaubst du das denn nicht?«
aus: Silver-Girls – Die Alten-WG. Folge: Dicke Luft. arte 2005
Das Probe-Leben in einer Berliner Alten-WG als Doku-Soap: Ironischer Kommentar auf die Alten, die nicht alt werden wollen, oder filmische Dokumentation einer ernst zu nehmenden Suche nach alternativen Lebensformen im Alter? Man darf sich fragen, ob darin nicht auch eine Anpassungsleistung auf dem Weg in die Republik der Älteren zu sehen ist. Greifen die Medien doch nur Befunde auf, die Politik und Wirtschaft schon seit geraumer Zeit als seismografische Erschütterungen eines »Age-Quakes« registrieren und daraus ihre Schlüsse ziehen. Die Generation der »Best-Ager« hat in diesen Bereichen längst die Jüngeren von ihrem Wähler- und Konsumententhron verdrängt.
Die Körber-Stiftung regte an, das populäre Leitbild des »jungen Alten« kritisch zu hinterfragen. Denn wer ist eigentlich alt in einer Zeit, in der Anti-Aging-Produkte die Siebzigjährigen jung machen, Dreißigjährige aber unter Burn-Out-Syndromen leiden? Ist man so alt wie man sich fühlt? Gehört man mit 50 zum alten Eisen und ist man ab 60 wieder gefragter Senior Consultant im Ehrenamt? Für die Nominierten war es angesichts der sozialpolitischen Sprengkraft des Themas und seiner Präsenz in der öffentlichen Bilderwelt keine leichte Aufgabe – gesucht wurden künstlerische Kommentare, die den Betrachter zur Reflexion des eigenen Standpunktes anregen sollten.
In ihrer Gesamtheit fordern die Projektergebnisse dazu auf, der Eindeutigkeit von Altersklischees eine Absage zu erteilen. Sie sind ebenso facettenreich und gegensätzlich wie die sozialen Lebens- und Erfahrungswelten selbst. Sie thematisieren das Idealbild von Alter ebenso wie dessen gesellschaftliche Konstruktionen, die häufig genug im Gegensatz zu den aktuellen Befindlichkeiten des alternden Individuums stehen. Neben präzisen Porträtstudien und Reportagen über den aktiven alten Menschen und diejenigen, die an der Peripherie unserer Gesellschaft leben, konfrontieren andere Fotoserien mit Fehlstellen, Brüchen und Irritationen. »Im Grunde habe ich keine Antwort auf die Frage ›Wie leben die Alten?‹ gefunden«, so eine Teilnehmerin des Wettbewerbs, »statt dessen die Erkenntnis gewonnen, weitere Fragen stellen zu müssen. Denn alt werden schließlich alle.«
Foto-Essay-Band in der edition Körber-Stiftung
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| Michael Tewes , Preisträger des Körber-Foto-Awards 2005, operiert ausschließlich mit der Vagheit menschlicher Stimmungswelten. Er skizziert in seiner Arbeit die feinen Gefühlsnuancen des Alters, die wie Prismen eines Kaleidoskops changieren. Dabei bedient sich Tewes so unterschiedlicher Bildsprachen wie der Werbefotografie, des Bildjournalismus und der experimentellen Fotografie. |
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| Birgitta Kowsky und Gabriel Schauf wählen einen sozialdokumentarischen Zugang. Sie erzählen die Geschichte unterschiedlicher Persönlichkeiten, die ein erfülltes und aktives Leben nach dem Ende ihrer Erwerbstätigkeit führen. Auch Dawin Meckel berichtet von einem individuellen Lebenslauf, legt aber im Vergleich zu den beiden anderen Beiträgen seinen Fokus auf die Lebenswelt einer Greisin am Rande der Selbstbestimmtheit. |
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| Roman Raacke und Eva Maria Tornette entfernen sich in ihren Projekten bereits von der exemplarischen Momentaufnahme und greifen auf explizit künstlerische Strategien zurück. Sie stellen zwar real existierende Personen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit, verwischen aber deren individuelle biografische Spuren, um zu einer universelleren Aussage zu kommen. |
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| Benjamin Rinner und Jonas von der Hude interessieren sich mit dem registrierenden Blick des Soziologen für das Idealtypische der »Lebensphase Alter«. Benjamin Rinner lässt in seiner immer gleich angelegten Versuchsanordnung eine Reihe von Modellen »aus der Generation meiner Großeltern« Bilder ihrer Selbst entwerfen. Jonas von der Hude hingegen interessieren die repräsentativen Haltungen, Ausdrucksweisen und Gewohnheiten des Alters, die er durch fotografische Blicke in Möbelläden, Drogerien und Friseursalons dokumentiert. |
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| Eine andere Form der künstlerischen Annäherung entwickelt Christine Sommerfeld . Erst langsam erschließt sich dem Betrachter das versteckte Grauen, das sich hinter den menschenleeren Interieurs von Pflegeheimen verbirgt. Mit den Mitteln der Collage visualisiert sie die Blickperspektive Bettlägeriger nach dem Ende individueller Selbstbestimmung. |
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| Manuel Reinartz ' Beitrag postuliert ebenfalls einen experimentellen Ansatz. Bekleidet mit einem gerontologischen Simulations-Anzug spürt er in seinem Projekt den körperlichen Einschränkungen des Alters im Selbstversuch nach. |
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| Einen anderen Aspekt verfolgen die inszenierten Fotosequenzen von Dagmar Weiß und Espen Eichhöfer . Beide diskutieren die Relativität des Altersbegriffs, die sozial definierte Einteilung des Lebens in bestimmte Phasen und das subjektive Empfinden des alternden Individuums. |
Es fällt auf, dass die Mehrzahl der jungen Fotografinnen und Fotografen einer gemeinsamen bildnerischen Spur gefolgt ist, die sich seit geraumer Zeit in den Bereichen der freien und auftragsgebundenen Fotografie abzeichnet. So sind in den Arbeiten überwiegend Aspekte eines dokumentarischen Stils erkennbar, der mit seinem Realismus eine »hohe Lesbarkeit« garantiert. Er kommuniziert glaubwürdige Verweise auf die mehrdimensionale gesellschaftliche Wirklichkeit, die jenseits der öffentlichen Bildästhetik existiert. Diesen Vorteil hat die junge Fotografen-Generation erkannt und für sich genutzt. Ihre Antworten auf die Frage, »Wie leben die Alten?« sind deshalb ambivalent, sind vielschichtiger Kommentar und wecken Gefühle von verhaltenem Optimismus und vager Angst.
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