Hartmut von Hentig, der große deutsche Reformpädagoge und Gründer der Laborschule Bielefeld, bezweifelt, ob die Schule in der Mittelstufe überhaupt der geeignete Ort für Bildung und Erziehung ist. Kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag legt er mit dem Buch »Bewährung: Von der Erfahrung nützlich zu sein« ein pädagogisches Manifest vor. Sein Credo: Die Schule entlässt ihre Schüler kenntnisreich und erwartungsvoll, aber erfahrungsarm und orientierungslos. Warum also nicht in der Pubertät den herkömmlichen Unterricht durch »wirkliche Aufgaben und Herausforderungen« ersetzen? Er schlägt vor, die Schulzeit in den Klassen 7 bis 9 durch Erlebnisprojekte außerhalb der Schule zu »entschulen« oder nach Beendigung der Schulzeit sogar ein soziales Jahr zur Pflicht zu machen. Das Ziel sind Erfahrungen, die die Schule kaum noch bietet, nämlich die, gebraucht zu werden, sich in der Gemeinschaft zu bewähren und Verantwortung zu übernehmen.
Die Beispiele, die Hentig vorschlägt, erinnern an Lagerfeuerromantik: Jugendliche sanieren zum Beispiel ein Bauernhaus, gehen auf große Fahrt, leisten soziale Arbeit, arbeiten in Umweltprojekten oder lernen auf eigene Faust eine Fremdsprache im Ausland. Dass Schule aber mehr sein muss, als die Vorbereitung auf die nächste Klassenarbeit oder Versetzung, wird niemand bezweifeln. »Wenn eine Gesellschaft ihre jungen Menschen nicht braucht und sie dies ausdrücklich wissen lässt, indem sie sie in Schulen, an Orten, von denen nichts ausgeht, kaserniert und mit sich selbst beschäftigt, sie von allen Aufgaben ausschließt, dann zieht sie ihre eigenen Zerstörer groß.«
Im Gespräch mit Reinhard Kahl erläutert Hartmut von Hentig, wie man Schule zu einem echten Lebensort macht. Das ist seit bald einem halben Jahrhundert für ihn Programm und Passion.
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