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Rückblicke 2007

 
Schülerinnen des Gymnasiums
Corveystraße spielen unsichtbares
Theater im Foyer der Körber-Stiftung –
Senatorin Alexandra Dinges-Dierig
spielt mit
Fotos (8): Jann Wilken 

Wozu das Theater?

Bundeskongress zur Standortbestimmung des Fachs Darstellendes Spiel

»Wozu das Theater?« – Die Frage im Titel des Schultheater-Kongresses konnte schnell beantwortet werden: Denn dass das Theater in der Schule dringend nötig ist, weil es »die Ausdrucksfähigkeit junger Menschen steigert, zur Auseinandersetzung mit der Lebenswelt und der eigenen Rolle ermutigt, soziale wie kulturelle Kompetenzen fördert und entscheidend zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt«, so Wolf Schmidt aus dem Vorstand der Körber-Stiftung in seiner Begrüßungsrede, – darüber waren sich alle Beteiligten schnell einig. Wie das Theater jedoch in der Schule besser und flächendeckend verankert werden könnte, welche Unterstützung von politischer Seite erwartet wird und welche Qualifizierungen angehende DSP-Lehrkräfte benötigen, das gab immer noch genug Gesprächsstoff für die drei Tagungstage. Denn keinem anderen Fach wird so viel zugetraut und gleichzeitig so wenig Raum in der Schule gegeben.

Mehr als 300 Teilnehmer – darunter viele Lehrerinnen und Lehrer, aber auch zahlreiche Experten von Universitäten, Vertreter von Kultusministerien und Theaterleute – waren dem Aufruf des Bundesverbands für das Darstellende Spiel, der Körberstiftung und dem Landsinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung nach Hamburg gefolgt, um den gegenwärtigen Stand des Schulfaches Darstellendes Spiel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Man traf sich in Foren und Podien zu Diskussionen über die Gegenwart und Zukunft des Schultheaters. Für die Unterrichtenden bot das Hamburger Landesinstitut außerdem Werkstattblöcke zur Didaktik des Darstellendes Spiels sowie eine Ausstellung zu Schulprofilen mit dem Schwerpunkt Darstellendes Spiel und Ästhetische Erziehung an und ermöglichte auf diese Weise einen Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrkräften.


Senatorin Alexandra Dinges-Dierig

»Ist Schule nicht auch Theater und Theater nicht auch Schule?« fragte die Hamburger Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig zur Eröffnung des Kongresses. Sie verwies insbesondere auf die Bedeutung der interkulturellen Bildung in der Schule und die Rolle des Theaterspielens dabei. Die einzelnen Fächer sollten sich nicht gegeneinander ausspielen, sondern die Zusammenarbeit suchen, forderte Dinges-Dierig. Die geplanten Profilbereiche der gymnasialen Oberstufe böten dafür eine gute Möglichkeit. Die Senatorin kritisierte die ungenügenden Qualifizierungschancen für DSP-Lehrkräfte. Man könne nicht ein neues Fach kreieren und dann erst über die Qualifizierung der Lehrer nachdenken. Die Hamburger Gymnasien und auch viele Gesamtschulen haben das Fach Darstellendes Spiel bereits im Angebot, die Zahl der Realschulen mit Lernangeboten nimmt in Hamburg zu. Durch Projekte wie dem Hamburger »TuSch – Theater und Schule« ist bereits eine sehr intensive Kooperation von Hamburger Theatern und Schulen entstanden.

Einblicke in diese schulische Theaterarbeit gaben dann auch im Rahmenprogramm der Veranstaltung die Darbietungen von Schülerinnen und Schülern des Gymnasium Corveystraße und der Max-Brauer-Schule. Außerdem zeigten Studierende der »Performance Studies« an der Hamburger Universität eine selbst erarbeitete Performance. Sie würden vor allem für außerschulische Bereiche ausgebildet, so Professor Wolfgang Sting im Anschluss über seinen Studiengang, für Lehramtstudierende würden in Hamburg bislang nur ein grundschulpädagogischer Lernbereich und einzelne Studienelemente für alle Lehrämter angeboten. Die Performance Studies könnten jedoch zukünftig den Kern eines grundständigen Lehramtsstudiums für das Darstellende Spiel in Hamburg bilden.


Vlado Krusic von der International
Drama/Theatre and Education
Association

Als Vertreter der internationalen Theaterpädagogik-Vereinigung IDEA sprach der Kroate Vladic Krusic ein Grußwort, in dem er die Wichtigkeit der kulturellen Bildung für die gesellschaftliche Zukunft und die Wirtschaftsräume der Welt hervorhob, wie es auch die Ergebnisse der UNESCO-Weltkonferenz bestätigen. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Schultheater schilderten auf dem Podium der Intendant des Hamburger Schauspielhauses Friedrich Schirmer, der Autor und Kabarettist Christof Jenisch sowie der Bundestagsabgeordnete Michael Roth – brachten dem einen die Auftritte in Strumpfhosen schnelle Erfolge bei der Damenwelt, verzweifelte der andere am nächtelangen Auswendiglernen von Klassikern und wechselte alsbald die Seiten zur Intendanz. Ob tatsächlich für die Berufswahl oder nur zur Erprobung des Sprechens auf der Bühne – das Schultheater hat sicherlich bei manchem zur Karriere beigetragen.

Am zweiten Tag wurde dann genauer nachgefragt, wie es heute um das Schulfach Darstellendes Spiel bestellt ist. So beleuchteten die Experten Professor Eckart Liebau (Erlangen) und Professorin Ulrike Hentschel (Berlin) die Bildungsmöglichkeiten des Theaterspielens für die Charakterbildung von Kindern und Jugendlichen. Theater stelle einen bedeutenden Faktor der Schulkultur dar, es wirke sich positiv auf die Motivation der Schüler und das Lernklima in der Schule sowie auf die Kontakte zu außerschulischen Institutionen der ästhetischen Bildung aus. Somit habe es eine Existenzberechtigung als individuelles künstlerisches Fach – das keines Kultur-PISAs bedarf, auch weil internationale Vergleichstests an den weiten Leistungsprofilen scheitern würden. Joachim Reiss, der Vorsitzende des Bundesverbandes DSP, merkte kritisch an, dass es gegenwärtig 33 verschiedene Lehrpläne für das Fach DSP gibt. Zahlreiche gute Handreichungen und ein erstes Schulbuch sind bereits erschienen, um die schulische Theaterarbeit zu unterstützen. Viele schöne Worte seien zu hören, nicht zuletzt aus den Kultusbehörden, aber Taten fehlten oft noch. Als erstes gutes Ergebnis freute sich Reiss darüber, dass das Darstellende Spiel nun in mehreren Ländern als Abiturfach zugelassen ist.

Über das Theater in der Ganztagsschule und in der Sekundarstufe I, über den Bildungswert des Theaters, die Aus- und Weiterbildung von Theaterlehrern, die Archäologie des Schultheaters und seine Zukunft konnte dann in Gesprächsforen diskutiert werden. Viele Wünsche wurden dabei artikuliert, zum Beispiel endlich gute Ausbildungs- und mehr Fortbildungsmöglichkeiten für DSP-Lehrer zu schaffen, bestehende Berührungsängste unter den Lehrkräften der ästhetischen Fächer zu reduzieren und mehr Kooperationen zwischen Musik, Kunst und Theater anzustreben. Im Hinblick auf die Errichtung von Ganztagsschulen müsse auch über die Rolle der künstlerischen Fächer neu nachgedacht werden. So äußerten Elternvertreter die Befürchtung, dass Kinder zugunsten des Theaters das Fach Musik seltener wählen würden. Bei einer zu verändernden Schulstruktur könne die ästhetische Erziehung eine Menge bewirken, wenn sie fest im Curriculum verankert sei.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion unterstrich Ulrich Khuon, der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, den Wert der Interdisziplinarität bei den Theaterprofis und plädierte für mehr Kooperation von Schule und Theater, was an seinem Hause sehr gut funktioniere. Für eine bessere Verankerung des Schultheaters verwies der Kultusministerkonferenz-Vertreter und Amtsleiter der Hamburger Bildungsbehörde Norbert Rosenboom auf die Bildung von Profiloberstufen an den Gymnasien. Rosenboom spielte den Ball den Schulen zu: Durch die Profilbildungen seien die Freiheiten und die Voraussetzungen für kreative Fächer so gut wie nie zuvor, wie auch die Schulleiterin Christiane Mangold für ihre Schule bestätigen konnte. So wüssten die Lehrkräfte doch viel besser als die Beamten der Behörden, wie sie in ihrer Schule das Theater am besten implementieren können. Sie sollten der Aufforderung der Bildungsministerin Annette Schavan zum »Banden bilden« folgen und die Dinge selbst in die Hand nehmen. Die Verantwortung von Politik und Verwaltung betonte demgegenüber Gabriele Vogt vom Hessischen Kultusministerium, das für die Weiterbildung von Theaterlehrern sorgt. Mehr Eigenverantwortung der Schulen und Lehrkräfte klinge zwar gut – wenn jedoch auch die Kosten dafür getragen werden, tönte es aus dem Publikum. Letztlich hänge bei dieser Verfahrensweise viel am Engagement der einzelnen Lehrer, mit denen das Fach dann steht und fällt. Eine curriculare Verankerung sei daher vorzuziehen, auch wird die Erhöhung eines gemeinsamen Stundenkontingents für die kreativen Fächer angestrebt. Die Einrichtung eines eigenständigen Fachs Darstellendes Spiel ist Rosenbooms Meinung nach nicht nötig, man solle doch eher das disziplinäre Schubladendenken überwinden und einen gemeinsames kreatives Fach der künstlerischen Disziplinen anbieten. Joachim Reiss vom BVDS hielt dagegen, dass das Darstellende Spiel sich erst einmal als Fach etablieren müsse, bevor Interdisziplinarität angestrebt werden könnte: »Nur, wer sich seiner Disziplin sicher ist, kann sich zwischen den Disziplinen bewegen.« Zur Selbstversicherung über das Schulfach Darstellendes Spiel hat dieser Kongress sicherlich eine Menge beigetragen.

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