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Rückblicke 2007


Prof. Dr. Elsbeth Stern
Fotos (6): Jann Wilken 

Bildung mit Methode.
Forschendes Lernen in der Sekundarstufe I und II

Das Ziel der zweitägigen Fachtagung der Körber-Stiftung und der Deutsche Telekom Stiftung war, die Potenziale des Forschenden Lernens für die »Wissensgesellschaft« und die Lern- und Schulkultur auszuloten.

Am ersten Konferenztag stellten Prof. Dr. Elsbeth Stern, Lernpsychologin an der ETH Zürich, und Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, Hirnforscher an der Universität Bremen, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Optimierung des Lernens vor. Unter dem Vortragstitel »Was macht den guten Lehrer aus?« warnte Elsbeth Stern vor der »Hands on – Mind off-Pädagogik«, also vor bloßem Tun, das nicht mit Wissen verknüpft ist. Wissen sei der Schlüssel zum Können und die Aufgabe des »guten« Lehrers sei, die jeweils passenden Methoden für die einzelnen Inhalte zu wählen. Dazu gehöre auch, anknüpfend an den Alltagsvorstellungen der Kinder, Lerngelegenheiten zu schaffen, die an das Vorwissen der Schüler anschließen und die die Konstruktion wissenschaftlicher Begriffe und den Aufbau von Begriffsnetzwerken unterstützen. In diesem Sinne sei das Forschende Lernen eine hervorragende Methode, bei dem Schüler neben Schlüsselkompetenzen und Inhaltswissen auch Metawissen erwerben.

Dass die Anschlussfähigkeit des Lernstoffs an Vorwissen eine zentrale Rolle für den Lernerfolg spielt, bestätigte auch Gerhard Roth in seinem Impulsreferat »Die Bedeutung von Emotionen und Motivation für den Lernerfolg«. Er plädierte dafür, möglichst lebensnahe Lerngegenstände auszuwählen, die das episodisch-autobiografische Gedächtnis ansprechen. In einer Reihe unterschiedlicher Faktoren für den Lernerfolg, schrieb Roth dem Belohungswert des Wissens und der Leistung eine besondere Bedeutung zu: »Die Belohnungserwartung spielt eine enorme Rolle für die Motivation zum Lernen, denn wie bei allen anderen Tätigkeiten, fragt sich das Gehirn auch beim Lernen, ob sich der Aufwand lohnt.« Ob dem Lernenden eine materielle Belohnung in Aussicht gestellt würde, die Anerkennung der Eltern oder die Aussicht auf Erfolg, sei dabei unerheblich. Dass die Erkenntnisse der Hirnforschung für die Pädagogik ernsthaft relevant sind, bezweifelte die Lernpsychologin Stern beim nachfolgenden Gespräch mit Roth. Erfolgreiches Lernen sei kein Hirnzustand, sondern bestehe in der Kompetenz, sich Ziele zu stecken, die erreichbar sind. Und schließlich seien auch die PISA-Ergebnisse nicht auf Störungen im Dopaminhaushalt zurückzuführen.

Im Anschluss diskutierten Manfred Prenzel, Bildungsforscher am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften, Kiel, Susanne Gatti, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven, Peter Schubert, Wissensfabrik Deutschland e.V., und Bärbel Buchfeld, Offene Schule Waldau-Kassel, den Nutzen des Forschenden Lernens für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland.


v.l.: Kate Maleike, Susanne Gatti,
Bärbel Buchfeld, Peter Schubert,
Manfred Prenzel

Susanne Gatti ist beim Alfred-Wegener-Institut u.a. zuständig für das Projekt HighSea, an dem Oberstufenschüler aus Bremerhaven teilnehmen, die ihren Unterricht in den Fächern Biologie, Chemie, Mathematik und Englisch am AWI erhalten. Bei HighSea werde nicht gelernt wie im herkömmlichen Unterricht, erklärte Frau Gatti: »Wir haben keinen Gong, keinen Stundenplan und die Inhalte werden in vier große Themenbereiche aufgeteilt, z.B. ‚ist das Ökosystem Wattenmeer gefährdet?’«. Die Lernplaninhalte kämen dabei aber keineswegs zu kurz sondern im Projektzusammenhang auf den »Plan«. »Es ist nicht wie in der Schule, wo es heißt, ‚heute ist der Logarithmus dran’, weil er nun mal dran ist, sondern weil wir ihn brauchen, um unsere Daten auswerten zu können.«

Als Vertreter von Kooperationen zwischen Unternehmen und Schulen sprach Peter Schubert von der Wissensfabrik Deutschland. Rund 60 Unternehmen in Deutschland sind Mitglied bei der Wissensfabrik und gehen Bildungspatenschaften mit Schulen ein. »Wir haben gelernt, dass der einzige Rohstoff in Deutschland das Wissen ist«, begründete Schubert die Initiative, »und wir möchten mit der Wissensfabrik die Neugier der Kinder auf Naturwissenschaften und Wirtschaft wecken«. Dies versuche die Wissensfabrik beispielsweise mit Experimentierkoffern für den naturwissenschaftlichen Unterricht und der Fortbildung von Lehrern. Das mittelfristige Ziel sei die Sicherung des Standorts Deutschland durch die Förderung des Nachwuchses, denn in Zukunft würden noch mehr Naturwissenschaftler fehlen als heute schon.

»All diese Initiativen sind prima und wichtig, aber wir haben 40.000 Schulen in Deutschland. Was davon findet in der Breite statt?«, gab der Bildungsforscher Manfred Prenzel vom IPN Kiel zu bedenken. Der Unterricht müsse in allen Bereichen verbessert werden und man dürfe es nicht bei einzelnen Leuchtturmprojekten belassen. Dass sich Forscherprojekte in den Unterrichtsalltag einbinden lassen, konnte Bärbel Buchfeld, Leiterin der Offenen Schule Kassel-Waldau, berichten. »Wir müssen uns Zeit nehmen für solche Projekte, aber wichtig ist auch, dass wir Unterstützung von außen erhalten«. Die Schule wurde im Jahr 2006 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Das Schulkonzept sieht im Kern Projektarbeit und eigenständiges Forschen der Schüler im offenen Labor vor. Den Freiraum hierfür schafft sich Frau Buchfeld, die sich selbst als »Stundenplanchoreografin« bezeichnet, durch einen kreativen Umgang mit Unterrichtstafeln.


Malte Detlefsen, Schülerlabor-
Netzwerk GenaU

Am folgenden Tag schlug Prof. Dr. Rudolf Messner, Erziehungswissenschaftler an der Universität Kassel, mit dem Vortrag »Forschendes Lernen aus pädagogischer Sicht« den Bogen zur pädagogischen Praxis. Er kritisierte die inflationäre Verwendung des Begriffs »Forschendes Lernen« und merkte an, dass man sich zunächst darüber klar werden müsse, wann überhaupt von »Forschen« die Rede sein könne. Messner beschreibt »Forschen« als eine auch außerhalb der Wissenschaft liegende Grundhaltung und »Forschendes Lernen« als eine universale Methode der Weltaneignung. Dazu gehöre der Drang, Dinge verstehen und erklären zu können, selbst Fragen aufzuwerfen, planmäßig vorzugehen und die Ergebnisse zu überprüfen. Dabei unterschied er zwischen wissenschaftsorientiertem Lernen in der Sekundarstufe I, einer Vorstufe zum Forschenden Lernen, und wissenschaftspropädeutischem Arbeiten, der wissenschaftsnäheren Form in der Sekundarstufe II. Zum Abschluss plädierte er dafür, dass Forschendes Lernen stärker in den Unterricht vordringen müsse und nicht nur in exotischen Nischen statt finden solle.

Die Frage, wie Forschendes Lernen stärker in den Unterricht einbezogen werden könnte, debattierten die Tagungsteilnehmer anschließend in vier parallelen Workshops. Ein Aspekt, der in allen Workshops diskutiert wurde, war der fehlende Mut vieler Lehrer, sich auf diese Methode einzulassen, die von ihnen einen Rollenwechsel vom Wissensvermittler und Instrukteur hin zum Lernbegleiter und Coach erfordere. Ebenso das Thema Lehrerausbildung beschäftige alle Arbeitsgruppen: Das modularisierte Studium wurde dabei kritisch hinterfragt, weil es kaum Freiräume zulasse, andere Lernformen auszuprobieren. Bei den Diskussionen um schulische Rahmenbedingungen, wurde angeregt, dass im Lehrplan Raum geschaffen werden müsse. Ein gutes Beispiel dafür war die Offene Schule Kassel-Waldau, die wöchentlich drei Forscherstunden eingeplant hat.

Zum Abschluss der Tagung diskutieren Dr. Ingrid Wünning Tschol, Robert Bosch Stiftung, Dr. Heike Kahl, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Dr. Ekkehard Winter, Telekom Stiftung und Dr. Wolf Schmidt, Körber-Stiftung, die Rolle von Stiftungen im deutschen Bildungswesen. Auf dem Podium war Einigkeit darüber, dass die Aufgabe von Stiftungen nicht sei, die Löcher zu stopfen, die der Staat hinterlässt, wenn er sich zurückzieht. »Wir wehren uns dagegen, dann in die Pflicht genommen zu werden«, erklärte Wolf Schmidt. Er sehe den Inhalt der Stiftungsarbeit vielmehr darin, neue Ideen zu entwickeln und auszuprobieren, die gesellschaftliche Diskussionen auslösen und schließlich in die Schulpraxis vordringen würden. Auf die Frage, ob die Bildungsprogramme der vertretenen Stiftungen eher auf Spitzen- oder Breitenförderung abzielten, erwiderte Heike Kahl, dass die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung zum Ziel habe, das Potential aller Schüler auszuschöpfen, gleichgültig ob die Kinder die Hauptschule oder das Gymnasium besuchten. Nach ihrem Verständnis sei das gewissermaßen Spitzenförderung, weil man den Schülern dazu verhelfe, ihre jeweils möglichen Spitzenleistungen zu erreichen. Ekkehard Winter fügte hinzu: »Wenn wir uns nicht um die Breite kümmern, dann haben wir auch bald keine Spitze mehr.« Gleichwohl dürfe man die Eliten nicht vergessen, warnte er. In eine ähnliche Richtung ging auch Ingrid Wünning Tschol, als sie erklärte, dass die Motivation der Robert Bosch Stiftung einerseits in der Rekrutierung von naturwissenschaftlichem Nachwuchs liege, aber auch deutlich darüber hinaus gehe. Sie sehe Forschendes Lernen als ein Menschenrecht und nicht nur als Instrument der Begabtenförderung. »Ein Jeder muss doch die Gelegenheit bekommen zu lernen, sich die Welt zu erschließen!«.

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