Rückblicke 2008
Jagdish Bhagwati, Mathias Müller
v. Blumencron.
Fotos (3): Jann Wilken
Finanzkrise und Globalisierung
Mi 1. Oktober 2008
Ob er besorgt sei, wenn er sich die derzeitige Entwicklung der von Amerika ausgehenden Finanzkrise ansehe, wollte SPIEGEL-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron vom indischen Ökonomen Jagdish Bhagwati wissen. »Ich wäre dumm, wenn ich nicht besorgt wäre«, antwortet dieser. Der weltweit umspannende finanzielle Flow sei wie ein Feuer: Man könne genüsslich ein Steak darauf braten, es könne aber auch das Haus in Brand setzen.Im weiteren Gespräch betonte Bhagwati, dass auf dem sehr komplexen Finanzsektor viele Instrumente entwickelt worden seien, deren Auswirkungen nie jemand richtig verstanden habe. Derartige Innovationen seien immer ihrem Verständnis vorausgeeilt. Schon der britische Öknonom John Maynard Keynes habe gesagt: »Das Unvermeidliche tritt niemals ein, es ist immer das Unerwartete«.
Jagdish Bhagwati
Für Bhagwati folgt daraus, dass diese unerwarteten Ereignisse des Finanzsektors reduziert werden müssten. Man dürfe ruhig etwas Sand ins Getriebe schütten, um diese Innovationen zu verlangsamen, bevor alles außer Kontrolle gerate. Vor allem seien es die fehlenden Regulierungen für Investmentbanken gewesen, die durch ihre nicht vorhandenen finanziellen Absicherungen diese Krise beschleunigt hätten. Die Ursachen liegen für Bhagwati aber auch in dem amerikanischen Selbstverständnis, ein Land von Hausbesitzern zu sein und dabei über die eigenen Kreditkarten zu verfügen. Die großzügige Geldvergabe durch die von der US-Regierung geförderten Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, hätte eine Entwicklung begonnen, so Bhagwati, vor der zwar gewarnt wurde, was aber von den Kongressabgeorneten schlicht überhört wurde. Zu sagen, nur der Markt sei verantwortlich, zeige auch eine gewisse Ignoranz gegenüber der grundlegenden Situation. Der Ökonom betonte aber auch, dass es keine rein fundamentalen Marktkräfte gäbe, sondern dass das Erreichen gesellschaftlicher Ziele immer durch eine Mischung aus Privatem und Öffentlichem gesteuert werde.
Mathias Müller von
Blumencron
Ob die jetzt vom Kongress bereit gestellten 700 Milliarden Dollar zur Bewältigung der Krise helfen würden, wollte Müller von Blumencron wissen. Natürlich, meinte Bhagwati, wenn das Haus brenne, müsse man die Feuerwehr schicken. Sie würden helfen, den Markt wieder zu stabilisieren. Dennoch sei das Vertrauen zwischen Kunden und Banken jetzt geschädigt, so Müller von Blumencron weiter. Im Westen herrsche eben immer die Vorstellung, dass der Kapitän mit seinem Schiff untergehe während sich die Passagiere in die Rettungsbote flüchten können, so Bhagwati. Bei der Finanzkrise sei das jetzt anders herum: Der Kapitän verschwinde mit dem Rettungsboot und die Passagiere gehen unter. Danach befragt, ob zukünftig derartige finanziellen Desaster vermieden werden könnten, meinte der Ökonom: Es hänge davon ab, wie gut neu zu entwickelnde Regulierungen greifen. Die derzeitige Situation spiegele schlicht eines der Grundprobleme des Kapitalismus wider.
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