Rückblicke 2008
Dr. Abdullah Abdullah (r.)
Fotos (3): Jann Wilken
Afghanistan – wie geht es weiter?
15. Januar 2008
Das vergangene Jahr sei seit 2001 das blutigste in Afghanistan gewesen, betonte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Dr. Klaus Wehmeier die Brisanz der Thematik, mit der das KörberForum seine politischen Diskussionen für das Jahr 2008 eröffnete. Die Taliban seien nicht vertrieben, und auch wenn Grundsteine für die demokratische Entwicklung, für Bildung und die medizinische Versorgung gelegt worden seien, so fragten sich doch viele, wie es zukünftig mit dem Land weiter gehen soll. Antworten auf diese Fragen versuchte Susanne Koelbl, Auslands-Reporterin des SPIEGEL, im Gespräch mit dem ehemaligen afghanischen Außenminister Dr. Abdullah Abdullah zu erhalten, der auf Einladung der Körber-Stiftung Deutschland besuchte.
Susanne Koelbl
Zunächst auf seinen gleich lautenden Vor- und Nachnamen angesprochen, erklärte der jetzige Generalsekretär der Ahmad Shah Massoud-Stiftung, dass er sich während des Widerstands gegen die russischen Besatzer zum Schutz seiner Familie so genannt habe. Dann eröffnete Koelbl die Diskussion mit Blick auf die jüngsten Ereignisse im Land. Der Anschlag auf das Serena-Hotel in Kabul sei für sie ein Zeichen dafür, dass die Taliban frei in der Stadt operieren könnten. Der Anschlag auf dieses »Symbol der Sicherheit« durch die Taliban und al-Quaida, so Abdullah, wurde gezielt vorbereitet, um die negative Stimmung im Land weiter aufzuheizen. Die Taliban, die Afghanistan wieder zu einem Zentrum für Terror machen wollten, würden inzwischen sogar wieder Zulauf bekommen. Auf die Frage, warum das so sei, entgegnete Abdullah: Einerseits habe es die Regierung nicht vermocht, die Probleme der Bevölkerung zu lösen, andererseits seien die Taliban zunächst außerhalb des Landes wieder gestärkt worden, was sich jetzt auch durch ihre Operationen im Land selbst auswirke.
Der ehemalige Außenminister betonte, dass eine politische Stabilisierung im Land wichtig sei. Zwar sei gegenwärtig noch eine Mehrheit gegen die Taliban, aber auch ebenso gegen die Regierung. So komme es vor allem darauf an, das Vertrauen der Bevölkerung und ihrer regionalen Führer zu gewinnen. Das sei schwierig, solange politische Kräfte wie das Parlament und der Staatspräsident gegeneinander arbeiteten. Die Menschen hätten dem Staatspräsidenten ihre Stimme gegeben, der müsse den ersten Schritt machen, unterstrich Abdullah.

Auch sei der anfängliche Optimismus hinsichtlich der Erfolge durch ausländische Hilfe schwächer geworden. Die Mehrheit sehe die Truppen zwar nicht als Okkupation an, doch möchte Afghanistan eigentlich auf eigenen Beinen stehen und selbst für seine Sicherheit verantwortlich sein, hob Abdullah hervor. Die NATO würde ja gern wieder nach Hause gehen, meinte Koebl und fragte: »Wie soll man nicht als Besatzer wahrgenommen werden und gleichzeitig Krieg führen?« Wo Sicherheit herrscht, seien die Menschen ja auch nicht unzufrieden, entgegnete Abdullah. Dort sei auch der Mohnanbau zurückgegangen. Aber in Regionen wie der Provinz Helmand, die unter der Kontrolle der Taliban stehen, habe sich der Anbau verzehnfacht, erwiderte Koelbl. Es sei ein Fehler gewesen, so Abdullah, dort keinen regionalen Führer einzusetzen, sondern einen Provinzgouverneur aus dem Ausland zu holen. »Der konnte der Situation nicht beikommen.«
Mit Blick auf die Zukunft meinte Abdullah, dass regionale Vertreter stärker an politischen Entscheidungen beteiligt werden müssen. Auch solle langfristig von der Einrichtung militärischer Stützpunkte abgesehen werden, denn das sei nicht der Wille der Bevölkerung. Da durch den Irakkrieg das Interesse an Afghanistan und seinem Nachbarn Pakistan zeitweilig nachgelassen habe, sei dort der Terrorismus sehr stark geworden. So hätten die Taliban nach ihrer Rückkehr in vielen afghanischen Gebieten die Stammesführer durch Anschläge beseitigt und verfolgten gemeinsam mit al-Quaida jetzt eine klare Strategie zur Destabilisierung. Der Anschlag auf das Hotel in Kabul sei ein Beispiel dafür. Man müsse sich jetzt, sechs Jahre nach der Konferenz in Bonn, fragen, was falsch gelaufen ist. Man müsse Bilanz ziehen, Ziele formulieren, eine Strategie entwerfen und die Bevölkerung beteiligen. Noch seien die Menschen Afghanistans nicht verloren. Es komme darauf an, dass Afghanistan auf eigenen Beinen steht. Auf die Frage, ob Abdullah dafür auch selbst als möglicher Präsident antreten wolle entgegnete er: »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.«
Dirk Wegner
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