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Rückblicke 2008


Prof. Lob-Hüdepohl, Rektor der
Katholischen Hochschule für
Sozialwesen Berlin
Fotos (3): Jann Wilken

Warum helfen?

Do 31. Januar 2008

»Warum meinen wir, dass Helfen wichtig sei, warum gehört Engagement zum guten Ton? Und wenn man die Frageschraube noch ein wenig enger dreht: Warum sollen sich Menschen für andere einsetzen? Warum sollen wir uns am Gemeinwohl orientieren und gesellschaftlichen Zusammenhalt üben?«, fragte Karin Haist, Leiterin des Bereichs Gesellschaft in der Körber-Stiftung, in ihrer Begrüßung. Antworten durfte sich das Publikum an diesem Abend im KörberForum von einem Referenten erhoffen, der als Sozialethiker und Moraltheologe auch die Ethik Sozialer Arbeit zu seinen Schwerpunkten zählt: Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Rektor der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.

Für Andreas Lob-Hüdepohl ist Helfen Solidarität, im Sinne von »gemeinsame Sache machen zum Wohle aller«. Das Menschenbild, das der Sozialethiker zugrunde legt, geht davon aus, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist und erst zur Person wird, wenn er mit anderen in Beziehung tritt. Die menschliche Identität differenziert sich im Dialog mit den anderen aus. Erst in den Beziehungen zu anderen kann die Macht erwachsen, Dinge zu ändern. Umgekehrt bedeutet die Abkehr vom Anderen und von der Gemeinschaft den sozialen Tod des Menschen.

In diesem Sinne, so Lob-Hüdepohl, sei die zivile Solidarität Voraussetzung dafür, dass die republikanische Idee funktioniert: Wörtlich ist die »res publica« ja nichts anderes als die »öffentliche Angelegenheit«. Jeder sei Teil dieser Öffentlichkeit und deshalb aufgefordert sie mit zu gestalten.

In Anlehnung an Martin Heidegger definierte der Vortragende Solidarität als eine spezifische Form der Gabe. »Es geht weniger um ein Weggeben des Eigenen als vielmehr um ein Zugeben dessen, was dem anderen eigentlich je schon eigen sein sollte.« Helfen und Solidarität sind – so verstanden – Ausdruck »geschuldeter Gerechtigkeit«.


Eveline Metzen und Lob-Hüdepohl
im Gespräch

Bei den Helfern unterschied der Sozialethiker zwei Typen: Der Ehrenamtliche engagiert sich unbezahlt und außerberuflich im Auftrag einer gemeinwohlorientierten Organisation. »Das ist die barmherzige Fürsorge oder modern ausgedrückt: die klassische Form von Solidarität. Ein solches Helfen birgt durchaus die Gefahr paternalistischer Attitüde, muss das aber nicht bedeuten.« Dem Freiwilligen dagegen geht es auch um den Gewinn von Lebenssinn und innerer Befriedigung. »Die Hilfe hängt hier vom Geschmack des Freiwilligen ab. Ein bisschen Nicaragua oder dann doch eher Schwarzafrika?«, spitzte Lob-Hüdepohl das Bild des nicht langfristig an gemeinnützige Organisationen gebundenen Freiwilligen zu. »Hier ist die Gefahr eher, den anderen aus dem Blick zu verlieren.« Beide Motive für Solidarität seien aber legitim, so Lob-Hüdepohl, solange die Hilfe, die Solidarität im Zentrum bleibe. Er regte an, neue Formate des Helfens für Jugendliche zu finden und Hilfe erlebbar zu machen, etwa durch ein Sozialpraktikum in der Schule.

Nachdem das Publikum sich angeregt in kleinen Gruppen über den Vortrag ausgetauscht hatte, begann eine lebhafte Diskussion. Gleich der erste Beitrag griff die Quintessenz des Gehörten auf. Ein Ehrenamtlicher aus dem Strafvollzug merkte an: »Ich muss völlig umdenken, wenn ich mir bewusst mache, das meine Hilfe dem Straffälligen, den ich betreue, zusteht – als Ausdruck geschuldeter Gerechtigkeit.« Andreas Lob-Hüdepohl anerkannte die Hürde, die ein solcher Perspektivwechsel mit sich bringe. Er betonte gleichzeitig, dass ein solches Verständnis von Hilfe dem Anderen immer auch – selbst wenn er ein Schwerverbrecher sei – seine Menschenwürde zugestehe.

Ein anderer Zuhörer wollte wissen, warum es für viele so schwer sei, Hilfe anzunehmen, wenn sie doch »geschuldete Gerechtigkeit« sei? Lob-Hüdepohl: »Um Hilfe empfangen zu können, brauche ich ein starkes Selbstbewusstsein. Erst dann kann ich zugeben, dass ich Hilfe brauche. Das sollte man im Hinterkopf haben, damit beim anderen nicht die Selbstachtung zerbricht.«

Die Frage »Warum helfen?« ist so alt wie die Menschheit und treibt die Menschen um, seit Kain sie gestellt hat: »Bin ich der Hüter meines Bruders?« Ein Gast im KörberForum beantwortete diese Frage mit einer kurzen Geschichte, die er in der U-Bahn auf dem Weg zur Abendveranstaltung erlebt hatte: Er war mit einer Obdachlosen ins Gespräch gekommen, die ihn gefragt hatte, wohin er unterwegs sei. Der Verweis auf einen Vortrag zum Thema »Warum helfen?« im KörberForum war bei der Fragenden auf Unverständnis gestoßen. Ein Vortrag über die Motive zu helfen? Das sei doch ganz einfach, hatte die obdachlose Frau gesagt und auf ihr Herz gezeigt …

»Nach Lieben ist helfen das schönste Zeitwort der Welt«, beschloss frei nach Bertha von Suttner die Moderatorin des Abends, Eveline Metzen, Projektleiterin des Transatlantischen Ideenwettbewerbs USable der Körber-Stiftung, den Abend. Sie dankte Andreas Lob-Hüdepohl dafür, dass er sein Publikum argumentativ und emotional mit der Idee des Helfens angesteckt habe. Der herzliche Applaus des Publikums und lebhafte Nachgespräche bestätigten diesen Befund.

Vortrag von Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl (PPT-Datei)

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