Rückblicke 2009
Empowerment
1. April 2009
»Man hilft den Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können«. Mit diesem Zitat von Abraham Lincoln eröffnete Karin Haist, Leiterin des Bereichs Gesellschaft der Körber-Stiftung, am Abend des 01. Aprils die Veranstaltung zum Thema »Empowerment«. 2008 wurden im Transatlantischen Ideenwettbewerb USable Projekte gesucht und ausgezeichnet, die sich gerade diesem Gedanken verschreiben. Doch was meint Empowerment?
»Empowerment« - ein überflüssiger Anglizismus?
Zunächst erläuterte Prof. Dr. Roland Roth von der Universität Magdeburg-Stendal, ausgewiesener Experte für Bürgerengagement, die Bedeutung von Empowerment. Auf die Frage des Moderators Lars von Törne, ob man den Anglizismus nicht auch einfach ins Deutsche übersetzen könne, antwortete Roth mit einem klaren Nein. Die direkte Übersetzung »Ermächtigung« sei durch den Missbrach im dritten Reich unverwendbar, aber auch Alternativen wie »Bemächtigung« drückten nicht aus, was dieses Konzept aus den USA beinhalte. Der Begriff »Macht« sei in der deutschen Tradition negativ gefärbt und werfe Assoziationen von Zwang und Herrschaft Stärkerer über Schwächere auf. »Power« bedeute in den USA hingegen »getting things done«: gemeinsam und eigenmächtig für seine Belange eintreten.
Bürgerliche Eigenverantwortung stärken
Das Gros der zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland sei wenig Empowerment orientiert: »Sie verwalten ihre eigenen Interessen«, so Roth. In den USA läge die Tradition des Empowerment in der fehlenden Präsenz eines Sozialstaates begründet. Doch wollen wir in Deutschland einen schwachen Sozialstaat? Roth räumte ein, dass man nicht die sozialstaatliche Sicherheit absenken, aber die bürgerliche Eigenverantwortung stärken solle. Gerade in der Wirtschaftskrise zeige sich die Entmündigung der Bürger durch den Staat deutlich. »Bürger werden nur noch als Konsumenten wahrgenommen, siehe das Beispiel der Abwrackprämie. Keiner hat nach unseren Ideen und Vorschlägen gefragt«.
Praktische Umsetzung von Empowerment
Auf besonderes Publikumsinteresse stießen die Podiumsbeiträge der drei USable-Preisträger und Preisträgerinnen, die über die praktische Umsetzung des Empowerment Gedankens und ihre Erfahrungen bei der Entwicklung gemeinnütziger Projekte sprachen. Dr. Claudia Langen setzt die amerikanische Idee des Mentoring um. Ihr Programm »Big Brothers Big Sisters Deutschland« lebt vom Tandem-Prinzip: Es werden jahrelange Freundschaften zwischen Mentor und Mentee aufgebaut und somit soziale Lernprozesse in Gang gesetzt. Die Mentees werden ohne Leistungsdruck in ihrer Persönlichkeit und Eigenverantwortung gestärkt.
Prof. Dr. Barbara Fornefeld fördert mit ihrem Projekt »LEA-Leseclub« die kulturelle Teilhabe von Menschen mit geistigen Behinderungen. In den Leseclubs werden diese Menschen für Literatur begeistert und auf ihre Art zum Lesen und Schreiben befähigt. Matthias Cosic will mit seinem Projekt »Essbare Schulgärten«, das er bei seinem Auslandsaufenthalt in Alaska kennengelernt hat, die Fähigkeiten von Kindern stärken, verantwortlich mit ihrer Ernährung umzugehen. Das Projekt sei daher weit mehr als nur ein Koch- und Gärtnerkurs. Die Kinder lernten einen nachhaltigen Umgang mit der Natur und ihrer eigenen Gesundheit.
Ein neues Miteinander von Bürger und Staat?
Besteht die Gefahr, dass solch vorbildliche Projekte und innovative Ideen immer von der Aktivität ihrer Gründer abhängig bleiben und andernfalls schnell erlöschen? Laut Roth sähen sich solche Initiativen täglich von »der anderen Macht«, den öffentlichen Einrichtungen oder auch dem Schulsystem, eingeschränkt. »Wenn wir eine Chance auf Nachhaltigkeit haben wollen, muss sich z.B. die Ausbildung im öffentlichen Dienst verändern«. Sowohl Barbara Fornefeld als auch Matthias Cosic pflichteten Roth bei. Fornefeld hat bei ihrer Arbeit bemerkt, dass die offiziell bestellten Betreuer von Menschen mit Behinderungen oftmals nur zögernd Verantwortung abgeben und eigene Interessenvertretungen verhindern. Claudia Langen entgegnete ganz im Geiste des Empowerment-Gedanken: »Das ist doch eine Herausforderung«. Sie habe in ihrer Arbeit oftmals erlebt, dass Menschen, durchaus auch aus dem öffentlichen Dienst, gerne zuhören und die Umstände der Gesellschaft ändern wollen. Man könne durch eine positive Vorbildfunktion schon viel erreichen.
Mehr Anerkennung für ehrenamtliches Engagement
Das Publikum beteiligte sich aktiv und engagiert an der Diskussion. So meinet Gesine Liese, ebenfalls USable Preisträgerin für ihr Projekt »Kinderforscher an der TUHH«, ehrenamtliches Engagement müsse wie in den USA höher anerkannt und wertgeschätzt werden. Leider werde in der Schule Engagement zu wenig belohnt. »Wenn sich eine Lehrerin engagiert, ruiniere sie die Standards«, so kritisierte Liese die Umstände an vielen Schulen. Wenn die Diskussion des Abends auch oftmals ein sehr kritisches Bild vom Zustand der Zivilgesellschaft und den öffentlichen Einrichtungen in Deutschland malte, zeigten doch die rege Beteiligung und die Anmerkungen des Publikums: Der Wille für einen Wandel besteht.
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