Rückblicke 2009
Frustriert die Hauptschule?
02. April 2009
Die Medien nennen die Hauptschule abwertend Restschule oder Migrantenschule, ihre Schüler gelten als leistungsschwach und sozial problematisch: Nicht erst seit dem Brandbrief überlasteter Lehrer der Berliner Rütli-Schule besitzt diese Schulform ein negatives Image. Wie wirkt sich diese gesellschaftliche Stigmatisierung auf das Selbstbild und die Lernmotivation der Hauptschüler aus? Das war Thema der Auftaktveranstaltung der Reihe »Plattform junge Forschung«, in der die Körber-Stiftung Forschungsarbeiten von Nominierten oder Preisträgern des Deutschen Studienpreises im KörberForum vorstellt.
In seinem Vortrag präsentierte der Psychologe Michel Knigge Ergebnisse seiner Dissertation, mit denen sich erstmals unterschiedliche Lernmotivationen von Schülern verschiedener Schulformen psychologisch erklären lassen. »Die Perspektive, auf die man sich bei der Untersuchung von Identitätsentwicklung und Schulzuweisung vorrangig beschränkt hat, ist die Ich-Identität«, sagte Michel Knigge. Eine gängige Theorie besagt, dass Schüler sich in Abhängigkeit von der Größe und Leistungsstärke ihres Umfeldes einschätzen. Dabei führt der Vergleich mit schwächeren Mitschülern oftmals zu einer stärkeren Lernmotivation. Psychosozial sei es für die Identität eines Hauptschülers also zunächst gut, in dieser Schulform zu sein. »Doch selbstverständlich wissen Hauptschüler um das schlechte Image ihrer Schule, das vor allem die Medien transportieren. In meinen Untersuchungen betrachte ich daher, was die Schüler strukturell in der Gesamtgesellschaft erleben und gehe der Frage nach, inwieweit das Selbstbild der Hauptschüler stigmatisiert ist und wie sich dieses auf die schulische Motivation auswirkt.« In seinen Befragungen an Berliner Schulen kam der Psychologe zu dem Ergebnis, dass sich Hauptschüler bezogen auf Ihre Leistung, Ihre Motivation und das Sozialverhalten negativ stigmatisiert fühlen. Eine geringere Lernmotivation ist nach Knigge das Resultat des schlechten Images: »Ich konnte zeigen, dass sich viele Hauptschüler in einer Reaktion darauf von der Schule abwenden. Dabei handelt es sich um einen Effekt, der schulstrukturell und nicht individuell bedingt ist.«
Soll die Hauptschule als Schulform abgeschafft werden? Michel Knigges Thesen und die Übertragbarkeit seiner Untersuchungsergebnisse auf andere Bundesländer diskutierte der Psychologe mit Harald Fischer von der Hamburger Schulbehörde, der Schriftstellerin Mirijam Günter, die durch ihren Roman »Heim« bekannt wurde und derzeit Literaturwerkstätten in Hauptschulen und Jugendvollzugsanstalten leitet, und mit Helmut Krück vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Auf die Frage des Moderators Manuel J. Hartung von ZEIT Campus, was er als »Berater« den Bildungspolitikern empfehlen würde, äußerte Michel Knigge seine Vorstellung einer einheitlichen Schule für alle Kinder. Forderungen nach solch einer »Schule für alle« kann die Schriftstellerin Mirijam Günter nicht teilen. Die Hauptschule sollte ihrer Ansicht nach erhalten bleiben und gestärkt werden. »Wir müssen nicht über die Abschaffung von Hauptschulen sprechen, sondern über die Abschaffung von Armut“, so Mirjam Günter. »Ich bin eine der wenigen, die eine Hauptschule besucht hat und sich für sie einsetzt. Um sie zu stärken, müsste es mehr Menschen mit Vorbildfunktion geben. Zudem muss man das Selbstbewusstsein der Hauptschüler außerhalb der Schule stärken und ihnen Identifikationsmöglichkeiten geben. Als Hauptschüler wird man ständig mit einer Welt konfrontiert, die mit der eigenen Realität nichts zu tun hat.« So seien die Hauptansprechpartner – Lehrer oder Erzieher – eben nie Hauptschüler gewesen und damit als Vorbilder letztlich nicht geeignet.
Hamburg hat sich als Stadtstaat dazu entschieden, die Hauptschule als eigenständige Schulform abzuschaffen und die Stadtteilschule einzuführen. »Der Grund für unseren Entschluss waren vor allem die extrem negativen Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl der Schüler, die die Hauptschule im Vergleich zur Gesamtschule hat«, sagte Harald Fischer. »Es muss zukünftig gelingen, die Stadteilschule und das Gymnasium als Orte unterschiedlicher Schwerpunkte bezogen auf das Lernverhalten und die Lernbedürfnisse von Schülern zu beschreiben. Damit das Konzept Erfolg hat, muss die Stadtteilschule auch attraktiv für Gymnasiasten werden.«
Helmut Krück wies auf die strukturellen Unterschiede zwischen Bayern und Hamburg hin. So besuchen in Bayern fast ein Drittel der Schüler die Hauptschule, in Hamburg sind es dagegen nur zehn Prozent. Für ihn ist grundsätzlich eine Reform des Unterrichts wichtiger als die Schulstrukturdebatte. Er verwies auf ein Förderungskonzept, das den Schülern den richtigen Ausbildungsweg vorgibt und ihnen so das Selbstbewusstsein zurück gibt. »In Bayern wird es keine Stadteilschule im Hamburgschen Sinne geben. Der Koalitionsvertrag sieht eine Kooperation zwischen Realschule und Hauptschule vor, jedoch bleiben die beiden Schulformen selbstständig. Der Schwerpunkt liegt auf einem speziellen Förderangebot, bei dem unter anderem Schüler aus der Jahrgangsstufe 5 der Hauptschule in die sechste Klasse der Realschule wechseln können. Mit der Kooperation wollen wir für jedes Kind die richtige Schulform finden.«
Bei der nächsten »Plattform junge Forschung« mit dem Titel »Dealen wird Gesetz« diskutieren der Rechtswissenschaftler Peter Huttenlocher und weitere Gäste die Frage, was es für unser Rechtssystem bedeutet, dass immer mehr Strafprozesse mit einem Deal zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung abgeschlossen werden.
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