Rückblicke 2009
Wohnen im Alter
08. Juni 2009
Unsere Gesellschaft wird immer älter, die Zahl der Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, steigt. Wie können wir die nötige Hilfe organisieren und zugleich ein weitgehend selbstbestimmtes Leben ermöglichen? In ihrem Kurzvortrag stellte die Architektin Gesine Marquardt verschiedene Wohnkonzepte für ältere Menschen vor und erläuterte bauliche Konsequenzen, die sich aus dem demografischen Wandel ergeben. Ihre Thesen diskutierte die Studienpreisträgerin mit Ursula Kremer-Preiß vom Kuratorium Deutsche Altershilfe und Wolfgang Janzen von der Martha Stiftung. Die Journalistin Marion Förster moderierte die Veranstaltung, die die letzte der diesjährigen Reihe »Plattform junge Forschung« war. In dieser Reihe stellte die Körber-Stiftung Forschungsarbeiten von Nominierten und Preisträgern des Deutschen Studienpreises vor.
»Obwohl derzeit die Mehrzahl der über 60 Jährigen in der eigenen Wohnung lebt und nur etwa anderthalb Prozent in Altenpflegeheimen, wird der Bedarf und die Wichtigkeit von Heimen und anderen Versorgungsformen steigen«, so Gesine Marquardt in ihrem Vortrag. Wie aktuelle Studien zeigten, könne bis zum Jahr 2030 ein Bedarf von 800 000 zusätzlichen stationären Plätzen entstehen. »Ein so umfangreicher Ausbau der stationären Pflege kann jedoch nicht das Ziel sein und ist in unserer Gesellschaft finanziell nicht tragbar. Auch von den Betroffenen kann das nicht gewünscht sein.« Mögliche Alternativen zur Heimunterbringung könnten daher spezielle Wohnformen wie das Betreute Wohnen, die Demenzwohngemeinschaft oder das Mehrgenerationenhaus sein. Anhand von Praxisbeispielen stellte Gesine Marquardt diese Modelle und deren baulichen Voraussetzungen vor. Dennoch, so betonte die Architektin, bleiben Altenpflegeheime zukünftig unverzichtbar.
Ihre Erläuterungen stützte Gesine Marquard unter anderem auf die Forschungsergebnisse ihrer Dissertation zur räumlichen Orientierung Demenzerkrankter in stationären Pflegeinrichtungen. In dieser Arbeit zeigte die Architektin erstmals den Zusammenhang zwischen Gebäudestrukturen und der Orientierungsfähigkeit ihrer demenzkranken Bewohner. Untersuchungen zusammen mit Medizinern des Dresdner Universitätsklinikums zum Erinnerungsvermögen von Demenz-Patienten ergaben: »Demenzkranke können sich Orte in einer Pflegeeinrichtung, die sie nicht mehr sehen, mental kaum noch vorstellen. Für sie ist die gute Erfassbarkeit räumlicher Strukturen von zentraler Bedeutung.« Marquardt präsentierte einige Wohnbeispiele einer orientierungsfördernden Architektur aus Berlin, Eichstätt, Leipzig und Zürich.
Wie reagiert man auf die Bedürfnisse unserer alternden Gesellschaft? Diese Frage diskutierte Gesine Marquardt in der anschließenden Podiumsrunde mit Ursula Kremer-Preiß, Referentin im Fachbereich »Architektur und Wohnen« des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, und mit Wolfgang Janzen, Leiter des Seniorenzentrums Sankt Markus der Martha Stiftung in Hamburg. Ursula Kremer-Preiß betonte vor allem die Wichtigkeit von Quartierskonzepten: »Es ist nicht bedeutsam, dass wir spezielle oder große Wohnformen schaffen. Vielmehr sollte man die Betreuungsmöglichkeiten in den Wohnvierteln - den Quartieren - ausbauen und nach Bedarf Wohnangebote verfügbar machen. So können Pflegebedürftige in ihrem Umfeld bleiben.« Dafür gelte es zum einen die baulichen Voraussetzungen in den Quartieren zu schaffen - also ausreichend barrierefreie Wohnflächen für kleinteilige Wohnprojekte wie Demenzwohngemeinschaften oder Mehrgenerationenhäuser. Auch eine Verbesserung der Infrastruktur sei notwendig, damit beispielsweise der öffentliche Nahverkehr oder Einkaufsmöglichkeiten fussläufig erreichbar seien. Zum anderen müsse eine gegenseitige Unterstützung der Bewohner des Viertels initiiert werden: »Es muss eine neue Kultur des Helfens entwickelt werden. Wir brauchen einen Wechsel von einer Versorgungsstruktur hin zu einer Mitwirkungsstruktur.« Ein »Kümmerer«, der die Menschen zu ehrenamtlichem Engagement motiviert und unterstützt, aber auch die Einrichtung von Pflegestützpunkten, also Anlaufstellen, an denen Menschen Hilfe bekommen können, seien wichtige Elemente des Quartierskonzeptes.
Nach Kremer-Preiß müssen sich auch professionelle Versorgungseinrichtungen ins Quartier öffnen. Auch Altenheime können Initiatoren eines Quartierskonzeptes sein. Das Seniorenzentrum Sankt Markus an der Gärtnerstraße in Hamburg zeigt das bereits in Ansätzen. »Wir nennen es Stadtteilöffnung. Wir haben die Einrichtung im Vorfeld so konzipiert, dass sie sich maßgeblich dem Stadtteil öffnet. So gibt es im Erdgeschoß ein öffentliches Café und Geschäfte. Und am 7. Juni waren wir zum Beispiel Wahllokal«, sagte Wolfgang Janzen. Janzen hält das Quartierskonzept für wünschenswert, zweifelte allerdings angesichts der starken Vereinzelung der Gesellschaft und dem Verlust von traditionellen Familienstrukturen an der Umsetzung. Seiner Ansicht nach können Kümmerer und ehrenamtliche Pfleger in den Quartieren die neue Nachfrage nach Unterstützung, die vorher von den Familien geleistet wurde, nur schwer bewältigen.
Gesine Marquardt betrachtete das Quartierskonzept insbesondere hinsichtlich der demografischen Entwicklung. Die hohe Anzahl der Menschen mit einer höheren Lebenserwartung, die zwar einer Pflege bedürften, jedoch nicht in einem Heim untergebracht werden müssen, könnte das Quartier auffangen. »Die Schwerstpflege jedoch wird zu einem großen Teil in den professionellen Strukturen wie Alternpflegeheimen geleistet werden müssen. Zwischen dem Quartierskonzept und der Heimpflege muss daher kein Widerspruch bestehen.« Grundsätzlich plädierte die Architektin für mehr Forschung: »Wir haben Demenz noch nicht in allen Punkten verstanden. Die Architektur kann noch viel leisten für die Selbstständigkeit und Selbstbestimmung älterer Menschen.«
Insgesamt herrschte unter den Podiumsdiskutanten in vieler Hinsicht Einigkeit: Der demografische Wandel wird auch einen Wandel der Versorgungsstrukturen mit sich führen. Zehn bis 15 Jahre werden benötigt, um neue Strukturen zu etablieren; daher ist aktives Handeln bereits jetzt notwendig. Hierbei sei das Quartierskonzept, dass keine Billiglösung sein, sondern an Qualität und Eigeninitiative appellieren und die Selbstständigkeit ihrer älteren Bewohner garantieren soll, eine geeignete Antwort auf die demografischen Entwicklungen unserer Gesellschaft.
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