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Rückblicke 2009

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Dr. Lothar Dittmer vom Vorstand der Körber-Stiftung begrüßt die Gäste im vollen KörberForum
(Foto: Peter Frischmuth)

Alter verbindet Generationen

25. Juni 2009

»Ich begrüße die Bundesfamilienministerin sehr herzlich im KörberForum«. Vorstandsmitglied Dr. Lothar Dittmer vom Vorstand der Körber-Stiftung bereitete den thematischen Boden des Abends vor: Er stellte das Haus im Park der Körber-Stiftung vor, ein BegegnungsCentrum für Ältere mit vielen generationsübergreifenden Angeboten – und präsentierte die neue Ausschreibung des Transatlantischen Ideenwettbewerbs USable, »Engagement der Generation 50+«.
Denn Ursula von der Leyen war ins KörberForum gekommen, um über die Potenziale des Alters, das Miteinander von Jung und Alt, über Mehrgenerationenhäuser und über wertvolle Erfahrungen der Älteren für die Jüngeren zu reden. »Alter verbindet Generationen« war der Titel des Gesprächs mit Radio- und Fernsehmoderator Jörg Thadeusz.

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Bundesfamilienministerin von der Leyen
(Foto: Peter Frischmuth)

Ein Thema, das emotional besetzt ist, weil es dringende Fragen an die Zukunft stellt: Welchen Stellenwert geben wir älteren Menschen in unserer Leistungsgesellschaft? Wie kann man verhindern, dass wertvolles Wissen und jahrzehntelange Erfahrungen einfach brachliegen? Und erhöht eine längere Lebenserwartung nicht auch die Gefahr der Vereinsamung?
Moderator und Grimme-Preisträger Jörg Thadeusz begann mit einem Blick in die Kulturgeschichte: Haben sich die Menschen nicht schon immer verzweifelt gegen das Älterwerden gewehrt? »Es war früher sicher ein schmerzhafter Prozess, älter zu werden, gerade weil die Lebenserwartung geringer war. Mit dem Alter kam schnell Gebrechen, Leid und Tod«, sagte von der Leyen. Aber: »Als es noch keine Bibliotheken oder Google gab, wurden die Lebenserfahrungen durch die Älteren weitergegeben.« Deshalb sei früher die Würdigung des Alters höher gewesen.

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Im Gespräch mit rbb-Moderator Jörg Thadeusz
(Foto: Peter Frischmuth)

Und genau da will die Bundesministerin wieder hin. Es sollte der roter Faden an diesem Abend werden: Ihr geht es darum, das Wort »Alter« wieder positiv zu besetzen, sie möchte weg vom Bild der »vergreisten Gesellschaft«, spricht lieber von einer »Gesellschaft, des langen Lebens.« Und sie kämpft gegen das, was sie »Zerrbilder« nennt – der Rentner auf dem Kreuzschiff  oder der völlig pflegebedürftige Senior. »Natürlich gibt es das beides auch. Aber dazwischen liegt eine unglaublich große Vielfalt, keine Gruppe ist so heterogen wie die der Älteren und Senioren.«
Diese Gruppe sei »heute in einem anderen Zustand, als in den fünfziger Jahren: Gesünder, gebildeter –  bereit viel zu geben.« Genau das Potenzial gelte es auszuschöpfen. Durch den demographischen Wandel werden in Zukunft die Fachkräfte schwinden, »die Erfahrung des Alters muss genutzt werden, sonst verlieren wir unsere Innovationskraft«, sagte sie – und landete den ersten von vielen Lachern mit einem schönen Vergleich: »Die Jungen rennen zwar schneller, die Alten kennen aber die Abkürzung.«

Doch wird dieses Potenzial bisher genügend genutzt, wollte Thadeusz wissen. »Nein«, glaubt von der Leyen. Viele Firmen sähen zwar in der Erfahrung ihrer älteren Mitarbeitern einen großen Wert, aber »da gibt es eine Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Handeln.« Das Gros des Geldes für Fortbildungen werde für Angestellte zwischen 25 und 45 ausgegeben. Dabei gehe es »danach erst richtig los.«
Firmen müssten ältere Menschen mit den neuen Techniken vertraut machen, ihnen das Gefühl vermitteln, noch gebraucht zu werden, ja »den Drive für die Karriere ab 45 geben.«  Zudem seien flexible Arbeitszeitmodelle nötig, die ein Berufsleben und eine späte Karriere ermöglichen – auch wenn der Vater oder die Mutter plötzlich zum zeitintensiven Pflegefall wird.

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»Die Potenziale des Alters werden bisher nicht genügend genutzt«
(Foto: Peter Frischmuth)

Jörg Thadeusz wandte ironisch ein, dass es doch »gemein ist, dass in dem Lebensabschnitt, in dem ich mich auf den Garten konzentrieren möchte«, noch so viel Leistung erwartete werde. Die CDU-Politikerin war da anderer Meinung – und landete prompt den nächsten Lacher: »Ich glaube, die meisten Alten wollen mehr Spuren hinterlassen als eine Kuhle im Sofa.«
Auch über eines ihrer politischen Lieblingsthemen wurde gesprochen – die Mehrgenerationenhäuser. Etwa 500 gibt es davon derzeit in Deutschland, angelegt bisher als ein fünfjähriges Modellprojekt der Bundesregierung. Hier könnten, so die 50-jährige Familienministerin, nicht nur Vorurteile abgebaut werden, sondern die Generationen  voneinander lernen. Ganz nach der Grundidee: Gepiercte Jugendliche lassen sich von grauhaarigen Ex-Firmenchefs Tipps für das nächste Bewerbungsgespräch geben – und helfen im Gegenzug bei der Installierung der neusten Software.

Aber auch in anderen Bereichen ist für von der Leyen das Engagement der Senioren bereits heute »eine Riesenhilfe« – und sollte daher weiter gefördert werden: Da gibt es Leihgroßeltern, die jungen Familie mal einen ruhigen  Abend verschaffen. Oder ehrenamtliche Sterbebegleiter, die selbst schon die schmerzhafte Erfahrung des Verlusts hinter sich haben – und für die ihre Arbeit Hilfe und Selbsthilfe gleichermaßen ist.
Eine kurze Umfrage im Publikum zeigte: Fast die Hälfte der Zuhörer ist ehrenamtlich aktiv. Auch deshalb hat für die Familienministerin der Generationenvertrag zwei Seiten: Natürlich müssten auf Grund der Demografie immer weniger Beitragszahler immer mehr Senioren die Rente sichern. Aber: »Der Fluss von den Großeltern oder Eltern zurück an die Kinder ist auch gewaltig«, sagte von der Leyen. Durch finanzielle Starthilfen für den Berufseinstieg. Beim Renovieren der Wohnung oder beim Babysitting. »Das Wissen der Kinder, dass ihnen die Eltern helfen, wenn es hart auf hart kommt, ist ein unschätzbarer Wert.« Und gebe vielen erst den Mut, sich den Kinderwunsch zu erfüllen.

Eine Brücke zwischen den Generationen schlug die Familienministerin auch vor Ort und aus aktuellem Anlass. Draußen vor dem KörberForum hatten sich vornehmlich junge Demonstranten eingefunden, die gegen ein neues Gesetz protestierten, das auch die Sperrung von Internetseiten mit kinderpornographischen Inhalten erlaubt. »Diese Menschen sind natürlich nicht für Kinderpornografie«, erklärte von der Leyen und verteidigte ihre Gegner, »sondern gegen jegliche Sperrung im Internet«. Sie nehme die Diskussion ernst, bleibe in der Sache aber »unerbittlich«, da kinderpornographische Fotos »eine Nachfrage erzeugen, für die Kinder entführt und verkauft werden.« Auch im Internet ende die Freiheit da, wo die Würde der Menschen verletzt werde.

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Fragen aus dem Publikum
(Foto: Peter Frischmuth)

Am Ende der Gesprächsrunde konnten die Zuschauer Fragen stellen – viele lobten das Projekt der Mehrgenerationshäuser, andere wünschten sich mehr Anlaufstellen zum ehrenamtlichen Engagement. Doch manch einem machten die lauschigen Visionen der Ministerin auch skeptisch. »Wenn man Sie reden hört, hat man Lust alt zu werden. Aber ist die Realität nicht eher so: Man lebt heute länger, ist aber auch länger arm?«
Doch Ursula von der Leyen blieb bei ihrer Linie: »Es hilft wenig, ein düsteres Bild zu zeichnen.« Die Gefahr der Altersarmut sei vorhanden – und müsse früh bekämpft werden: Mit Kita-Plätzen, weil das Armutsrisiko für alleinerziehende Mütter am höchsten sei. Und da für die CDU-Politikerin Altersarmut immer auch persönliche Vereinsamung bedeute, setze sie sich für soziale Projekte ein,  die »Beziehungsfähigkeit im Alter fördern«. Beispielsweise betreute Wohnformen für Senioren.

Blieb noch die Frage, zumindest für Moderator Thadeusz, was denn bei der Ministerin »jedes Jahr attraktiver wird«. Von der Leyen zuckte kurz,  zögerte, Jörg Thadeusz entschuldigte sich schon für seine unverschämte Frage – doch dann bekam er eine charmante Antwort: »Meine Tochter hat mal gesagt: ‚Mama, wenn du lachst, hast du einen schönen Kranz um die Augen.‘ Vielleicht sollte ich diesen Kranz pflegen.« – Mit herzlichem Lachen und viel Beifall wurde die Familienministerin aus dem voll besetzten KörberForum verabschiedet.

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