Rückblicke 2009
Leben 2034: Die Zukunft der Mobilität
27. Mai 2009
Pünktlich waren alle, egal wie sie gekommen waren. Ein gutes Zeichen, denn der dritte Abend in der Reihe »Leben 2034« drehte sich um die Mobilität. Er begann konsequenterweise mit einer kurzen Umfrage – und einem Ergebnis, das überraschte: Denn die klare Mehrzahl der Besucher im bis auf den letzten Sitz gefüllten Forum der Körber-Stiftung war mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen. Der Rest nahm Rad, Auto oder kam zu Fuß, wobei hier die Autofahrer wiederum in der Mehrheit waren.
Ähnlich bunt war das Bild unter den drei Experten, die an diesem Abend über die Zukunft der Mobilität diskutierten: Der Direktor des Instituts für Mobilitätsforschung der BMW-Gruppe, Wolfgang Hell, erschien mit dem Auto - die Marke verriet er nicht. Werner Reh, Verkehrsexperte beim Naturschutzverband B.U.N.D. erreichte Hamburg mit der Bahn - und legte gleich nach, dass er »noch nie in einen Billigflieger« gestiegen sei. Klaus Broichhausen hingegen kam mit dem Flugzeug. In München leitete er bis 2008 den Thinktank »Bauhaus Luftfahrt« und wurde 2005 zum Ingenieur des Jahres gekürt – für die Entwicklung eines besonders effizienten Triebwerks.
Es ist schwierig, über etwas zu diskutieren, das schon fast zu selbstverständlich geworden ist. Der Traum von Mobilität ist nahezu so alt wie die Menschheit. Er war eine zentrale Triebfeder der Moderne, entfachte die Industrialisierung, faszinierte und inspirierte Generationen von Tüftlern, Erfindern und Wissenschaftlern. Zeppeline schwirrten durch die Luft, Schienennetze erschlossen unwegsame Gegenden, das Automobil eroberte die Welt – und findige Bastler konstruierten sogar schwimmfähige Autos, die auf dem Ärmelkanal fuhren oder über den Atlantik schipperten.
Auch wenn sich solch kauzige Erscheinungen nicht durchsetzten - lange zeigte die Entwicklung der Mobilität nur in eine Richtung: immer schneller, immer sicherer, immer günstiger. Nie war es einfacher, in so kurzer Zeit so riesige Entfernungen zurückzulegen. Doch wie sieht das in 25 Jahren aus? Drohen die Städte zu ersticken – oder nutzen wir dann völlig andere Verkehrsmitteln? Gibt es intelligente Leitsysteme, die Staus verhindern und Umweltbelastungen beschränken? Wie mobil kann eine alternde Gesellschaft überhaupt noch sein, wenn im Jahr 2034 ein Drittel der Bevölkerung über sechzig Jahre alt sein wird.
Natürlich blieb an diesem Abend vieles Spekulation, aber auf wissenschaftlichen Niveau, denn zu dem Thema gibt es etliche nationale und internationale Studien. Inhaltlich lagen die Experten selten weit auseinander, mitunter verlief die Argumentation sehr technisch – und Moderator Hans Michael Kloth, Ressortleiter beim Zeitgeschichte-Portal einestages.de von Spiegel Online, musste sich das eine oder andere Fremdwort übersetzen lassen. Umso interessanter waren die Zwischentöne: Was ist möglich – und was ist überhaupt wünschenswert?
Dem B.U.N.D.-Verkehrsexperten Werner Reh schwebt eine »Mobil-Card« vor, die nach einem einfachen Prinzip funktionieren soll: »Ich suche mir genau das Verkehrsmittel aus, das für mich gerade passend ist - Rad, Bus oder Auto. Am Ende des Monats bekomme ich dann eine Rechnung für die Kosten meiner gesamten Mobilität«. Nur so würden sich alle Verkehrsträger effizient und umweltschonend ergänzen und verzahnen. Aus demselben Grund sei schon heute „der ÖPNV Vorrausetzung für das Car-Sharing.“
In den Städten der Zukunft sieht Reh einen großen Markt für wendige Elektro-Roller. Bis zum Jahr 2020 hofft er zudem, dass es in Deutschland eine Millionen Elektro-Autos geben wird - »zugegeben ein ehrgeiziges Ziel.« Fast wichtiger ist ihm ein Wandel der Mentalität: »Es bringt nichts, wenn wir ein Mini-Auto mit 200 PS bauen« – doch das sei derzeit noch die Denkweise. Und schließlich wünschte sich Reh klarere Signale aus der Politik, »ich vermisse da den Mut, langfristig zu denken.« Die boomenden Metropolen zögen qualifizierte Arbeitskräfte ab, »die Räume dazwischen sind leer - doch bisher hat die Politik nicht reagiert.«
Wolfgang Hell, BMW-Mobilitätsforscher, sah weniger Anlass, auf markante Veränderungen der Mobilität zu hoffen. Auf die Frage nach der erfrischensten Innovation fiel ihm wenig ein, was eine Marktchance haben könnte. Frachter mit Segelantrieb? »Davon gibt es bisher nur ein Schiff, das ist nicht die Lösung.« Das Elektroauto? »Die Speicherkapazität der Batterien ist zu gering, das wird es zunächst wohl nur als Stadtauto geben.« Wasserstoffantrieb? »Müsste erst die Infrastruktur gebaut werden«.
Seine Grundthese klang nüchtern, für manchen Zuschauer ernüchternd: Er prognostizierte zwar eine »flexiblere Mischung der Verkehrsmittel«, aber überwiegend »wird es auch in den nächsten 20 Jahren mit der konventionellen Antriebstechnik weitergehen.« Da gebe es allerdings ein riesiges Einsparpotenzial, den Benzinverbrauch könne man »um mehr als die Hälfte« drosseln. Doch reicht das, um den Hunger nach Energie und Mobilität zu stillen? Denn obwohl die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wird Studien zufolge die Gesamt-Verkehrsleistung dennoch weiter zunehmen, wenn auch etwas langsamer. Sprich: Wir werden älter, im Durchschnitt aber noch mobiler.
Durch bessere Technik könne auch in der Luftfahrt 50 Prozent Treibstoff gespart werden, schätzt der dritte Gast am Abend, Luftfahrt-Experte Klaus Broichhausen. Für ihn sind zwei Dinge zentral: Es müsse einfacher werden, von einem Verkehrsmittel zum nächsten zu gelangen, gerade für ältere Menschen. Denn falls Mobilität in Zukunf teuer wird, droht den Älteren die soziale Vereinsamung und Verarmung. Und: Broichhausen sieht neben der Logistik und Technik auch eine große Chance in einem Wertewandel: weg von der beschleunigten, hin zur entschleunigten Gesellschaft. »Ob ich nun zwei Stunden oder zwei Stunden zwanzig fliege, ist mir als Fluggast ziemlich egal. In der Flugeffizienz macht das aber eine Menge aus.«
Senkung des CO2-Austoßes durch eine Renaissance der Langsamkeit – von der Idee ist auch Werner Reh überzeugt. Denn das Prinzip funktioniere in jedem Sektor: »Wenn Schiffe langsamer fahren«, rechnet er vor, »können sie 20 bis 30 Prozent sparen«.
Während die Experten routiniert mit Zahlen jonglierten, über die Zukunft des Güterverkehrs stritten und die Zersplitterung des europäischen Verkehrssystems beklagten, wurden einige Zuschauer in ihren Fragen drängender: »Ist Mobilität überhaupt noch bezahlbar, wenn man nur 1100 Euro netto verdient?«, wollte ein Gast wissen. »80 Prozent der Deutschen wollen das Elektro-Auto. Warum hat sich in den letzten 15 Jahren so gut wie nichts getan? Ist das E-Auto ein Phantom?« fragte provozierend ein Zweiter. Und eine junge Frau fand es »erschütternd« und »verantwortungslos«, wie wenig in Deutschland Politiker und Verkehrsexperten verschiedener Fachbereiche zusammenarbeiten würden.
Gerade beim letzten Punkt stimmten auch die drei Gäste zu, dass weit besser kooperiert werden muss. »Im Verkehrsministerium gibt es zu viele Abteilungen«, klagte Reh. »Es herrscht Ressortdenken, für die Schnittstellen fühlt sich niemand verantwortlich«, pflichtete Hell ihm bei. Und Broichhausen war überzeugt, dass »China uns bald den Rang ablaufen wird«, weil dort eben »branchenübergreifend Verkehrssysteme geplant werden.«
Ziemlich einig waren sich die drei Experten zudem, dass Mobilität in Zukunft teurer wird – nur wie das zu finanzieren sei, blieb umstritten. Subventionen? Investitionen des Staats? Einsparungen des Bürgers? »Auf den Lustgewinn einer Kurzreise nach Mallorca« müsse man in Zukunft eventuell verzichten, antwortete Klaus Broichhausen auf eine Zuschauerfrage.
»Es geht doch überhaupt nicht um Lustgewinn«, bemerkte eine Frau im Publikum. Sondern darum, ob Mobilität in 25 Jahren die Gesellschaft in zwei Klassen spaltet und für manche zum unbezahlbaren Gut wird. Eine zumindest reale Angst. Denn als dem Publikum am Ende der Diskussion zwei Szenarien präsentiert wurden, hielt die Mehrzahl das pessimistische Szenario für das realistischere.
Bücher
KörberPodcasts
Videos / Livestream
Unsere Schwerpunkte





Klicken Sie auf ein Bild für mehr Info.



































