Rückblicke 2009
Unternehmen fördern Integration
29. April 2009
»Am Vormittag widme ich mich mit ganzer Kraft dem Profitmachen, dem Geldverdienen; am Nachmittag überlege ich mir dann, wie ich diese Profite gewinnbringend für die Gesellschaft, für das Gemeinwohl anlegen, ausgeben kann.« Mit diesem Zitat von Kurt A. Körber begrüßte Vorstand Lothar Dittmer die Gäste im KörberForum zur Veranstaltung »Unternehmen fördern Integration«. Dass dieser Leitsatz des Stifters auch heute noch für viele Unternehmer gelte, zeige die große Beteiligung bei der Jubiläumsinitiative der Körber-Stiftung, »Anstiften!«. Bis zum heutigen Zeitpunkt haben sich, so konnte Lothar Dittmer berichten, 67 Unternehmen gefunden, die zusammen mit der Körber-Stiftung soziales Engagement in Hamburg unterstützen wollen. Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen sei auch ein entscheidender Bestandteil für die erfolgreiche Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland, leitete Dittmer zum Thema des Abends über.
»Aktion zusammen wachsen«
Die Staatministerin für Integration Prof. Dr. Maria Böhmer stellte in der Diskussionsrunde zunächst die »Aktion zusammen wachsen« vor. Unter dem Motto »Bildungspatenschaften stärken, Integration fördern« hat die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung diese Initiative als Teil des nationalen Integrationsplans gestartet. Der Hintergrund, der Maria Böhmer bewegt: 40 Prozent der jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund verfügen über keine berufliche Qualifikation. Die bereits vorhandenen Bildungs- und Ausbildungspatenschaften tragen entscheidend dazu bei, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte beruflich zu qualifizieren. Aufgabe der »Aktion zusammen wachsen« ist es, eine Plattform für diese Projekte zu bieten, sie miteinander zu vernetzen, ihnen einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen und Maßnahmen zur Weiterqualifizierung anzubieten. Ein besonderer Schwerpunkt der Aktion liegt auf der Unterstützung von Betrieben beim Ersteinstieg in die duale Berufsausbildung. Am Morgen hatte bereits ein Workshop zu diesem Thema in den Räumen der Körber-Stiftung statt gefunden.
Potenziale internationaler Unternehmensführung
Immer mehr Unternehmen legten Wert auf Diversity, so Constanze Brucker über ihre Erfahrung beim Kooperationsprojekt »Internationale Unternehmen bilden aus« (IUBA), welches durch das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung im Rahmen der Qualifizierungsoffensive gefördert wird. Constanze Brucker ist bei IUBA verantwortlich für den Aufbau und die Pflege von Kooperationen mit Unternehmen, deren Inhaber nicht-deutscher Herkunft sind. In den letzten siebeneinhalb Jahren sind so 2.700 neue Ausbildungsplätze entstanden. IUBA begleitet die ausbildungsinteressierten Unternehmen und verhilft ihnen dazu, bürokratische und andere Hürden zu überkommen. Der Begriff »Mentoring« drücke aus, dass die Beziehung zwischen Unternehmer und Berater auf gleicher Augenhöhe beruhe. Denn oftmals ließen sich Unternehmer mit Migrationshintergrund abschrecken, da sie sich keiner Sonderbehandlung aussetzen wollten. Es müsse einen Mittelweg geben: Mehr Willkommenskultur der Mehrheitsgesellschaft und Behandlung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte als Deutsche mit deutschen Rechten und Pflichten.
Soziales Kapital einer Bank
Thomas Baumeister, Head of Corporate Volunteering der Deutschen Bank, ist unter anderem für die Mentorenprogramme seines Unternehmens zuständig. Ca. 140 Mitarbeiter haben sich bislang als Mentoren für Jugendliche mit Migrationshintergrund engagiert, meistens über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren. Dabei komme es bei den einzelnen Tandems weniger auf die gemeinsamen Aktivitäten an als auf die Qualität der Beziehung zueinander an: »Mentoring ist im Grunde ein Paradox, Intimität auf Krankenschein.« Wichtig sei dabei die Unterstützung der Mentoren durch Supervision. Die richtige Motivation sei ausschlaggebend für den Erfolg. Zugespitzt meinte Baumeister: »Die besten Mentoren sind eigentlich diejenigen, die wenig Zeit haben, da sie über ein ausgeprägtes soziales Netz verfügen; die durch ihre religiöse Orientierung eine Sinndimension in ihrer Mentorenrolle sehen, und solche, die häufig ihren Lebenskontext, zum Beispiel Beruf oder Wohnort gewechselt haben und dadurch aufgeschlossen und neugierig anderen gegenüber sind.«
Mentoring and Befriending – Erfolgsrezept in Großbritannien
Eine Außenperspektive lieferte Steve Leach, stellvertretender Geschäftsführer der Mentoring and Befriending Foundation in Manchester. In Großbritannien habe die Regierung schon seit langem verstanden, dass Mentoring in vielfältiger Weise eingesetzt und zur Verbesserung des gesellschaftlichen Zusammenhalts beitragen könne. Die Mentoring and Befriending Foundation bündelt die Vielzahl der vorhandenen Programme, überprüft und fördert ihre Professionalität. Die Foundation steht in engem Kontakt zur britischen Regierung und berät sie im Hinblick auf den Einsatz von Mentoringprojekten. Leach hat ein Qualitätssiegel geschaffen, welches die einzelnen Initiativen anhand einheitlicher Standards systematisch bewertet und deren Effektivität überprüft.
Deutschland – Land der unbegrenzten Möglichkeiten?
Als Unterstützer des Hamburger Projekts »Bildung gegen Kriminalität« im Stadtteil Osdorfer Born nimmt der Hamburger Geschäftsmann und Anstifter Ian K. Karan seine soziale Verantwortung an. »Warum ich nach Hamburg gekommen bin? Ich wollte die Sprache lernen. Aus einem Jahr wurden 39 Jahre, in denen ich immer noch bemüht bin die Sprache zu lernen«, skizzierte Karan, dessen familiäre Wurzeln in Sri Lanka liegen, humorvoll seine Geschichte. Sprache sei die wichtigste Voraussetzung für erfolgreiche Integration. Aus eigener Erfahrung wisse er, dass Deutschland sehr wohl ein »land of opportunities« für Zuwanderer sein könne. Und seit der Fußball WM 2006 sei es viel einfacher geworden, mit Deutschen über das Deutschsein und das Dazugehören zu kommunizieren. »Es ist einfacher mit einem Menschen befreundet zu sein, der mit sich selbst im Reinen ist und der mit seinen eigenen Werten ohne Probleme umgeht.«
Mehr Chancen zur Mitgestaltung
Auch das Publikum kam zu Wort: Ein Physikstudent bestätigte anhand der eigenen Biographie die These von Deutschland als »land of opportunities«. Er wünschte sich mehr Interesse für die Kompetenzen von Zugewanderten und nicht nur für deren Herkunft. Eine junge Diversity Trainerin, gebürtig in Uruguay, fand, dass Migration in Deutschland zu stark problematisiert und zu wenig Wert auf Antidiskriminierungsarbeit gelegt werde. Ein pakistanischer Zuwanderer mit MBA-Abschluss aus seinem Heimatland wusste zu berichten, dass es besonders in den 70er und 80er Jahren für Migranten und Asylsuchende sehr schwer war, in ihren gelernten Berufen in Deutschland weiter zu arbeiten. Gerade Studienabschlüsse würden bis heute oft nicht anerkannt. Zuletzt bat der Moderator Michael Brocker seine Podiumsgäste einen Blick in die Zukunft zu werfen. Was sind die Prognosen für Mentoringprogramme, Bildungspatenschaften und Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Migrationshintergrund in Zeiten der internationalen Finanzkrise? Es waren sich alle einig, dass die wirtschaftliche Entwicklung die Unterstützung der Unternehmen für Integration nicht einfacher mache. Doch es gebe Hoffnung: Auch Dank Mentoringprojekten sei der Prozess der Integration in Deutschland in den letzten Jahren unumkehrbar in Gang gesetzt worden.
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