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Rückblicke 2009

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Edzard Reuter
Fotos(4): Jann Wilken

Exil in der Türkei
Aydan Özoğuz im Gespräch mit Edzard Reuter

18. Februar 2009


Ob er die Arbeiter im Werk der Daimler Benz AG denn auch mal auf Türkisch begrüßt habe, wollte Aydan Özoğuz am Anfang ihres Gesprächs von dem ehemaligen Vorstandschef wissen. Gelegentlich, nicht allzu oft, lautete seine Antwort. Eigentlich hätten diese ja auch schnell wieder zurück in ihre Heimat gewollt. Das war auch der Plan der Familie Reuter, die 1935 vor den Nationalsozialisten nach Ankara fliehen musste. Am Ende wurden daraus 11 Jahre politisches Exil in der Türkei.
Für den damals Siebenjährigen sei das natürlich ein einziges Abenteuer gewesen, allein schon die Anreise mit dem Orient-Express. Jenseits von Belgrad, so erinnerte sich Reuter, sei eine völlig neue Welt entstanden. Der Zug habe sich zunehmend auch mit den verschiedensten Tieren bevölkert, aber die Menschen seien dabei immer sehr freundlich gewesen. »Eigentlich war das für mich alles sehr sympathisch.«

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In Ankara, was damals noch »ein Provinznest« gewesen sei, wurde Reuter bis zum Abitur privat in einer kleinen Schülergruppe nur von einer Lehrerin, einer deutschen Studienrätin, unterrichtet. Für ihn »Ein Phänomen an Bildung«. Natürlich sei die Hauptstadt der neuen Nation auch ein Nest für Geheimdienste gewesen. »Wir haben uns immer die Frage gestellt, warum meine Eltern nicht ausgebürgert wurden«, meinte Reuter. Schließlich habe man einmal im Jahr den Pass bei der deutschen Botschaft verlängern müssen. Später habe man in Erfahrung bringen können, dass Botschafter Franz von Papen immer wieder davor gewarnt habe, dass eine derartige Ausbürgerung nur negativ auffalle.

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Vater Ernst Reuter arbeitete an der Universität Ankara als Professor für Städtebau. 1933 waren die türkischen Universitäten reformiert und die ersten Verträge mit deutschen Wissenschaftlern abgeschlossen worden. Sie erhielten in der Regel sehr gut dotierte Positionen an den Hochschulen und bei Regierungsbehörden, teilweise wurden sogar spezielle Institute gegründet, die von Exilanten geleitet wurden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, nutzten viele Akademiker, die aus dem deutschen Wissenschaftsbetrieb verdrängt wurden, die Angebote der türkischen Regierung.

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Als die Familie nach Kriegsende zurück wollte, durfte sie zunächst nicht. »Ich wollte studieren, wollte beim Aufbau einer Demokratie mithelfen«, sagte Reuter. Als es soweit war, habe er sich nicht vorstellen können, was ihn schließlich bei der Ankunft am Bahnhof in Hannover erwartete. Das Ausmaß der Zerstörung und das Leiden der Menschen sei für ihn der Schock seines Lebens gewesen. Doch die Rückkehrer wurden mit gemischten Gefühlen aufgenommen. In der späteren Bezeichnung seines Vaters als »Türke von Berlin« – 1947 wurde Ernst Reuter Regierender Bürgermeister – habe natürlich auch der Vorwurf an die Remigranten mitgeklungen: Die haben gekniffen.
Während er darauf gebrannt habe, sich politisch zu betätigen, so Reuter, seien seine Altersgenossen völlig unpolitisch gewesen. »Die hatten sehr Vieles durchgemacht. Das musste ich erst lernen.«

Dirk Wegner

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