Rückblicke 2009
Evolution heute: Evolution und Menschenbild
19. Februar 2009
Darwins Evolutionstheorie war von Anfang an mehr als eine rein wissenschaftliche Angelegenheit. Ihre vermeintlichen Implikationen werden bis heute intensiv diskutiert. Inwiefern beeinflussen Darwins Denkmodelle von »zufälliger Mutation« und »Kampf ums Überleben« unser Menschenbild und Gesellschaftsmodelle? Lassen sich Evolutionstheorie und Schöpfungsvorstellungen vereinbaren? In der zweiten Veranstaltung »Evolution und Menschenbild« aus der Kurzreihe »Evolution heute«, die die Körber-Stiftung gemeinsam mit der Akademie der Wissenschaften in Hamburg veranstaltet, gaben Reinhold Leinfelder, Geologe, Paläontologe und Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin, und Ulrich Lüke, Theologe und Biologe von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen, Einblicke in eine Jahrhundertdebatte. »Wohl kaum eine andere Theorie hat sich als derart wirkmächtig in die unterschiedlichsten Bereiche hinein erwiesen wie Darwins Evolutionstheorie, die nach hundertfünfzig Jahren immer noch als die nahezu unangefochtene Leittheorie ihrer Disziplin gilt«, führte Matthias Mayer, Leiter des Bereichs Wissenschaft in der Körber-Stiftung in das Thema ein. »Doch sorgt die Spannung von naturwissenschaftlicher Theorie einerseits und ihrer Übertragung in die unterschiedlichsten Bereiche in Gestalt eines vermeintlich universalen Erklärungsmodell andererseits anhaltend für heftige, zuweilen erbitterte Kontroversen.«
Reinhold Leinfelder ging es in seinem Vortrag »Das Licht der Evolution. Die Evolutionstheorie in unserer Gesellschaft« vor allem darum, gesellschaftlich verbreitete Missverständnisse der Evolutionstheorie aufzuzeigen und zu beseitigen. Er sieht sich oft mit Argumenten konfrontiert, die die Evolutionstheorie auf pseudowissenschaftliche Weise als falsch entlarven soll. Er verwies dabei auf verschiedene Formen des Kreationismus. Der Kurzzeitkreationismus sieht die biblische Schöpfungsgeschichte als Tatsachenbericht an und versucht geologische Begebenheiten als Resultat einer großen Flut zu erklären. Der Langzeitkreationismus versucht Beweise für die einmalige Entstehung aller Organismen zu finden, indem er entgegen der naturwissenschaftlichen Erklärungsmuster Lebewesen aus unterschiedlichen Familien gleichsetzt. »Seine Argumente basieren auf der angeblichen Nichtexistenz von Bindegliedern, zum Beispiel zwischen Dinosauriern und Vögeln«, sagte Leinfelder.
Die Evolutionsforschung führt nach Ansicht von Leinfelder nicht zwangsläufig zum Atheismus. So haben sowohl katholische wie auch evangelische Kirche mittlerweile die Evolutionstheorie als Faktum akzeptiert und nehmen die Schöpfungsgeschichte nicht mehr wörtlich. »Die Naturwissenschaften müssen sich selbst beschränken. Sie sind vornehmlich zuständig für das Verständnis der Natur und ihrer Funktionsweisen. Dabei muss man akzeptieren, dass es viele offenen Fragen gibt. Aber auch die Religionen müssen sich selbst beschränken. Sie sind hauptsächlich für Sinnfragen verantwortlich. Es ist wichtig, dass man akzeptiert, dass man auf verschiedenen Ebenen und Sichtweisen arbeitet, und dennoch ein Konsens gefunden werden kann.«
Ist der Mensch durch einen Plan Gottes entstanden oder nur bloßes Zufallsprodukt? In seinem Vortrag vertrat Ulrich Lüke die These, dass die Rede vom mutativen Zufall nicht dazu berechtigt, eine umfassenden Plan Gottes auf der Basis der gegenwärtigen biologischen Erkenntnis zu verabschieden. »Die zufällige Mutation ist ohne einen Gültigkeitsverlust der Evolutionstheorie durchaus als genetisches Explorations-, als Innovations- sowie als Distributionselement eines umfassenderen Plans verstehbar und schließt ihn nicht unbedingt aus.« Der Zufall sei kein Beleg für eine Plan- und Ziellosigkeit, sondern könne als Element im Zielerreichungsprozess innerhalb eines Gesamtplanes fungieren. So steht der Zufall für Lüke auf der Schöpfungsseite und ist keine Alternative zum Schöpfer. »Der Mensch steht als Teilnehmer in einem evolutionären Prozess, den er ohne Kenntnis des Anfangs und Endes selbst nur in Ansätzen versteht und keinen umfassenden quasi-göttlichen Überblick hat. Er ist höchstens in der Lage philosophisch anregende Mutmaßungen innerhalb der Metaphysik zu geben, aber keine naturwissenschaftliche Erklärung«, so Lüke. Nach seinem Verständnis ist der Mensch also nicht in der Position, auf eine Nichtexistenz eines Planes beziehungsweise eines Planers zu schließen.
Bei allen Unterschiedlichkeiten in der Interpretation der Darwinschen Evolutionstheorie hatten der Theologe Lüke und der Biologe Leinfelder aber mindestens eine große Gemeinsamkeit: Beide lehnen den Kreationismus, der in den USA aber auch zunehmend in Europa seine Stimme erhebt, entschieden ab.
In der Abschlussveranstaltung »Evolution und Medizin« der dreiteiligen Reihe »Evolution heute« am 26. Februar 2009 sind Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, und Andreas Plückthun, Professor für Biochemie an der Universität Zürich, zu Gast im KörberForum.
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