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Rückblicke 2009

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Auf dem Podium: Heribert Kentenich, Oswalt Kolle, Hans Michael Kloth und Steffi Kühnert (v. l. n. r.)
(Foto: Jann Wilken)

Leben 2034: Die Zukunft der Sexualität

25. März 2009

Der zweite Abend der Reihe »Leben 2034« war dem Thema »Die Zukunft der Sexualität« gewidmet.  Mit der Reihe mit dem fiktiven Jahr im Titel wagt die Körber-Stiftung einen virtuellen Zeitsprung von einem Vierteljahrhundert. Wie werden wir in einem Vierteljahrhundert leben, arbeiten, wohnen – oder eben: lieben. Eine überflüssige Frage, könnte man meinen. Sex gab es schon immer. Sex wird es auch 2034 geben. Doch andererseits hat sich wohl kein anderer Lebensbereich über Jahrhunderte so radikal verändert. Uralte Tabus sind gefallen und fallen immer noch. Kritiker sprechen von der »Pornographisierung« unserer Gesellschaft, im Internetzeitalter findet man seine Partner per Mausklick oder liebt sich gleich in einem sensorengeschwängerten Cybersex-Anzug. Es gibt Mütter im Rentenalter, schwangere Männer, künstliche Befruchtungen, indische Leihmütter, gleichgeschlechtliche Elternpaare, Pillen versprechen eine nie versiegende Lust. Auf der anderen Seite werden im Jahr 2034 mehr als ein Drittel der Menschen über 60 Jahre alt sein. Welche Rolle spielt dann Sex? Wird Sexualität als Mittel der Fortpflanzung wegen verbesserter Reproduktionsmedizin überflüssig sein? Oder fällt in den Medien dann auch noch das letzte große Tabu – nämlich, dass Oma und Opa »es« auch tun?

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Aufklärer und Autor Oswalt Kolle
(Foto: Jann Wilken)

Altersexualität als Tabu?

Über solche Fragen diskutierten drei prominente Gäste: Der Journalist und »Papst« der sexuellen Revolution, Oswalt Kolle, der mit Aufklärungsfilmen (»Deine Frau, das unbekannte Wesen«) Ende der 60er Jahre in Deutschland für Furore sorgte. Für die medizinischen Fragen war der Reproduktionsmediziner Professor Heribert Kentenich von der Berliner Charité eingeladen. Die Runde komplettierte die Schauspielerin Steffi Kühnert (»Männerpension«), die mit dem Kinofilm »Wolke 9« einen überraschenden Erfolg feierte, der das Thema Alterssexualität erstmals in Deutschland auf die Leinwand hievte.

Schon schnell zeigte sich, dass gerade dieses Thema noch immer ein großes Tabu ist. Als Moderator Hans Michael Kloth, Spiegel Online, seinen Gast Oswalt Kolle ungewollt zweideutig als jemanden anpries, »der heute noch aktiv ist in diesem Bereich« (gemeint war die Sexualforschung), fingen im Publikum die ersten Zuschauer an zu glucksen. Und Schauspielerin Steffi Kühnert gab offen zu, dass sie sich trotz des »gewollten Tabu-Bruchs« im Film »Wolke 9« auch nicht vorstellen kann, was sie denn machen würde, wenn – wie im Film – ihre alternde Mutter plötzlich offen über ihr Sexleben plaudern würde. »Mutter ist eben Mutter«, antwortete Kühnert achselzuckend auf die Nachfrage, warum man seinen eigenen Eltern keine Sexualität zutraut.

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Moderator Hans Michael Kloth führte durch den Abend
(Foto: Jann Wilken)

Cybersex bleibt eine Modeerscheinung

Oswalt Kolle ging da schon weit offensiver mit seiner Sexualität um. 80 Prozent der Menschen wollten laut Umfragen im Alter noch gerne ihre Sexualität ausleben. Denn Sex, so fuhr er fort, sei »das schönste Mittel gegen Alterstraurigkeit«. Auch ältere Menschen wollen Wärme haben – »und nicht die Heizdecke, die ihnen ihre Kinder gerne schenken!« Mit solchen Bemerkungen zog Kolle das Publikum schnell auf seine Seite – und schaffte es, dass die Zuschauer entkrampft loslachten, statt verschämt über den alten Herrn zu glucksen, der da so viel offener über Sex sprach, als sie es vielleicht selbst gewöhnt sind.

Pointiert erzählte Kolle auch aus seiner Zeit als Aufklärer in den sechziger Jahren. Die katholische Kirche habe ihn einmal als »volksverführerischen Gaukelspieler«. beschimpft. Kolle erwähnte solche Anekdoten nicht ohne Grund – er nutzte sie als Argument für seine wichtigste These für die Zukunft der Sexualität: »Was wurde während der sexuellen Revolution damals alles prognostiziert: Das Ende der Ehe! Jeder wird 15 Partner haben! Ich habe das nie geglaubt. Und Umfragen bestätigen bis heute: Der Wunsch nach einer großen, lebenslangen Partnerschaft ist geblieben.« Deshalb sieht der Aufklärer von einst auch Erscheinungen wie Cybersex recht gelassen entgegen: »Das ist eher eine Modeerscheinung.«

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Reproduktionsmediziner Prof. Kentenich von der Berliner Charité
(Foto: Jann Wilken)

Allerdings eine ernstzunehmende, wandte der Reproduktionsmediziner Heribert Kentenich ein. »Die Menschen in unserer Gesellschaft vereinzeln, die gewollte Kinderlosigkeit nimmt zu, ebenso das Bedürfnis, Sex für sich selbst zu bewahren. Cybersex ist nur ein Beispiel dafür.« Einen elektronischen Chat im Internet ließ der Mediziner nicht als moderne Variante des Liebesbrief durchgehen. »Liebesbriefe sind Ausdruck einer Beziehung, Internetsex Ausdruck einer Beziehungslosigkeit.«

Mehr Impulse aus der Politik

Die Folgen solcher gesellschaftlichen Veränderung kann er jeden Tag in der Abteilung Reproduktionsmedizin an der Berliner Charité beobachten: »Wir haben in Deutschland eine perverse Situation: Wir schaffen uns unsere medizinischen Probleme selbst. Frauen, die mit 28 Jahren Kinder kriegen könnten, kommen mit 35 zu mir. Wenn die Politik die richtigen Impulse geben würde, hätten sie gar nicht zu mir kommen zu müssen.« Denn bei Frauen nehme die natürliche Fruchtbarkeit schon ab dem 30. Lebensjahr ab. Die hoffnungsvolle Nachfrage von Schauspielerin Steffi Kühnert, ob denn mit zunehmender Lebenserwartung sich nicht auch die Fruchtbarkeit der Frau verlängere, musste Kentenich klar verneinen.

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Schauspielerin Steffi Kühnert spielte in dem Kinofilm »Wolke 9« mit
(Foto: Jann Wilken)

Man könne daher, so der Arzt, nicht von der Reproduktionsmedizin erwarten, dass das Problem des Bevölkerungsrückgangs löse: »Der Staat muss helfen, dass wir Kinder kriegen, wenn wir jung sind.« In Deutschland dürfe es erst gar nicht zu einer »Fehlentwicklung« kommen, wie er sie in den USA beobachtet: Dort ließen sich junge Frauen Eizellen entnehmen und einfrieren, solange sie noch jung sind, um dann Karriere zu machen. Mit vierzig würden sie die Eizellen dann auftauen und sich künstlich befruchten lassen.

In einem Punkt machte Kentenich dem Publikum dann aber Hoffnung: So genannte »Designerbabys«, bei der Eltern sich beim Mediziner die Eigenschaften ihres Kind vor der Geburt à la carte zusammenstellen würden, werde es in Zukunft wohl kaum geben – nicht nur aus ethischen Gründen. »Das Geschlecht im Vorfeld vorzubestimmen, ist zwar relativ einfach, aber ein blauäugiges Designkind zu erzeugen – das funktioniert technisch einfach nicht.«

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Viel Raum für Fragen gab es für das Publikum
(Foto: Jann Wilken)

Nicht alle Fragen konnten beantwortet werden. Das wäre im Grunde auch schade bei einem Thema, das wie kein anderes die Fantasie der Menschen bewegt – auch wenn Mediziner Kentenich prognostizierte, »dass wir in 25 Jahren das Geheimnis Sexualität weit besser verstanden und entschlüsselt haben werden.«

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