Rückblicke 2009
Leben 2034. Die Zukunft der Stadt
27. Januar 2009
Hamburg im Jahr 2034. Jeder dritte Hamburger ist über 60 Jahre, 70 Prozent des Einzelhandels hat dicht gemacht, ganze Stadtteile sind verwaist, oft nur von Senioren bewohnt, Quartiershops versorgen diejenigen, die ihre Einkäufe nicht per Internet erledigen können, mit dem Allernötigsten. Über der Alster entsteht ein gläserner Einkaufspalast, unter der Erde schießt eine riesige Rohrpost Bahnen in wahnwitziger Geschwindigkeit hin und her, Parken lohnt sich nicht mehr - wo früher Autos standen, sprießen nun Bäume und Gras.
Realistisch? Science Fiction? Spinnerei? Hamburg im Jahr 2009 macht sich jedenfalls Gedanken, wie Deutschland in genau 25 Jahren aussehen könnte. Die neue Reihe „Leben 2034“ lädt zu wechselnden Themen prominente Gesprächspartner und Experten ein, sich an dem Gedankenspiel zu beteiligen. Wie werden wir in rund einem Vierteljahrhundert leben, arbeiten, lieben? Wo stehen uns besonders radikale Umbrüche bevor, die wir noch gar nicht im Blick haben? Wo verändern sich die Spielregeln unserer Gesellschaft besonders dramatisch, wenn ein Drittel der Bevölkerung über 60 sein wird? Und wie können wir heute die Weichen richtig stellen?
Den Auftakt der Reihe machte am 27. Januar eine Diskussionsrunde über die Zukunft unserer Städte. Die rund 300 Gäste, darunter auch zahlreiche Architekten und Stadtplaner, begrüßte Vorstandsmitglied Lothar Dittmer.
Schrumpfende Städte gleich Bedrohung?
Moderator Hans Michael Kloth, langjähriger Spiegel-Redakteur und bei Spiegel Online Leiter des Zeitgeschichte-Portals einestages.de, stimmte das Publikum mit seinem bewusst überzeichneten Hamburg-Szenario auf den Abend ein: Ziel sei es „die Zukunft aus der Zukunft zu denken“ und „intelligent zu spekulieren“. Dabei sollten drei prominente Gäste helfen: Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD), der emeritierte Architekturprofessor Albert Speer und Ilse Helbrecht, Geografie-Professorin und Konrektorin der Universität Bremen.
In einem Punkt waren sich die sehr unterschiedlichen Gäste sehr schnell einig: Die Städte, jahrhundertelang Orte des Fortschritts, der Veränderung und der Bildung, werden unter dem Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa leiden. Sie werden sich verändern, die meisten werden schrumpfen – und das alles wird nicht ohne soziale und politische Spannungen passieren. Doch im Detail waren die Experten kaum einer Meinung. Wie ernst ist die Gefahr überhaupt? Werden manche Stadteile zu Geistersiedlungen werden? Welche Gegenmaßnahmen bieten sich an? Welche sind realistisch – und wer soll sie bezahlen?
Ilse Helbrecht, die mit ihrer Studie „Die kreative Metropolis“ bekannt geworden ist, wirkte mit ihren Analysen am pessimistischsten – konnte das Publikum aber oft überzeugen. Auch wenn sie zugab, dass „niemand eine Glaskugel hat“, war sie sich doch mit einigen Prognosen ziemlich sicher: „Die Polarisierung zwischen den Städten wird deutlich wachsen. Sprich: Viele Städte werden in Zukunft drastisch schrumpfen, nur wenige wachsen. Gleichzeitig werde innerhalb der Stadtmauern die soziale und kulturelle Kluft stark zunehmen, der Anteil der ausländischen Bevölkerung steigen, das mittlere Einkommen schwinden.
„In den USA können wir schon jetzt sehen, wie eine Stadt von Block zu Block, von Brücke zu Brücke völlig ihren Charakter ändert. So weit sind wir nicht, aber das wird sich bei uns einwachsen.“ Anders als in den USA, wo nur der Markt die Stadtplanung diktiere, sei die europäische Stadt in ihrer Geschichte „immer eine Bürgerstadt“ gewesen. „Die Stadtbürger entscheiden über die Zukunft einer Stadt. Das sind also extrem politische Fragen.“ Und heikle, denn die Kommunen sind höchst verschuldet.
Die Stadt der Zukunft muss Junge, Alte und Zuwanderer anziehen
Die Antworten darauf sollte Wolfgang Tiefensee geben, doch ganz so pessimistisch sah er die Zukunft nicht: „Wir werden im Jahr 2034 nicht solche Differenzierungen haben, weil wir das Problem erkannt haben. Es wird nicht zu den Spannungen und den Explosionen kommen.“ Doch auch Tiefensee befürchtete, dass „einige Städte auf den Entwicklungsstand von 1920 schrumpfen werden“. Die Folge: Nicht genutzte Abwasserleitungen müssten zurückgebaut, Wohnungen von den puren Gesetzen des Marktes ausgenommen werden. „Ein Stadtteil, der nicht gleichzeitig attraktiv für Jugend und Senioren ist, wird den Niedergang erleben.“ Deshalb sei es Aufgabe der Politik „auch schrumpfende Räume lebenswert zu erhalten und die Probleme zu begrenzen“.
Dafür habe sich das Bundesverkehrsministerium 2005 in „Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung“ umbenannt. „Das war kein Etikettenschwindel. Wir wollen etwas ändern.“ Erstmals gebe es nun Foren für Stadtplanung auf Bundesebene, „um unseren Städten im globalen Wettbewerb einen Vorteil verschaffen zu können“. Zum Beispiel mit Unis im Stadtzentrum statt auf der grünen Wiese. Oder mit Investitionen in Wissenschaft und Bildung – und besonders mit einer verstärkten Zuwanderung, die „unser Land, das so dicht mit Opernhäusern, Theatern und Hochschulen bestückt ist, wieder blühen lassen wird“.
Doch die beiden Experten aus der Forschung und Wissenschaft mochten nicht ganz an diese blühenden Stadt-Landschaften glauben: Eine Stadtpolitik auf nationaler Ebene sei zwar sehr lobenswert, sagt Ilse Helbrecht, aber eben auch „überfällig“ gewesen. „Die Briten machen uns das schon lange vor.“ Und auch an einem anderen Punkt war die Expertin für Stadtforschung kritisch: „Selbst wenn wir alle Tore für die Zuwanderung öffnen würden – das ist doch keine homogene Masse, die sich dann gleichmäßig in Deutschland verteilen würde.“ Hamburg, München oder Frankfurt würden sicher sofort profitieren, „aber der Spaltung zwischen den Städten werden wir dadurch nicht entgehen“. Sie sei daher skeptisch, „ob wir noch die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen nach Artikel 72 des Grundgesetzes bieten können“.
Asiatische Metropolen machen es vor
Auch Albert Speer, der in Kaiserslautern Generationen von Architekten und Stadtplanern ausgebildet hat und derzeit „Masterpläne“ für den Umbau von Frankfurt und Köln entwirft, war mit der Politik nicht hundertprozentig zufrieden: „Der Bund tut was, aber es dauert immer viel zu lange.“ Dabei müssten sich die deutschen Städte doch im globalen Wettbewerb mit Metropolen wie Singapur oder Hongkong messen. „Aber die Konkurrenz schaltet schneller. Wir sind zu träge und saturiert.“
Daneben machte er konkrete Vorschläge: „Keine deutsche Stadt braucht heute mehr in die Fläche zu wachsen.“ Es gebe genügend ungenutzte Plätze – alte Kasernen, Eisenbahngelände, verlassene Fabriken –, die man intelligent gestalten könne, wie zuletzt in der Hamburger Hafencity. „Städte haben nur eine Chance, wenn sie eine humane Dichte haben, sie müssen von außen nach innen schrumpfen.“ Doch was soll dann mit den verwaisten Vorstädten passieren? „Abreißen“, sagte Speer ohne zu zögern, „der Natur zurückgeben“ – und kassierte dafür prompt den ersten lauten Publikumsapplaus. Wenige Minuten später hatte er die Lacher erneut auf seiner Seite, denn Wolfgang Tiefensee musste die Diskussion vorzeitig verlassen, um den letzten Zug nach Berlin zu erwischen. Speer nutzte dies als Steilvorlage für seine These, dass in Asien derzeit vieles besser laufe: „In China könnten Sie noch um zwei Uhr nachts von Shanghai nach Nanjing zurückfahren“, spottete der Architektur-Professor.
Tipps für die Politik
Und so hatte Tiefensee auch keine Chance mehr, sich gegen die letzte Spitze von Ilse Helbrecht zu wehren. Die forderte nämlich offen die Abschaffung der Pendlerpauschale. „Der Staat gibt damit eine Menge Geld aus, um die Städte zu schwächen“, sagte sie. „Es wäre besser, das Geld in den öffentlichen Nahverkehr zu investieren.“ Einen Tipp an die Kommunalpolitik hatte sie gleich auch noch: Über die Vergabe von Baurechten könnten Städte privaten Investoren Zugeständnisse abringen – und sie beispielsweise dazu verpflichten, auch weniger rentable Familienwohnungen zu bauen.
Albert Speer hingegen plädierte für einen Mentalitätswandel – wobei ein Blick nach China helfen könne: „Von der Freude und Energie, sich mit der Zukunft zu beschäftigen, können wir wirklich etwas lernen.“
„In diesem Sinn sind wir alle Chinesen“, schloss Moderator Kloth die Diskussion, „denn wir haben uns alle heute Abend mit der Zukunft beschäftigt.“ Doch zum Schluss ließ er noch die Zuschauer abstimmen, ob sie die Zukunft der Städte eher optimistisch oder pessimistisch einschätzten. Verkehrsminister Tiefensee hätte sich wohl über das Ergebnis gefreut – geschätzte 60 Prozent zählten zu den Optimisten. Podcast
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