Rückblicke 2009
Krise als Chance
11. November 2009
Josef Rick von der Boston Consulting Group zeigte sich zunächst überrascht, »wie tolerant wir Staatsbürger mit der derzeitigen Situation umgehen«. Dass man ein Verhalten dulde, bei dem sich Leute auf dem Finanzmarkt bereicherten und gleichzeitig das Risiko auf die Gemeinschaft verlagern könnten. »Da wundert mich, dass es keine Revolution gibt.« Im KörberForum hatte Moderatorin Verena Herb die Expertenrunde nach den Chancen gefragt, die die aktuelle Finanz- und Wirtschaftkrise mit sich bringe. Neben Josef Rick versuchten der Ökonom und Bestseller-Autor Max Otte, Michael Behrendt, Vorstandsvorsitzender der Hapag-Lloyd AG, sowie Oswald Metzger, CDU-Mitglied und Publizist, hierauf eine Antwort zu finden.
Vorab nahm der Wissenschaftler und Träger des Deutschen Studienpreises Alexander Hellgardt die Ursachen der Finanzkrise in den Blick und lieferte mit seinen Thesen den ersten Input für die Diskussion. Die Finanzmarktakteure müssten zukünftig alle Risiken berücksichtigen, die von ihren Entscheidungen ausgingen, hieß seine Forderung. Bisher seien die Gewinne privat vereinnahmt, die Risiken aber auf den Staat abgewälzt worden. Der Jurist plädierte für eine Neuregelung der Kapitalmarkthaftung zum besseren Schutz der Anleger. Das sei nur durch verantwortungsvolles Handeln der Banken möglich, die letztlich auch die Folgen ihrer Entscheidungen tragen müssten. Das deutsche Rechtssystem befinde sich auf dem Sektor der Kapitalmarkthaftung jedoch noch »fast auf dem Stand des 19. Jahrhunderts«. In Bezug auf die Kapitalausstattung der Banken plädierte Hellgardt dafür, »wieder eine Verantwortlichkeit des Managements herzustellen«. Einige Banken würden alle Verluste, die über ihrer Eigenkaptitalquote von maximal 3 Prozent lägen, auf die Sparer abwälzen. Das sei geradezu eine Einladung, exzessiv Risiken einzugehen. Drittens forderte der Jurist möglichst rasch ein effektives Insolvenzverfahren für Großbanken zu erarbeiten. Wenn der Staat praktisch garantiere, dass diese nicht pleite gehen können, hätten sie einen enormen Wettbewerbsvorteil gegenüber kleineren Konkurrenten. Wer dann andererseits als Manager keine großen Risiken eingehe, gefährde seine Wettbewerbsfähigkeit. Diese perverse Spirale müsse durchbrochen, diese »staatliche Versicherung« müsse dringend abgeschafft werden.
Es werde Zeit, dass wieder eine Chancengleichheit zwischen Bankenlobby und Staat hergestellt werde, forderte Max Otte. Noch schrieben sich die Banker ihre Gesetze selber. Metzger hielt dem entgegen, dass das Zeitfenster für eine vernünftige Regulierung der Finanzmärkte längst wieder zugegangen sei. Das Verdienen stehe bereits wieder im Vordergrund. Dabei werde schon wieder zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft unterschieden. Statt mit realen Umsatzrenditen von etwa 3 Prozent zu rechnen, erwarte der Anleger für seine Altersversorgung schon wieder 10 Prozent. »Da tickt doch die Welt nicht richtig.« Metzgers Forderung: Das Investmentbanking und das Geschäftsbanking stärker voneinander abzuschotten.
Aus Unternehmenssicht hob Michael Behrendt hervor, dass viele Unternehmen in die Krise geraten seien, weil eben keine gesunde Weltwirtschaft mehr vorhanden gewesen sei. Auch Hapag Lloyd sei ein kerngesundes Unternehmen gewesen. Es sei schlicht ungerecht, wenn dort jetzt Mitarbeiter ihren Job verlieren, weil andere ihren Job nicht richtig gemacht hätten. Auf die Chance in der Krise angesprochen meinte Behrendt: »Vielleicht muss man erkennen, dass es nicht permanent so weitergeht. Und ein bisschen auch Demut lernen, vor allem die an der Spitze, die alles ausgelöst haben.« Auch wenn bereits ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen sei, gehe es immer noch darum, diese Krise durchzuhalten.
Natürlich werde es irgendwann weitergehen, meinte Rick. Die Frage sei nur wann und unter welchen Bedingungen. Dabei spiele die Globalisierung ebenso eine Rolle, wie die eigene gesellschaftliche Krise angesichts von Bildungs- und Arbeitsmarktproblemen. Es werde auf jeden Fall nicht so weitergehen wie bisher. Otte betonte, dass der deutsche Mittelstand zerrieben werde. Man müsse unbedingt wieder versuchen, zu einer Marktwirtschaft mit fairen Regeln zu gelangen. Auch Metzger hob hervor, dass in Deutschland das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns mit Füßen getreten werde. Es gäbe dauerhafte strukturelle Probleme in Deutschland, so Rick. »Wir haben keine freien Märkte in dem Sinne, dass freier Wettbewerb passiert.« Man müsse jetzt Regeln einführen, um wieder freie Märkte zuzulassen. Das wäre eine Veränderung im Denken und im Handeln. Im Bereich der Banken könne er sich vorstellen, die Kreditwirtschaft zu separieren, zu regulieren und weltweit gegen eine kleine Versicherungsgebühr staatlich abzusichern. Wo Banken dieses nicht machten, müsse auch der Anleger wissen, »da kaufst du einen Wett- oder Lottoschein und keine Anlage«.
Eines müsse allen klar sein, meinte Metzger: Obwohl das Mantra des letzten Wahlkampfes Steuersenkungen hieß, erhöhten die weltweiten staatlichen Hilfeprogramme – nachdem Verluste sozialisiert, die vorherigen gigantischen Gewinne aber privatisiert wurden – die Steuerquote aller Bürger dieser Welt. »Wenn ich mir diese Erblast angucke, dann wird mir ganz anders.« Ricks Fazit: »Zu glauben, dass alles mal wieder so wird, wie es war, davon habe ich mich weit entfernt.«
Dirk Wegner
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