Rückblicke 2009
»Wege zur Verständigung in Nahost«
Buchpräsentation »Fremder Feind, so nah« mit Alexandra Senfft und Judah Passow
12. November 2009
»Die Verständigung zwischen Israel und Palästina prägt einen Großteil ihres beruflichen und privaten Lebens«, stellte Susanne Kutz, Leiterin des Bereichs Kommunikation und Programmplanung, in ihrer Begrüßung die Nahostexpertin und Journalistin Alexandra Senfft vor. Ihr Buch bringe uns mutige Menschen näher, die in dem Konflikt zwischen Israel und Palästina trotz aller Widrigkeiten auf den Dialog setzten.
Die Dialogarbeit, die die Forumsgäste in diesem Buch an vielen konkreten Beispielen kennenlernen würden, sei maßgeblich geprägt durch die praktischen und theoretischen Arbeiten des israelischen Psychologen Dan Bar-On. Die Körber-Stiftung habe über viele Jahre seine Arbeit begleitet und seine Bücher für den deutschsprachigen Markt verlegt. Ihr Buch »Fremder Feind, so nah – Begegnungen mit Palästinensern und Israelis« habe Alexandra Senfft Dan Bar-On gewidmet, der im September letzten Jahres verstarb, und ihm und seiner Dialogarbeit auf beeindruckende Weise ein Denkmal gesetzt.
Dann wurde es dunkel im gefüllten KörberForum und sehr still: Arabische Klänge begleiteten Judah Passows Slideshow. Die Bilder des vielfach ausgezeichneten Fotografen faszinierten durch ihre Ästhetik und schockierten durch die grenzenlose Traurigkeit der Menschen aus Israel und den besetzten Gebieten: Momentaufnahmen aus den vergangenen drei Jahrzehnten. »Es ist symptomatisch für diesen Konflikt, dass man sie keinem Jahr zuordnen kann«, sagte Judah Passow, »das Tragische ist: Nichts hat sich in all den Jahren verändert.« Nie sieht man auf den ersten Blick, worum es in den Bildern wirklich geht. Keiner der Abgebildeten spreche ein Wort, und doch stünden sie alle in einer emotionalen Verbindung zum ihm, dem Fotografen.
Judah Passow ist in Israel geboren, in den USA aufgewachsen und lebt heute als Fotograf in London. Er ist einer der Protagonisten in Alexandra Senffts Buch »Fremder Feind, so nah« und hat zugleich die vielen anderen Gesprächspartner für das Buch fotografisch porträtiert.
Sie alle seien »marginal people«, betont die Autorin und Islamwissenschaftlerin und zählt sich selbst dazu. Es sei ihr sehr wichtig, immer mit beiden Seiten, mit Palästinensern und Israelis, in Kontakt zu stehen. Mit ihrem Buch wolle sie zeigen, dass Verständigung und Frieden möglich seien, denn sie habe auf beiden Seiten Menschen getroffen, die über innere und äußere Grenzen hinweg, einen gleichberechtigten und konstruktiven Dialog führten.
In welchem Bezug sie als Deutsche an diesem Dialog teilnehmen könne, will Moderator Arnd Henze vom WDR Fernsehen wissen. Sie befände sich als Deutsche in einem Spannungsdreieck zwischen Palästinensern und Israelis, sagt Alexandra Senfft. Ihr sei es sehr wichtig, den anderen auch von der eigenen Vergangenheit zu erzählen. Erst durch ihre eigene Offenheit öffneten sich auch ihre Gesprächspartner. Und auch in ihrem Buch benenne sie ihren Standort als Autorin, deren Großvater bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Hitlers Gesandter in der Slowakei war und dort 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Sie schreibe bewusst in der Ich-Form, ihr Buch sei in vielerlei Hinsicht eine sehr persönliche Reise.
Oft lasse sich beobachten, dass ein Dialog daran scheitere, wenn Leid gegenseitig aufgerechnet werde, bemerkte Arnd Henze. »Es geht im Dialog aber gerade darum, zuzuhören, den Anderen in seinem Leid wahrzunehmen, ihm sein Leid zuzugestehen«, erwiderte Alexandra Senfft. Die Kunst des Dialogs sei zu akzeptieren, dass der Andere eine andere Narrative habe. Und Narrativen müssten zunächst eigenständig nebeneinander stehen dürfen. Ihr Fazit: »Man muss für beide Seiten sein.«
In einer ihrer Leseparts zitierte Alexandra Senfft die israelische Journalistin Amira Hass, die für die liberale israelische Tageszeitung »Ha’aretz« schreibt und nach dem Golfkrieg 1991 als einzige Jüdin nach Ramallah zog, um von dort aus zu berichten. Dialog sei für sie ein sinnentleertes Schlagwort geworden: »Ein Dialog ist es nur, wenn es Grundlage und Ziel des Gesprächs ist, die Besatzung zu beenden.« Amira Hass habe wegen ihrer detaillierten, kritischen Berichterstattung auf beiden Seiten keinen einfachen Stand, doch diesen Preis sei sie bereit zu zahlen; faule Kompromisse gehe diese mutige Frau nicht ein.
In einer weiteren, sehr anrührenden Lesung stellte sie den Palästinenser Khaled Abu Awwad sowie den Israeli Rami Elhanan vor, die gemeinsam den »Parents Circle – Families Forum« für trauernde Eltern leiten. Rami Elhanan, der seine Tochter bei einem Selbstmordanschlag verloren hatte, könne heute sagen: »Unser Blut und das der Palästinenser hat dieselbe rote Farbe, unser Leid ist vergleichbar, und wir alle haben bittere Tränen. Wenn wir, die wir den höchsten Preis gezahlt haben, einen Dialog führen können, dann kann das auch jeder andere!«
Im dritten Lesepart porträtierte sie schließlich Yizhar Be’er, der heute »Keshev«, das »Zentrum zum Schutz der Demokratie in Israel«, leitet und es als seine dringende Aufgabe ansehe, die öffentliche Meinung auf Friedenskurs zu bringen; dazu müsse eine positive Atmosphäre geschaffen werden. Die Medien hätten einen großen Einfluss darauf, ob die Zeichen auf Verhandlung oder Konflikt stehen: »Wir identifizieren die Klischees und Vorurteile in den Artikeln. Dann zeigen wir den Redakteuren die Diskrepanz zwischen dem Beitrag des Journalisten und dem, was nach den redaktionellen Veränderungen tatsächlich erschienen ist. Wir schlagen den Redakteuren einen alternativen Weg vor, um eine faire Berichterstattung zu erreichen.«
»Kann man einen Wandel beeinflussen?« lautete darauf eine der abschließenden Fragen aus dem Publikum, worauf es für Alexandra Senfft ebenso wie für Judah Passow nur eine Antwort geben könne: »Politischer Wandel ist nur möglich, wenn die Basis, die grassroot-Bewegung mit der Regierung in einen Dialog tritt.«
Alexandra Senfft: »Fremder Feind, so nah«
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