Sprungmarken

zurück zu »Nov.-Dez.«

Rückblicke 2009

zoom
Warfen einen Blick nach vorne: Hans-Michael Kloth, Birgit Gebhardt, Gisela Erler und Kristina Köhler (v.l.n.r.)
(Foto: Jann Wilken)

Leben 2034: Die Zukunft des Miteinanders

25. November 2009

Dieser Abend sollte sich um die ganz großen Fragen drehen: Es ging um nichts weniger als Eltern, Familie, Freunde, Nachbarn, Beziehungen – kurz um die Zukunft des Miteinanders. Die Körber-Stiftung hatte zum vierten Teil ihrer Veranstaltungsreihe »Leben 2034« eingeladen. Diese Gesprächsrunden werfen einen Blick nach vorne: Wie werden wir in einem Vierteljahrhundert, dem Jahr 2034, leben? Diesmal lauteten die spannenden Kernfragen: Was ist der soziale Kitt der Zukunft? Was wird unsere amorphe Gesellschaft zusammenhalten – das Internet, die Arbeit, die Sprache oder doch wieder die Großfamilie?

Was ist der soziale Kitt der Zukunft?

Dazu hatte die Stiftung drei ungewöhnliche Frauen eingeladen: Die CDU-Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler, – sie wurde nur wenige Stunden später zur neuen Familienministerin berufen -, die Trendforscherin Birgit Gebhardt und die Unternehmensberaterin Gisela Anna Erler. Alle drei haben gemeinsam, schon in frühen Jahren in die Karriere eingestiegen zu sein – wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Doch ihre gesellschaftlichen Vorstellungen lagen mitunter weit auseinander.

Das zeigte sich besonders beim Thema Familie und Rolle der Mutter - »die deutscheste aller Fragen«, wie es Gisela Erler spitz formulierte. Sie, die Achtundsechzigerin aus politischem Elternhaus, hatte 1986 das berühmte »Müttermanifest« mitinitiert und darin mehr Anerkennung für Frauen gefordert, die sich bewusst für die Erziehung zu Hause entschieden. Mehr als zwei Jahrzehnte später glaubt sie, dass dies heute nicht mehr der beste Weg ist: Sie warnte vor einer Kette von Teilzeitverträgen und einer immer größeren Kluft zwischen »denjenigen, die 150 Prozent arbeiten und denjenigen die nur 30 Prozent arbeiten«. Deshalb plädierte sie energisch dafür, Kleinkinder in Kindertagesstätten zu bringen - »die Kinder genießen das dort« und lernten früh soziales Miteinander. Die Berufstätigkeit der Mutter gehe nicht auf Kosten der Kinder.

zoom
Gisela Erler gründete 1991 den pme Familienservice
(Foto: Jann Wilken)

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler war da etwas anderer Meinung: Sie ließ offen, ob nun Kindertagesstätten oder ein Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zu Hause aufziehen wollen, der beste Weg seien. »Es ist auf jeden Fall nicht die Aufgabe des Staates, eine bestimmte Form der Betreuung vorzuschreiben«, sagte die 32-Jährige, die seit sieben Jahren im Bundestag sitzt. Auch in der strittigen Frage, ob ein Betreuungsgeld nun in Form von Gutscheinen oder Bargeld ausgeschüttet werden soll, gebe es keine Ideallösung. »Ich gebe offen zu, da schlagen zwei Herzen in meiner Brust«.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die Trendforscherin Birgit Gebhardt, dritter Gast am Abend, lehnte das Betreuungsgeld dagegen recht kategorisch ab. Letztlich käme der Geldsegen nicht den Kindern zugute. »Wenn man nachhaltig wirtschaften möchte, muss man mehr Frauen und Männer möglichst schnell wieder in den Job schicken«, meinte sie. Diese eindeutige Festlegung ärgerte Kristina Köhler: »Das ist anmaßend«, sagte sie zu Gebhardt, »selbst wenn Sie volkswirtschaftlich Recht haben sollten«. Sie bekam Unterstützung von einer Schülerin aus dem Publikum: »Die Wirtschaftskrise darf nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden.«

zoom
Leben 2034 treibt gerade die Jüngeren um
(Foto: Jann Wilken)

Waren die aktuellen Konzepte zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft umstritten, gab es mehr Einigkeit bei dem langfristigen Blick in die Zukunft. »In 25 Jahren wird unsere Gesellschaft eine Integrationsgesellschaft sein«, glaubt Köhler. Unternehmensberaterin Gisela Erler vermutet, dass dann »intelligenter und klüger – aber auch weit länger gearbeitet werde«. Und Birgit Gebhardt prognostizierte, »dass wir uns sehr flexibel in Interessensgemeinschaften vernetzt haben werden.« Die drei Expertinnen sind sich zudem sicher, dass sich im Jahr 2034 nicht alle Werte radikal verändert haben.

Tiefe Sehnsucht nach Sinn

»Es gibt im Internetzeitalter eine tiefe Sehnsucht nach Zusammenhalt, nach Sinn, nach Anstand und Nachhaltigkeit«, erklärte Birgit Gebhardt. Die 40-Jährige beschäftigt sich in ihrer Arbeit schwerpunktmäßig mit dem Wertewandel. Trotz hoher Scheidungsquoten und virtuellen Parallelwelten glaubt auch Gisela Erler, dass »persönliche Beziehungen der stabilste Faktor des Zusammenlebens« bleiben werden. Der Schlüssel zur Zukunft, darin waren sich alle einige, liege in Bildung und Integration – der Integration von Deutschen und Migranten, von arm und reich, jung und alt.

zoom
Trendforscherin Birgit Gebhardt
(Foto: Jann Wilken)

Doch wie ist das zu erreichen, in einer Zeit, in der die Bildungschancen so ungleich verteilt sind wie nie zuvor und Herkunft oft über Zukunft entscheidet? In einer Zeit, in der immer weniger junge Menschen das rasant wachsende Heer von Rentnern versorgen müssen? In einer Zeit, in der das Internet Wissensressourcen noch ungleicher verteilt?

Gisela Erlers Diagnosen fielen mitunter düster aus. Mit dem Internet seien auch »die Schulleistungen durch die Computerspielen dramatisch abgestürzt – allerdings nur bei den Jungs«. Man müsse die Schulkultur so verändern, dass sich die Kinder wieder austoben könnten, »um nicht am PC zu sitzen und zu Amokläufern zu werden.« Hochqualifizierten Frauen prognostizierte sie schon einmal ein Leben in Einsamkeit. Denn die gäben sich eben nicht mit einem Partner ab, der beruflich weniger erfolgreich ist als sie selbst - »anders übrigens als umgekehrt die Männer«, schickte sie mit feinem Humor hinterher.
Eine dritte Prognose löste gar ein schauriges Raunen im Publikum aus: Die Älteren werden länger arbeiten, »möglicherweise bis 75«, sagte Erler. Dazu sei ein Ende des starren Hierarchiedenkens in den Firmen nötig. Ältere, die einst in Führungspositionen waren, sollten auch Jobs annehmen können, die unter ihrer einstigen Position liegen. »Wir müssen neue Rollen für die Älteren finden, denn immer mehr von ihnen wollen auch länger arbeiten.«

Birgit Gebhardt sieht die Zukunft in der »Multioptionsgesellschaft«. Damit meinst sie das lebenslange Lernen, das permanente Sich-Selbst-Neu-Erfinden und der ständige Rollenwechsel in unserer Internetgesellschaft. »Erwachsene betreiben heute ein Identitätsmanagement«, glaubt Gebhardt, »sie probieren sich in Blogs und den sozialen Netzwerken aus, drehen beispielsweise Filme von sich, machen plötzlich manche Teenager-Marotte mit. Je nach Feedback aus dem Internet justieren sich immer wieder neu.« Diese Flexibilität brauche man heute für den Arbeitsmarkt.

zoom
Kristina Köhler
(Foto: Jann Wilken)

Für Kristina Köhler, die sich als frühe Helmut-Kohl-Anhängerin outete (»als andere Kinder noch für Pferde schwärmten, schwärmte ich für Helmut Kohl«) bringt das Internet viele praktische Vorteile sozialer Beziehungen: »Es ermöglicht mir, mit Wählern in Kontakt zu treten, die ich sonst nie erreichen würde.« Sie sieht aber auch Schattenseiten: Als professionelle Politikerin könne man nicht den ganzen Tag auf Facebook verbringen und jede Frage beantworten. Und eine digitale Multioptionsgesellschaft bringe auch Probleme mit sich - »zu viele Möglichkeiten sind eine Last.«

Mehr Rituale und interkulturelles Vertrauen

Köhler, die bei der Bundestagswahl ihren Wahlkreis gegen die ehemalige SPD-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul gewonnen hat, sieht den sozialen Kitt der Zukunft in der Integrationspolitik. Jahrzehntelang hätten alle Parteien Fehler begannen – mit den Integrationskursen und dem Nachweis von Deutschkenntnissen sei man nun auf dem richtigen Weg. Für die Einbürgerung habe sie in ihrem Wahlkreis Wiesbaden durchgesetzt, dass die Übergabe des deutschen Passes an die Migranten feierlicher als früher ausfiel: »Der Oberbürgermeister kam und es wurde die Nationalhymne gespielt – das kam wirklich gut an.«

Dafür erhielt sie überraschend Unterstützung von der Altlinken Gisela Erler, die in den 68er Jahren Mitglied im Sozialistischem Deutschen Studentenbund war: »Etwas mehr Ritual können wir durchaus vertragen«, meint die 63-Jährige. Und in der abschließenden, lebhaften Publikumsdiskussion plädierte ein Zuschauer für mehr »interkulturelles Vertrauen« und ein Lernen von den jeweiligen kulturellen Eigenheiten: »Das ist der einzige Kitt für unsere Gesellschaft!«.

zoom
Kristina Köhler diskutiert mit Schülerinnen
(Foto: Jann Wilken)

Am Ende ließ Moderator Hans-Michael Kloth, Ressortleiter im Zeitgeschichte-Portal von Spiegel Online, das Publikum über zwei absichtlich überzogene Szenarien abstimmen: Wird im Jahr 2034 nur noch jeder Dritte zur Wahl gehen, werden die Unterschichten in Ghettos leben und die Rente aus Geldmangel komplett abgeschafft sein? Oder wird Deutschland in 25 Jahren einen türkischstämmigen Bundeskanzler haben und jeder zweite Student als Berufswunsch »Unternehmer« angeben?

Das Votum war eindeutig – das Publikum wünscht sich offenbar einen türkischstämmigen Bundeskanzler. Oder es hat Angst vor sozialen Ghettos.

zum Seitenanfang

Bücher 

KörberPodcasts 

Videos / Livestream 

  Unsere Schwerpunkte

Klicken Sie auf ein Bild für mehr Info.Klicken Sie auf ein Bild für mehr Info.Klicken Sie auf ein Bild für mehr Info.Klicken Sie auf ein Bild für mehr Info.Klicken Sie auf ein Bild für mehr Info.

  Klicken Sie auf ein Bild für mehr Info.

 

Buchtipp:

»Diese NATO hat ausgedient«

European Photo Exhibition Award


RSS / Podcasts

RSS / Podcasts.
Die Körber-Stiftung bei facebook.

Sprachauswahl