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Rückblicke 2009

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v.l. Richard Kämmerlings, Renate Ischo, Burkhard Spinnen, Christoph Bungartz
(Foto: Jann Wilken)

Literaturpreise und Bestseller

29. Oktober 2009

Die Frankfurter Buchmesse ist wieder einmal vorbei, die Frage, was ein gutes Buch ist, bleibt. Auch über die Kriterien, nach denen „gute Bücher“ mit Preisen ausgezeichnet werden, wird weiterhin lebhaft diskutiert. So auch im KörberForum, wo sich am 29. Oktober unter der Moderation von Christoph Bungartz (NDR Fernsehen), Renate Ischo von der Buchhandlung Heymann, der Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Richard Kämmerlings und der Schriftsteller Burkhard Spinnen an dieses Thema heran wagten.

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Burkhard Spinnen
(Foto: Jann Wilken)

Natürlich basiere ein Preis für ein literarisches Werk immer auf subjektiven Urteilen, bei der jede andere Jury sicher auch zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre, meinte Spinnen, selbst seit zwei Jahren Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Da so etwas ja von Jahr zu Jahr neu entschieden werde, gäbe es doch insgesamt vielleicht einen »Hauch von Gerechtigkeit«. Spinnen räumte ein, ihn überrasche es immer wieder, wie verschieden man doch über das Gleiche reden könne. In den Jurys sei aber immer ein ähnliches Grundverständnis von Literatur vorhanden, so dass man schließlich aufeinander zu krabbele. Letztlich könne man es auch gar nicht anders machen, da es ja am Ende keine Instanzen-Entscheidung sei, wie etwa beim Amt eines Richters.

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Richard Kämmerlings
(Foto: Jann Wilken)

Intensiv wurde vor allem über die Funktion von Literaturpreisen für den Markt und für die Autoren selbst diskutiert. Dass dabei der neu geschaffene Deutsche Buchpreis auch als »Selbstbefeuerungsmaschine für die Verlage« fungiere, stand für Kämmerlings außer Frage. Auch Spinnen sprach beim Buchgeschäft von einem »überheizten Mechanismus«, da sich die Lebenszeit eines Buches im Handel dramatisch verkürze, der Wettbewerb ständig größer werde, aber die Zahl der Leser nicht zunehme. Da sei es schon eine Selbstaufopferung der Autoren, sich hinzusetzen und ein Buch zu schreiben.

Renate Ischo
(Foto: Jann Wilken)

Es könne zwar nicht genug Preise geben, betonte Kämmerlings, sah gleichzeitig aber auch durch zu viele »mittlere Preise« die Gefahr einer Preis-Inflation gegeben. Renate Ischo meinte, dass neben dem Literaturnobelpreis, nach dessen Bekanntgabe hektisch bestellt werde, viele der anderen Preise für den Handel keine große Rolle spielten. »Die kommen beim Leser gar nicht an.« Auch wenn sich die Runde einig war, dass Preise für Autoren sehr wichtig seien, so sollte dennoch nicht übersehen werden, dass Kritiker bereits von einer flächendeckenden Versorgung mit Stipendien sprächen, bei der das Niveau des literarischen Produkts immer mehr sinke.
Kämmerlings zeigte sich überrascht, wie wenig von den anderen Büchern auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises verkauft wurden. Die klassische Literaturkritik habe ohnehin an Wirkung auf dem Buchmarkt eingebüßt, meinte er. Nicht nur dass auf diesem Sektor alles zu schnelllebig sei, es gäbe auch zu viele mediale Instanzen, die um die Aufmerksamkeit des Lesers buhlten. Dennoch fänden viele lesenswerte Bücher heute nicht mehr ihr Publikum.

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Christoph Bungartz
(Foto: Jann Wilken)

Die Lesergunst spiegele sich, so die Diskussion, natürlich immer auch in den Verkaufszahlen und im literarischen Selbstverständnis der »zwei Welten« von Kunst und Kommerz wider. Literaturpreise seien auch dafür da, betonte Spinnen, damit Literatur nicht verkommerzialisiert werde. Es wäre falsch, ästhetische Urteile auf Demokratie, sprich auf Umsätze, hinter denen oft ein riesiger Werbeapparat steckt, umzustellen. Ob denn nur der arme Poet ein guter Poet sei, wollte Bungartz wissen. 

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Foto: Jann Wilken

Da sei etwas dran, entgegnete Spinnen. Viele Leute zu unterhalten sei wohl eher ein Nebeneffekt, wenn man Kunst produziere. Es komme beim Autor doch wohl eher auf dessen »unkompatible Obsessivität« an, wobei er die Hand, die ihn füttere immer wieder beißen müsse. Der ideale Künstler müsse dieses Dilemma, dieses instabile Gleichgewicht, eben einfach aushalten. Er müsse sich ebenfalls gegen literarische Strömungen abschotten, so Spinnen. Leider tangiere die Ökonomisierung des Literarischen inzwischen nicht nur den Betrieb sondern auch den Text. Es gäbe bereits Autoren für erfolgreiche Strömungen sowie Verlage, die in diese Richtung dächten und danach fragten: Wer macht uns das jetzt? Auch wenn sich die Welten von Kunst und Kommerz je nach Perspektive gelegentlich vermischten, sei für Spinnen literarische Ästhetik in gewissem Sinne immer auch Diktatur. Und er ließ am Schluss keinen Zweifel daran: »Ich glaube an die möglichst schnelle Rotation von Diktatoren.«

Dirk Wegner

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