Rückblicke 2010
Der erste Schritt
27. April 2010
Griechenland droht ein Staatsbankrott, Polen verliert durch einen Flugzeugabsturz seine politische Elite, die katholische Kirche sieht sich massiven Missbrauchsvorwürfen gegenüber und ein »Aschemonster« entschleunigt den ganzen europäischen Kontinent - mit diesen aktuellen Beispielen in die Krise geratener Systeme eröffnete die Moderatorin Ann-Christin Bertrand das Podiumsgespräch im KörberForum. Anlass des Abends war der 6. Körber-Foto-Award und sein Wettbewerbsthema »Der erste Schritt – Der Einzelne und sein Leben im System«. Zehn junge Fotokünstlerinnen und Fotokünstler hatten dazu Fotoessays erarbeitetet, die bis zum 30.05.2010 im Haus der Photographie gezeigt werden. Zu Gast auf dem Podium waren die beiden Nachwuchsfotografen Liza Nguyen (Preisträgerin des Körber-Foto-Awards 2010 für die Arbeit Hiatus) und Jan Stradtmann sowie der Kurator der Ausstellung Ingo Taubhorn und der Soziologieprofessor Heinz Bude.
Im Gespräch konstatierten die Teilnehmer, dass der Einzelne zwar selbstbestimmt sein will, aber trotzdem eine Art lenkende Hand wünscht, die allerdings nicht zwangsläufig durch den Staat bzw. die Politik verkörpert werden muss. Als eine der halt- und sinngebenden Lebensstrukturen wurde dabei die Familie benannt. Das »Alleinkämpfertum« sei eben auch keine Lösung und darüber hinaus inzwischen schon wieder »out«. Die Aussage, dass Gesellschaften angesichts von Krisen zu neuen Denkstrukturen finden sollten und dabei ein Bewusstseinswandel eigentlich unabdingbar sei, fand auch im Publikum Zustimmung.
Dass die Fotografie, gesellschaftliche Institutionen und soziale Prozesse, Gesten und Konventionen sichtbar machen und die Zusammenhänge zwischen ihnen herauszuarbeiten kann, wurde in der Erläuterung der beiden jungen Fotografen anhand ihrer Fotoessays deutlich. Liza Nguyen findet in ihrem Fotofilm »Hiatus« Bilder und Sprache für das Gefühl der Ohnmacht, allerdings nicht, um sich eine Antwort zu geben, sondern um einen Prozess des Reflektierens bei sich und dem Betrachter in Gang zu setzen. Und Jan Stradtmann deutet in jedem Foto seiner Porträtserie »JETZT- Bright Before Me The Signs Implore Me« den Moment des Handelns an. Er ist der Überzeugung, dass der erste Schritt, immer eine Summe von Überlegungen ist.
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