Illusion Statebuilding
20. Oktober 2010
Spätestens wenn in Afghanistan wieder ein Bundeswehrsoldat verletzt oder gar getötet worden ist, steht die Frage nach dem Sinn oder eben auch Unsinn dieser Mission im Raum. Von dem ursprünglichen Ziel der internationalen Gemeinschaft, nach dem Sturz der Taliban ein stabiles politisches System nach westlichem Vorbild zu etablieren – von diesem Ziel scheint man heute weiter entfernt denn je.
Afghanistan ist ein prominentes, sicherlich aber nicht das einzige Beispiel für die Schwierigkeiten westlicher Statebuilding-Politik. Auch in anderen Krisenregionen, etwa auf dem Balkan, sind die Verhältnisse alles andere als stabil. Woran liegt das? Warum ist es so schwer, den westlichen Staat zu exportieren? Ist Statebuilding gar eine reine Illusion? Von vornherein zum Scheitern verurteilt?
Das demokratische Staatsmodell in den westlichen Ländern ist das Endprodukt eines langen von zahlreichen gesellschaftlichen Konflikten und auch kriegerischen Auseinandersetzungen geprägten historischen Prozesses. Das Hauptproblem des Statebuilding bestehe darin, dass der Westen nur dieses Endprodukt zu exportieren versuche. Mit der Folge, dass die von außen diktierten neuen staatlichen Institutionen nicht viel mehr sind als Staatsfassaden, die lediglich formal ihren westlichen Vorbildern gleichen. Einen neue Fassade garantiere aber noch keine neuen politischen Inhalte und Prozesse, konstatierte Berit Bliesemann de Guevara. Die Politikwissenschaftlerin von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg hat am Beispiel von Bosnien-Herzegowina die inneren Widersprüche westlicher Statebuilding-Politik analysiert und wurde für diese Forschungsarbeit 2009 mit dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung ausgezeichnet.
Statebuilding sei dennoch grundsätzlich möglich, hielt der Nahost-Korrespondent Ulrich Tilgner dagegen, der seit Jahren vor allem aus dem Irak, Iran und Afghanistan berichtet. Denn: »Die Bevölkerung will Demokratie.« Den Grund für das bisherige Scheitern sieht er vor allem in der von wohldosierten Eigeninteressen geleiteten doppelbödigen Politik des Westens, die den Aufbau echter demokratischer Strukturen unmöglich mache. Michael Steiner, Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan, gestand ein, dass schwerwiegende Fehler gemacht wurden. Er kritisierte einerseits das »Allmächtigkeitsgefühl«, die überhebliche Haltung, und andererseits die Konzeptlosigkeit, mit der der Westen in unterschiedlichen Krisenregionen eingegriffen habe: »Keiner ist reingegangen, um Statebuilding zu machen.« Ob im Irak, in Afghanistan oder in Bosnien – nirgendwo habe es ein tragfähiges Konzept für die Zeit nach der militärischen Intervention gegeben.
Dennis Gratz, Politik- und Rechtswissenschaftler sowie politischer Aktivist aus Sarajevo, betonte, dass die Stabilisierung der Sicherheitslage in den betroffenen Krisengebieten nur ein erster, wenn auch wichtiger Schritt sein könne. Die Stimmung der Bevölkerung in seiner Heimat Bosnien-Herzegowina fasste er so zusammen: »Die Menschen erwarten mehr!« Auch kritisierte er die Vorgehensweise der internationalen Gemeinschaft: Sie habe versucht, »Demokratie mit demokratischen Mitteln durchzusetzen« und sich zu früh aus der Verantwortung verabschiedet. Ein mehrjähriges Protektorat, so seine Überzeugung, hätte wesentlich mehr für die Stärkung und den Neuaufbau demokratischer Strukturen gebracht.
Das mangelnde Engagement des Westens – nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht – prangerte auch Ulrich Tilgner an. Deutschland etwa habe für die Polizeiausbildung in Afghanistan anfangs nicht mehr als 12 Millionen Euro zur Verfügung gestellt – im Gegensatz zu 18 Millionen Euro, die das Internationale Rote Kreuz allein für orthopädische Hilfen ausgegeben habe. Dennoch bildeten die Politiker »eine große Koalition der Selbstzufriedenheit«: Fehler würden nicht eingestanden; die Verantwortung für Misserfolge auf die Afghanen selbst geschoben. In der Tat sei die »organisierte Verantwortungslosigkeit« der Politik ein massives Problem, bekräftigte Berit Bliesemann de Guevara. Diejenigen, die für die tiefen Eingriffe in fremde Gesellschaften die politische Verantwortung tragen, könnten sowohl von den Betroffenen als auch von denjenigen, die den Einsatz ausführen und bezahlen müssen – also Soldaten, Aufbauhelfer und Steuerzahler -, viel zu wenig zur Rechenschaft gezogen werden.
Dennoch: »Ein Rückzug aus Afghanistan zum jetzigen Zeitpunkt ist schlicht nicht möglich«, betonte Michael Steiner. Andernfalls würde das Land in Bürgerkrieg und Chaos versinken. Gerade weil der Westen zahlreiche Fehler gemacht habe, dürfe er sich jetzt nicht aus der Verantwortung stehlen. Steiner forderte eine »neue Politik der Bescheidenheit«. Die internationale Gemeinschaft müsse sich realistische Ziele setzen: Es gelte vor allem für hinreichende Stabilität und die Einhaltung grundlegender Menschrechte zu sorgen.
Die militärischen Einsatzkräfte könnten dann bis 2014 schrittweise abgezogen werden; der politische Konsolidierungsprozess, der von innen kommen und vom Westen nur begleitet und unterstützt werden müsse, werde noch weit darüber hinaus andauern.
Die Veranstaltun – in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung, dem Deutschlandfunk und DRadio Wissen – wurde von Stephan Detjen, Chefredakteur des Deutschlandfunks, moderiert und live im Deutschlandfunk übertragen.
Bücher
KörberPodcasts
Videos / Livestream
Unsere Schwerpunkte





Klicken Sie auf ein Bild für mehr Info.





































