Eröffnung »Herzrasen« – 3. Theatertreffen [60+]
29. September 2010
»Werden Sie mit uns vier Tage älter und um viele Erfahrungen reicher«. Am 29. September eröffneten Michael Propfe aus der Theaterleitung des Deutschen Schauspielhauses und Lothar Dittmer vom Vorstand der Körber-Stiftung »Herzrasen«, das dritte gemeinsame Theatertreffen [60+]. Mit einem mobilen Rollatorenkonzert der Münchner Gruppe Stadtraumintervention war in der HafenCity am Nachmittag bereits der erste Festivalbeitrag zu sehen gewesen.
Der Abend im KörberForum aber stand im Bann eines mitreißenden Vortrags. Elan vital – schöpferische Lebenskraft, diesen Begriff wird wohl keiner der Zuhörer je wieder vergessen. Das liegt nicht nur daran, dass Redner Andreas Kruse den von Literaturnobelpreisträger Henri Bergson geprägten Ausdruck ins Zentrum seines Vortrags stellte. Es liegt vor allem daran, dass er ihn vorlebte. Auf der Bühne bekamen die Zuschauer den élan vital in Aktion geboten: Kruse, Deutschlands renommiertester Altersforscher und Leiter des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, sprach mit Witz und Verve von den »Inszenierungen des Alters« und seinen »Überlegungen zur Selbstaktualisierung«. Seine Thesen erläuterte er theoretisch mit einem fulminanter Ritt durch die Geistes- und Kulturgeschichte von Plutarch über Kierkegaard bis André Gorz und praktisch am Flügel mit Stücken von Bach, Mozart und Schumann.
Das was immer schon in uns steckt: der Elan vital
So stecke in jedem Menschen das Motiv, alle Anteile seiner Persönlichkeit zu verwirklichen, die Psychologie nenne diese Tendenz »Selbstaktualisierung. Und wir stellen in unseren Forschungen fest, dass man sich in der zweiten Lebenshälfte sehr viel stärker entwickelt, als bisher angenommen.« Humorvoll nahm er den Zuschauern die Illusionen: »Wenn Sie also dachten, das, was Sie die ersten drei, vier, fünf Dekaden Ihres Lebens gemacht haben, das geht fröhlich so weiter – nein.« Und gab gleich einen praktischen Tipp: »Gehe in dich und suche dir Lebensformen, die dir helfen, die Persönlichkeitsanteile, die du bisher nicht gelebt hast, zu entwickeln.« Sprach’s und setze sich wieder an den Flügel, um Mozart zu spielen. »Wir wollen einmal schauen, wie das ist mit dem élan vital, wenn wir Musik hören.«
Er zitierte William James »Die Menschen bleiben weit unter ihren Möglichkeiten, sie sind nicht voll verwirklicht.« Und er machte Mut »je älter wir werden, desto mehr haben wir die Möglichkeit, uns der Idee anzunähern, die wir von uns selbst haben.« Besonders gut beobachten könne man die schöpferische Lebenskraft in der Kunst, schlug Kruse die Brücke zwischen Altersforschung und Theater, »wenn Menschen sich selbst vergessen«. Gerade die Bühne sei geeignet, den »Facettenreichtum des Einzelnen in natürlicher Weise zum Leben zu bringen – und das ein Leben lang«. Wir probieren uns aus, erleben weitere Seiten unserer Persönlichkeit. »Handelnd und sprechend zeigen sich die Menschen in der Einzigartigkeit des Seins«, so hatte es Hannah Arendt formuliert.
Kruse hob aber auch hervor, dass sie Umwelt die Chancen zur Selbstaktualisierung entscheidend mitgestalte. Die Arbeitswelt blockiere oft Verwirklichungen. Die aktuellen Sparbeschlüsse des Hamburger Senats, die unter anderem extreme Einschnitte beim Herzrasen-Partner Schauspielhaus vorsehen, kommentierte er mit »Wer hier spart, spart an einer völlig falschen Stelle.« Das Publikum stimmte mit lautem Szenenapplaus zu.
Ein großes Hindernis für die Selbstaktualisierung sieht Kurse auch in den gängigen »Inszenierungen des Alters«. Selbstaktualisierung sei nur möglich, wenn niemand ausgelacht oder geschmäht wird für seine Versuche, anders zu sein als bisher oder als die Gesellschaft es von ihm erwartet. »Wenn das nicht geht aufgrund von Lebensbedingungen oder einer ungünstigen Partnerschaft, führt es gegebenenfalls in eine Depression«, warnte er.
Von der Depression war es nicht weit bis zum teils todtraurigen Leben des Johann Sebastian Bach. Welche Tiefen die Kunst erschließen kann, illustrierte Kruse mit dessen italienschen Konzert: Das Leben vom Tod umfangen, der Tod vom Leben umfangen. Mit einem außergewöhnlich langen Applaus belohnte das Publikum Kruses doppelten Vortrag.
Herzrasen auf allen Bühnen: 20 Stücke über Alter und von Älteren
Auf die über zwanzig Stücke, die vom 30. September bis 3. Oktober auf allen Bühnen des Schauspielhauses zu sehen sind, machte danach das Ensemble der Theaterwerkstatt Haus im Park mit den jeweils drei schönsten Sätzen Lust. »Ich kann mir die Welt ohne mich überhaupt nicht vorstellen!« war so einer, den die Zuschauer mit erkennendem Gelächter quittierten.
Die Körber-Stiftung engagiert sich zum dritten Mal für Herzrasen: sowohl bei der Planung des Festivals als auch bei der Auswahl der Stücke. Außerdem organisiert sie die begleitende Fachtagung von Spielleitern, Regisseuren, Theaterpädagogen. »Wir unterstützen das Herzrasen-Festival, weil uns die Potenziale des Alters interessieren, die im Seniorentheater sichtbar werden. Ältere Menschen und das Thema Alter auf die Bühne zu bringen heißt: Alter in all seinen Möglichkeiten und Kompetenzen wahrzunehmen und den Potenzialen älterer Menschen in unserer Gesellschaft mehr Sichtbarkeit zu geben«, so Lothar Dittmer. Mit ihrem Engagement möchte die Körber-Stiftung die Potenziale des Alters in den Fokus rücken: Herzrasen zeigt Theater von Älteren. Ältere Menschen spielen Theater und erfahren Sinn und Wertschätzung, trainieren neue Kompetenzen und haben teil. Gesamtgesellschaftlich setzt das Festival dem negativen Bild vom senilen, gebrechlichen Senior ein ganzheitliches Altersbild entgegen – mit den Stärken und Schönheiten, den unerwarteten Möglichkeiten und den Grenzen des Altwerdens.
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