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Rückblicke 2011

Ökonomie und Glück

9. Februar 2011

Den Erfolg unserer Wirtschaft lesen wir am Wirtschaftswachstum ab und die Wohlfahrt – sprich das Wohlergehen des Einzelnen – messen Volkswirte am Pro-Kopf-Einkommen. Aber wie weit taugen diese Indikatoren? Sind für unser Wohlergehen, unsere Lebensqualität, unser Lebensglück nicht noch ganz andere Faktoren entscheidend? Seit die Grenzen unseres wirtschaftlichen Wachstums immer deutlicher zutage treten – man denke nur an den Klimawandel und seine Folgen – wird nicht nur in der Wissenschaft, sondern zunehmend auch in Politik und Gesellschaft nach einer neuen Definition von gesellschaftlichem Wohlstand und Glück gesucht.

Martin Binder
(Fotos: Jann Wilken)

Eine Fokussierung auf das Pro-Kopf-Einkommen kritisierte auch der Wirtschaftswissenschaftler Martin Binder, der in seiner Dissertation ein Gegenmodell skizzierte. Er wagte einen Blick über den ökonomischen Tellerrand und versuchte Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaften in einen neuen Wohlstandsindikator zu integrieren. Für seine Arbeit erhielt Martin Binder 2010 den Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung verliehen. Das vorherrschende Menschenbild des »eiskalt kalkulierenden, rationalen homo oeconomicus«, dessen Wohlstand ausschließlich am Einkommen gemessen wird, müsse ersetzt werden. Die Realität wird nach Binder besser durch den sogenannten »homo discens« abgebildet, dessen Bedürfnisse einem ständigen Wechsel unterliegen und sich aus den gemachten Erfahrungen speisen. Binder plädierte auf dem Podium neben dem finanziellen Wohlergehen daher auch andere Aspekte für die Messung des Glückes zu berücksichtigen. Wichtig seien den Menschen beispielsweise ihre Gesundheit oder der Besitz einer Arbeitsstelle. Die Ökonomie muss diese subjektiven Aspekte von Glück messen und in einen neuen Wohlstandsindikator integrieren.

Burkhard Spinnen

Prinzipiell kritisch zu einer ökonomischen Definition von Glück äußerte sich der Schriftsteller Burkhard Spinnen. Ihm zur Folge übernahm die Politik im vergangenen Jahrhundert die Deutungshoheit über die Frage nach dem Glück von Religion und Philosophie. Das durch die »entsetzlichen Erfahrungen im 20. Jahrhundert« entstandene Vakuum wurde von der Ökonomie und ihrem Glücksversprechen – Wachstum durch Wettbewerb – gefüllt. Die Ökonomie besitze, so Spinnen, jedoch »keine globale Vision, was der Wettbewerb uns bringen könnte«, da nur eine sehr kleine Schicht profitiert und ganze Kontinente verarmen. Ohne solch eine globale Idealvorstellung, kann es jedoch für ihn kein Glück geben.

Hermann E. Ott

Etwas anders sah das der Grünen-Politiker Hermann E. Ott, der seit Januar 2011 Mitglied der neu eingerichteten Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität ist. Aufgabe der Politik sei es, die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen, damit jeder Mensch sein eigenes, individuelles Glück erreichen könne. Wie Binder sah er eine rein ökonomische Ausrichtung der gesellschaftlichen Indikatoren für Wachstum und Glück als »armseelig« an und plädierte für die Berücksichtigung sozialer Faktoren, wie Freundschaft und Familie. »Aber auch die schwindenden Ressourcen zwingen uns, unser wirtschaftliches Wohlergehen vom Ressourcenverbrauch abzukoppeln« und Neues zu denken. Ott betonte jedoch, dass die Politik nicht für das Glück des Einzelnen zuständig sein kann.

Zhengrong Liu

Genau diese Übertragung der Verantwortung für das persönliche Glück beobachtete Zhengrong Liu in Deutschland. Für den aus China stammenden Personalchef der LANXESS AG ist jedoch zunächst jeder Einzelne selbst für sein Glück verantwortlich und auf keinen Fall der Staat. Er wies in der Diskussion auf das chinesischen Sprichwort hin »zuviel Glücksgefühle schlagen schnell in Unglück um« und plädierte für den Begriff der Zufriedenheit. Hierfür spielt nach seiner Ansicht die innere Einstellung des Einzelnen eine maßgebliche Rolle. Im eigenen Unternehmen hatte Liu zwei Aspekte beobachtet, die einen großen Einfluss auf die Zufriedenheit der Menschen haben und auch in der politischen und wirtschaftlichen Diskussion berücksichtigt werden müssten: Zum einen das ihnen entgegengebrachte Vertrauen und zum anderen der Stolz auf die eigenen Leistungen sowie auf die Institution, der man angehört. Außerdem merkte Liu an, dass die Suche nach einem neuen Indikator für Glück und Wohlstand auf keinen Fall die Debatte über die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ersetzten dürfe. Denn nur diese garantiere uns auch in Zukunft Wohlstand und Erfolg.

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Stephan Detjen (li.) moderierte

Die Podiumsdiskussion und Reaktion des Publikums im KörberForum haben gezeigt, dass für die Neudefinition gesellschaftlicher Wachstums-, Wohlstands- und Glücksbegriffe noch eine tiefer gehende Diskussion von Nöten ist. Die vielen hier angesprochenen Aspekte von Glück und ihre Bedeutung für unsere Wirtschaft, stießen auf breite Zustimmung, auch wenn sie sich gegenseitig widersprachen und wohl kaum in einem Indikator zu vereinen sein werden.
Die Veranstaltung – in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung, dem Deutschlandfunk und DRadio Wissen – wurde von Stephan Detjen, Chefredakteur des Deutschlandfunks, moderiert und im Deutschlandfunk übertragen.

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