Laudatio
Die Jury 2010:
Franz Wille (Chefredakteur Theater heute), Nicola Bramkamp (Dramaturgin Hamburger Schauspielhaus), Axel Preuß (ab 2010/11 Chefdramaturg Staatstheater Braunschweig), Andras Siebold (Dramaturg Kampnagel Hamburg), Eva-Maria Voigtländer (Chefdramaturgin Ruhrtriennale).
Hamburg, Hauptmann, Einsame Menschen (Franziska Henschel)
zeigt ein Dramen-Konzentrat, dessen Figuren trotz chorischer Situationen gut kenntlich bleiben: gekennzeichnet vor allem durch mechanisch-autistische Bewegungsmuster und plakative Veräußerlichungen von emotionalen Zuständen. Einsame Menschen eben. Diese Techniken kennt man beispielsweise von Michael Thalheimer, sie werden metiersicher angewandt und erzählen in ihrer kalkulierten Abstraktheit das Stück übersichtlich, ohne sich besonders tief darin zu verstricken. Eine zweifellos bestechende, wenn auch etwas äußerlich bleibende Übung in geläufiger Moderne.
Berlin, Sarah Kane, 4.48 Psychose (Pedro Martins Beja)
ist eine sehr konsequente Videoperformance, die die Erzählung auf kalkulierte Distanz bringt, dem Publikum einen Spiegel vorhält, und die erzählerische Kühle des Textes so verdoppelt. In sich sehr stimmig, warum das nun aber ein Theater braucht oder nicht fast ebensogut als Kurzfilm funktioniert, hat sich der Jury nicht zwingend erschlossen.
Warschau, Brecht, Baal (Joanna Grabowiecka)
gelingt eine ebenfalls formal sehr konsequente Reduktion: intensive Einblicke in sich und andere zerstörendes Kraftkünstlertum. Ob es sich dabei nur um die Attitüden eines alkoholischen Existentialismus handelt, oder um tiefe sinnsucherische Nöte, war - vielleicht auch wegen der Übertitelung – nicht trennscharf zu erkennen. Da steht sich dann der etwas diffuse Symbolismus der Regiemittel leider selbst im Weg.
Salzburg, Ostermeier, Narkose (Martina Gredler)
stellt die Regie und Schauspieler vor das Problem, den lyrisch-määndernden Fluss von Ostermeiers Traumfantasie zumindest ansatzweise in eine szenische Konkretion zu treiben. Der inflationäre Metaphernwust der Vorlage lässt sich mit den Mitteln dieser Inszenierung allerdings nicht erfolgreich eindeichen: es bleibt bei eine Wort-Überschwemmung.
München, Maslowska, Zwei arme polnisch sprechende Rumänen (Katharina Herold)
will den polnischen Text ohne Rücksicht auf seinen Entstehungskontext möglichst unmittelbar an sich heranziehen. Regie und Ensemble finden für die vielschichtigen Erzählsituationen vor allem grobkomische Haltungen von zweifelhafter schauspielerischer Ökonomie. Der bescheidene Lohn sind sehr übersichtliche, allzu beschränkte Figuren, die bald in die Langeweile führen.
Frankfurt, Deine Liebe ist vielleicht tragischer als meine, aber nicht dein Tod
(Stephan Seidel)
ist ein Versuch, Racines Phädra nach den dramaturgischen Mustern von Westside Story in eine heutige Straßenbanden-Peergroup zu überblenden. Da fallen manche nette Kalauer ab, aber auch eine typisch musicalhafte Unschärfe der sozialen Situation. Auf jeden Fall gutes Entertainment, siehe Westside-Story, das auch nicht den Anschein vermittelt, als ob es noch mehr will.
Essen, Die Zofen (Katharina Weishaupt)
sind ein interessantes Beispiel, was passieren kann, wenn man seine szenische Fantasie nicht dominant vortreten lässt, sondern in den Dienst eines Stücks stellt, das man erzählen will. In diesem Fall aber doch zu wenig: Genets perfider Machtspiel-Dreier, der hier auf der Folie eines drittklassigen Krimis ausgetragen wird, bleibt stark unterbelichtet. Viele der Tricks, Volten und Untergriffe der Vorlage werden vom permanenten Textfluss weggespült.
Wien, Peer Gynt (Sarantos Zervoulakos)
genügt sich als allgemeinmenschliches Theater von Liebe, Lebenslust und Wankelmut, ohne sich Gedanken zu machen, was das Drama darüberhinaus an zeitgenössischer Bedeutung besitzen könnte – über seine unbestrittene, allerdings auch nicht weiter befragte Qualität als bekanntes Theaterstück hinaus.
Erzählt als warmherzig allgemeingültige Lebensreise; in der Jury fiel der Begriff Weihnachtsmärchen. Das hat aber einige von uns durchaus erwärmt und wird sicher seinen Weg machen.
Zürich, Also mich interessiert mein Sexualleben mehr als der israel-palästina-konflikt
(Christopher Kriese und Miriam Walther)
sind zum Teil sehr witzige und erhellende Befindlichkeitsmonologe über Gewissenkonflikte mit dem politischen Gewissen, über »politische Schwerelosigkeit und sexuelle Frustration«, wie es an einer Stelle heißt. Vor allem die geschickte Balance zwischen Ironie und Selbstentblössung, die die Performer oder Darsteller halten, hebt die Veranstaltung über selbstreflexives Bauchnabel-Kabarett hinaus. Trotz der kurzen Einlage eines geschichtspessimistischen Chors bleibt der Abend auf Dauer etwas einsträngig und zunehmend schnelldurchsichtig.
Gießen, Die Halbzarten (Philipp Karau und Katharina Stephan)
hat nach dem übereinstimmenden Votum der Jury das großartigste Bühnenbild: ein Knusperhäuschen aus alten ausgedrückten Pillenpackungen – so werden wir alle enden. Danach eine Zeitreise in die Jugend unserer Großeltern mit erlesenem Filmmaterial. Ein Erinnerungskino, dem leider die Darsteller fehlen. Aber das kann ja noch kommen. Vielleicht sollte man mal Gießen mit Wien kurzschließen.
Hildesheim, Vom Schlachten des gemästeten Lamms
In Regieausbildungen kann man zweifellos viel lernen, und wir haben hier in den letzten Tagen ein sehr breites Spektrum an Mitteln und Zugriffen gesehen. Trotzdem bleibt da ein Rest, etwas selbstständig nicht Lehr- oder Vermittelbares, das man eben nicht lehren kann, weil Theaterregisseur ja ein künstlerischer Beruf ist, kein reines Handwerk. Das haben wir besondern in einer Produktion gesehen, die deshalb auch unser Preisträger ist:
»Vom Schlachten des gemästeten Lamms« kombiniert zwei ganz unterschiedliche Romanvorlagen, die eins gemeinsam haben: Sie erzählen von Lebensläufen, die unseren üblichen Erfolgs-Formeln eines selbstbestimmten tätigen, vorwärtsstrebenden, möglichst sinnreichen Lebens unbedingt folgen wollen: Halldor Laxness’ »Sein eigener Herr« und »Monument für John Kaltenbrunner« von Tristan Egolf. Beide verbindet, dass ihre Protagonisten trotz allem Fleiß und aller Insistenz kläglich scheitern. Diese beiden Lebensgeschichten werden verschnitten mit den Formeln erfolgreicher Hollywood-Dramaturgie, die angeblich weiß, wie das Leben wirklich ist und wie gute Geschichten zu funktionieren haben, bis solche Gewissheiten en passant aus den Angeln gehoben und konterkariert sind.
Die Inszenierung jongliert sehr ökonomisch und einfallsreich auf mehreren Ebenen schauspielerischer und performativer Darstellung; sie bedient sich zwanglos, wo sie etwas Brauchbares findet; hat viele Bezüge und Quellen – von den Romanen bis zu Spike Jonzes »The Adaptation« –, ihr ist nicht immer ganz einfach zu folgen und sie geht nicht restlos auf wie eine saubere Bruchrechnung. Aber sie unterminiert erfolgreich alle vermeintlichen Erfolgsrezepte, unterläuft alle Kategorien – ob Regietheater, Schauspielertheater oder Performance – und erfindet sich ihre Form für eben das, was sie in dieser Form erzählen will. Dabei nimmt diese Produktion das Publikum ernst, ohne es überfahren oder einlullen zu wollen und hält es auch nicht für so blöd, dass man ihm alles erklären muss. Deshalb geht der Preis dieser Jury an die Projektgemeinschaft von Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann und Stephan Stock mit der Bitte und der Aufforderung, ihre gemeinsame Arbeit fortzusetzen.
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