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Körber Studio Junge Regie 2010 – Programm

»Deine Liebe ist vielleicht tragischer als meine, aber nicht dein Tod«

von Stephan Seidel nach Jean Racines »Phèdre«
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt a. M./Hessische Theaterakademie, Regie Stephan Seidel

Regie Stephan Seidel
Bühne und Kostüme Sabine Born und Katharina Schwarz
Dramaturgie Katharina Blumenkamp
Es spielen: Victoria Schmidt, Lucie Mackert, Moritz Pliquet, Raúl Semmler, Hendrik Vogt

Diplominszenierung 2010
Spieldauer: ca. 90 Minuten

Zum Stück

Phädra liebt ihren Stiefsohn Hippolyt, aber Hippolyt die Gefangene, Aricia. In einer Welt, in der Theseus u.a. die Liebe verboten hat, nimmt Phädras Schicksal seinen Lauf. Es beginnt ein Kampf mit der Hoffnung, die Phädra vom Glauben an die Unmöglichkeit ihrer Liebe immer wieder zurück ins Leben wirft.

Stephan Seidel (*1983 in Halle an der Saale)

2004 inszenierte er seinen Text »Unter der Haut« am Thalia Theater Halle. 2004 - 2006 studierte er Literatur u. Philosophie in Berlin und Potsdam. Währenddessen war er u. a. Stipendiat bei Robert Wilson am Watermill Center, N.Y., wo er »Woman Machine Man« inszenierte. Seit 2006 studiert er Regie an der HfMDK Frankfurt a. M. und war 2007/08 Stipendiat im Autorenlabor des Düsseldorfer Schauspielhauses. Inszenierungen u. a.: 2008 des eigenen Stücks »Die Sonne in deinem Scheißhotel ist doch selbst gemalt« für das Festival Junger Talente im Offenbacher Hafen; 2009 »Minsk« (UA) von Volker Schmidt im Rahmen des Heidelberger Stückemarkts und »Ophelias Teich« nach Shakespeares »Hamlet«, open-air vor dem IG-Farbenhaus. In der Spielzeit 2009/10 wird Stephan Seidel sowohl die Uraufführung seines Stücks »Das Gähnen der Leere« in der Wartburg des Staatstheaters Wiesbaden inszenieren als auch seine Diplominszenierung im Frühjahr 2010 in der Box des schauspielfrankfurt zeigen. Als Autor wird er vom Hartmann & Stauffacher Verlag vertreten.

Begründung der Schule für die Teilnahme der Inszenierung

Stephan Seidel hat als Regiestudent der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main sich in seiner Ausbildung von Anfang an nicht nur als angehender Regisseur, sondern auch als Autor verstanden. Früh schon signalisierte er sein Interesse, eigene Texte szenisch auf die Bühne zu bringen. Als die Semesteraufgabe darin bestand, sich mit einem klassischen Text szenisch auseinander zu setzen, hat er sogleich den Wunsch geäußert, aus der selbst gewählten Vorlage (Phädra von Racine, in der Übersetzung von Schiller) eine eigene Adaption erarbeiten zu dürfen: »Deine Liebe ist vielleicht tragischer als meine, aber nicht dein Tod.«

In der textlichen Vorarbeit und in den Proben mit den Schauspielstudierenden seines Jahrgangs ist eine spielfreudige Inszenierung entstanden, die davon lebt, dass ihr Autor und Regisseur sich an den scheinbar unmöglich gewordenen Helden von gestern, mit ihrem kompromisslosen Anspruch nach Glück und Liebe, im Hinblick auf seine eigene Lebenswelt reibt. So wurde die Grundsituation des Stückes von Seidel neu übersetzt: Das Regime von Theseus, ins Heute verlegt, gleicht jetzt einer Fantasie, die sich aus Kindheitserinnerungen speist, aus Mafiafilmen und Antiken-Zitaten, durch die man sich in der Welt von Theseus hineinphantasiert, ohne den wirklich realen Bezug zu ihr noch zu haben. Zugleich werden die Helden und Konflikte des Stückes in dieser Bearbeitung nicht verraten, sondern als uneingelöste Sehnsucht in den Figuren aufbewahrt. Es ist eine Sehnsucht nach Kampf und Tat, nach Liebe, die aber keine tatsächliche Entsprechung mehr findet. Die Figuren sind keine Helden der Tat, nur noch Tagträumer der Worte, und ihre Sehnsucht gerinnt im fehlenden Erfahrungsbezug zum Zitat. So wird eine Kampfsituation zwischen Theramen und Theseus übersetzt in eine hollywoodhaftes Wunschzitat nach Heldentum. Für den Kampf gegen ein Seeungeheuer (das einzige surreale Moment in der Vorlage) wählt Seidel eine seinem Konzept entsprechende Bühnenübertragung: eine Pfütze mit Fernsehflimmern deutet die Situation an, die herbeizuphantasieren noch möglich ist, aber realiter nicht mehr erlebbar. Die Figuren sind aufgefüllt von Wünschen und Glücksansprüchen, genährt von Pop, Comic, tradierten Zitaten aus klassischen Vorlagen, aus der Fernseh- und Musikwelt, die ihnen die Sehnsucht in Kopf und Herz pflanzen, ohne mit einer Entsprechung in der Realität aufwarten zu können. Die Sehnsucht wird nicht verraten, sie wird zu einem Surrogat für ein Leben, das von Erfahrungsarmut, Realitätsverlust und Enttäuschungen geprägt ist. Die letzte Ernüchterung ist der Tod, durch den die unerfüllte Sehnsucht sogar noch ihre Tragik findet, obgleich es die Tragik des handelnden, selbstbestimmten Helden schon längst nicht mehr gibt.

Stephan Seidels Inszenierung ist ein mutiger Versuch, einer klassische Vorlage nicht werkgetreu hinterherzulaufen, ihr nicht durch Ironie oder Zynismus auszuweichen, sondern ihre Tragik neu zu entdecken als Selbstausdruck einer heutigen Generation.

Urteil der Jury

Das Stück ist ein Versuch, Racines Phädra nach den dramaturgischen Mustern von Westside Story in eine heutige Straßenbanden-Peergroup zu überblenden. Da fallen manche nette Kalauer ab, aber auch eine typisch musicalhafte Unschärfe der sozialen Situation. Auf jeden Fall gutes Entertainment, siehe Westside-Story, das auch nicht den Anschein vermittelt, als ob es noch mehr will.

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