Live-Blog
Hier ist der Theater-Ticker zum Körber-Studio Junge Regie 2011 (25. bis 30. März ) zu lesen.
Von Lukas Wilhemi, angehender Kulturjournalist der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München.
30.03.2011
This is the end, my good old trend
Mit Trends ist das so eine Sache. Letztlich kann mit ihnen alles gemeint sein, dass mehr als einmal zu beobachten ist. Aber endgültige Aussagen trifft man mit ihnen nie, ohne zu allgemeingültig oder zu speziell zu sein. Als Selbstzweck funktionieren sie aber super. Und was gab es da, beim Körber Studio nicht alles zu entdecken?
Es gab Frauen, die kämpften. Gegen sich aber vor allem gegen ihre Umwelt, also gegen Männer. Auffällig war nur, dass sie nicht nur gegen Männer kämpften, sondern nicht selten auch mit männlichen Mitteln. Mit Schwert, Stahl und Sprache. Es gab Boxen auf der Bühne, in Hülle und Fülle. Es gab Gardinen, Verdeckungslumpen quasi, die nie ein Geheimnis aus ihrer Rümpelhaftigkeit machten. Es gab Gerüche, Weihrauch, Popcorn und in der Vorhalle meinte man einmal auch Windeln zu bemerken - wobei die dazugehörige Suppe absolut zu empfehlen war.
Dazu gab es Menschen, die eine solche Woche tragen, ohne dass man es richtig mitbekommt. Die Frau am Infostand, auch nach 23Uhr noch hilfsbereit. Der Typ, der eine, der die ganze Woche Nieshusten hatte, vor allem in der Aufführung. Der Hotelangestellte, der einen jeden Morgen dabei erwischte, wenn man seinen Kaffee mit aufs Zimmer nehmen wollte. Der ältere Herr, der alles immer besser wusste ("das war nicht gut, das war beeindruckend"). Die französisch sprechenden Jungs hinter der Theke, oder der Mann mit der Glocke. Mit Charme und Bestimmtheit ausgestattet, leitete der die Ströme. In den Saal, in die Garage, zur Aufführung, zum Podium. Das Einreißen der Karte; leicht, fast nur angedeutet. Seine Freundlichkeit war nie aufgesetzt, seine Körpersprache wunderbar. Ihnen allen gebühren diese Zeilen. Geben wir ihm bei nächster Gelegenheit ein Bier aus. Nach der Preisverleihung, vielleicht.
Das sind keine Trends, kein Fazit. Aber das wäre auch vermessen. In der Summe der Eindrücke, wird man dieser Woche deutlich gerechter.
Ohne Kontext
Aufgeschnappt und aufgeschrieben. Zitate einer Woche:
"Ich hab so ein Bändchen... und ich hätte gerne eine Cola Light."
"Unser Sounddesigner? - das war Steve Jobs."
"Niemand hat die Absicht eine Frage nach Tokyo zu schicken"
"Wasserstaubsauger sind das häßlichste, was es auf der Welt gibt"
"It hard to make war on stage"
"Das kleinste Kollektiv ist ein Schizophrehner."
"Die Generation Waffeneisen und die Generation Popcorn verstehen sich nicht"
"Das war so mein Kampf................ mit der Figur"
"Da steht ne Wand auf der Bühne und spielt ne Wand - der absolute Theaterhorror."
29.03.2011
Ihr mit eurem Internetz
Es war schon eine mutige Entscheidung der Festivalleitung. Ein Stück mit dem Titel "Romantik ist ein Frauenporno" am selben Tag aufführen zu lassen, an dem Udo Jürgens in der Hamburger Morgenpost ein Interview gibt und direkt in der Überschrift verkündet: "Sexfilme finde ich abstoßend". Für die Jüngeren - auch wenn die MoPo sagt, die Zielgruppe des Musikers liege zwischen "20 und 40 Jahren"; Jürgens ist ein Österreicher mit Schweizer Pass, der auf seinen Konzerten die Zugabe immer im Bademantel singt. Die Anzughose lässt er allerdings darunter an.
Aber wenn Jürgens keine Zugaben gibt, nimmt er CDs auf. In der prangert er vor allem das Internet an, dass er so über einen Kamm schert, wie es nur ein 73jähriger tun kann, der mit diesem Medium nicht aufgewachsen ist. Google, Facebook, Twitter, Youporn, alle doof.
Ganz anders sind die Statements beim Nachmittags angesetzten Kritikergespräch. Es geht aber nicht um die Populärfragmente des Internets, sondern die am Thalia Theater zu lesende Festivalzeitung und das Verhältnis von Kritik und Produktion im Allgemeinen. Eine elementare Unterscheidung. Die täglich erscheinende "textversion" findet entweder beiläufig, salomonisch ("Ich will auch mal einen richtigen Verriss über mich lesen") oder preisend ("Ich freu mich täglich wie die heißen Brötchen drauf") Erwähnung. Schnell verlagert sich die Diskussion in einen theoretischen Diskurs über Ansprüche, Verantwortung und Pflichten von Kritik. Doch es sind nicht die jungen Regisseure und angehenden Journalisten, die das Gespräch antreiben. Vielmehr sind Dozenten und Begleitpersonen energisch involviert. Von den Eckpunkten der Sitzreihen schallt es in den Raum. Alte Beispiele werden angeführt, alte Rechtfertigungen zurück gegeben. Es entsteht der Eindruck, dass hier lang zurück liegende Gräbenkämpfe einen neuen Austragungsort gefunden haben. Ein Kampf, den aber längst nicht alle Personen auf und vor dem Podium führen und auch nicht führen wollen.
Selbst nachdem die Runde aufgelöst wird, steht man zusammen. Junge Regisseure, junge Journalisten. Kritik oder Verständnis wird geäußert, Dinge werden geklärt, Fehler werden eingeräumt, Missverständnisse ausgeräumt - unbelastet.
Als abschließend nochmals die Internetadresse dieses Blogs verkündet wird, ruft jemand aufs Podium: "'www' nicht vergessen". Manche sind nicht mit dem Internet aufgewachsen, andere haben sich noch keine Feinde gemacht.
Man spürt den Wert der Unbekümmertheit, der zwischen den Kostümwechseln auch auf den Bühnen zu erleben ist. In ganz gegensätzlicher Weise. "Medea" ist Hyper-Schauspieltheater. Präzise und theatralisch, beschreibend und nicht wertend gemeint; fast komplett farblos.
"Romantik ist ein Frauenporno" dagegen will alles, nur nicht das. Vor allem im ersten, nicht narrativen Teil macht man aus Naivität eine Tugend. Seziert nach und nach post-dramatische Theater-Mittel kurz und kurzweilig und hängt im zweiten Teil Frau Jelinek persönlich in den Kleiderschrank. Beide Arbeiten dieses Tages besitzen großen Schauwert, während sie sich mit fast diametralen Ideen dem Theater und seiner Tradition verschreiben, aber sie tun es. Da ist Euphorie auf der Bühne, Interesse im Publikumsgespräch. Der Publizist Jean Duché sagt dazu: "Der Mangel an Erfahrungen veranlasst die Jugend zu Leistungen, die ein erfahrener Mensch niemals vollbringen würde."
Oder wie heißt Udo Jürgens' neue - bei Facebook beworbene CD - noch gleich: "Der ganz normale Wahnsinn".
28.03.2011
"Schatz, die hast du bei mir vergessen"
Heureka! Die Nachtkritiken sind online. Eine Auswahl an Stücken des KSJR, die vom 25. bis 27. zu sehen waren, werden hierbesprochen.
Augenblick verweile doch
Bühne. Sie trägt ein Palästinenser-Tuch und ein "I Love"-T-Shirt. Er hat den Rücken gekrümmt, hält den Blick ins Klavier. Er: "Hallo". Sie: "Du hast noch einen Rock und eine Bluse von mir".
Mehr braucht es im Theater nicht. Die Trennung steht im Raum. Jedem seine eigene Vorstellung von diesem Wort. Doch, dass die beiden sich gegenseitig den Namen "Ex" gegeben haben, ist für alle ersichtlich.
Die Schönheit der Dinge liegt nicht selten in der Seele des Betrachters. Die Schönheit der Kunst kann dabei darin liegen, die Seelen (und ihre Besitzer) zu nötigen, sich ihren Vorstellungen von Schönheit anzunehmen. In der Kunst denkt man sich selbst mit, über sich selbst nach. Oder anders: jede Bühnen-Trennung erinnert an selbst erlebte Trennungen. Der Satz "Du hast noch einen Rock und eine Bluse von mir" richtig betont, nehmen wir als glaubwürdig wahr. Wir wollen diese winzige Andeutung glauben, obwohl wir von ihr wissen, dass sie eben nur eine Illusion ist.
"In euren Augen" macht diese falsche Richtigkeit, bzw. diese richtige Falscheit zum Thema. Es stellt seine Theaterhaftigkeit aus und gefällt sich darin, über diesen Zustand nachzudenken. Wie wenig es bedarf, um dieses oder jenes auslösen. Sich im Minirock über die Kante beugen, ergibt eine Prostituierte. Das aufgekrempelte Karohemd zeigt eine Lehrkraft. Sind das Klischees oder ist das Andeutung? Oder sind es Klischees, die wir bereit sind zu glauben? Antworten finden wir nur in uns, ja in unseren Seelen.
Szenenwechsel: Podium, keine Bühne. "Flow" ist das Thema des Nachmittages. Schnell wird klar, dass jede Antwort nur mit selbst gemachten Eingrenzungen akzeptiert wird. Fünf Menschen mit Mikrofon, weit mehr ohne. Viele haben etwas zu sagen. Ein Gedanke ist spannender als der andere. Eine Idee befruchtet die nächste. Und doch entwickelt die Runde nicht das, was sie im Titel trägt. Nicht aus Unvermögen, sondern aus der situativen Unmöglichkeit heraus. "Wenn man es benennt, ist es bereits vorbei", heißt es da aus der Runde, die nichts tut, außer zu benennen. Ja, man darf das, bei aller Liebe, sogar langweilig finden. Willkommen in der Realität! Da, wo es keine Klischees, kein Zeichensystem, keine Andeutungen, keine Reise des Helden, keine Symbole, keine Bühne, keinen Vorhang, kein Happy-End, ja, überhaupt kein Ende gibt. Letztlich ist das Leben strukturfrei, es folgt nur in Ausnahmefällen Logiken. Und das kann ziemlich nerven.
Manchmal geht man ins Theater, um etwas neues zu sehen. Manchmal geht man ins Theater, um etwas zu sehen, dass man versteht.
In your Face!
John Ford steht mit seinem Drehteam in der Wüste. Man wartet. Nach längerer Zeit tritt ein Crewmitglied an Ford heran, hier gäbe es doch eh nichts zu filmen außer Sand. "Oh doch", entgegnet Ford: "Hier gibt es das spannenste auf der Welt aufzunehmen: ein menschliches Gesicht!" In diesem Sinne...
27.03.2011
Von Kopf bis Fuß
Ein Zuschauer stellt eine Frage. Drei Schauspieler sitzen auf einer Bühne und nicken. Ein Regisseur erzählt. "Der Tod und das Mädchen" bittet zum Publikumsgespräch.
Der Regisseur Till Wyler von Ballmoos spricht weiter, seine Darsteller nicken weiter, beginnen zu grinsen. Oliver Losehand, der wenige Minuten zuvor noch den mutmaßlichen Vergewaltiger-Arzt Roberto mit viel Selbstgefälligkeit ausstattete, hat seitdem seinen weißen Anzug immer noch nicht ausgezogen. Jenes Sakko hatte Roberto auf der Bühne einen Abgang ermöglicht, der die Schuldfrage nicht eindeutig klärt. Jetzt thront Losehand in diesem Oufit immer noch ein wenig über den Dingen.
Da man im Theater, in der erzählenden Kunst allgemein, gerne klare Linien möchte, wissen will wer Täter, wer Opfer und vorallem: wer schuldig ist, fleht das Publikum nun um Antworten. Doch Wyler von Ballmoos verweigert diese, zumindest die klaren. Nur sein Ensemble nickt. Rechte habe er, gibt Gerardo-Dasteller Stefan Maaß dem Fragenden zu verstehen, als sein Regisseur zu Ende geredet hat. Der Saal ist amüsiert. Später stellt Moderatorin Dr. Barbara Müller-Wesemann eine weitere Frage. Nachdem sie ihre Antwort erhalten hat: "Hab ich mir doch gedacht, dass sie sich da was bei gedacht haben". Die ersten Astraflaschen werden geöffnet. Langsam tritt man wieder aus Paulinas Kopf heraus, in dem man sich vor lauter verquerter Boxen und undurchhörbarer, schriller Akustikbrocken nur schwer zurecht gefunden hat. Wer klare Linien will, wer den Täter abschließend (!) auf Knien und entblößt sehen will, war hier falsch.
Ganz anders in Probenraum 3: Johanna von Orleans, anfangs vor unseren Augen - und nicht wie einen Festivalbetrag zuvor in unserem Kopf - vergewaltigt und geschändet, führt in die Schlacht. Die Dänin Therese Willstedt macht den Kampf zum Credo und lässt eine spartanische Arena errichten, in der sie gegen eben jene Glaubenslegitimierten vorgeht - mit aller Gewalt. Das Publikum rückt ganz nah ans Geschehen, wenn es in nur zwei Reihen in alle vier Himmelsrichtungen um den Eisenwürfel verteilt wird, auf dem heftig gewütet wird. Die Zeichen verkehren sich, die weiße Flagge wird zum Schwert, die Krone zum Strick und gekreuzigt wird man kopfüber. Ach ja; und das 90 Minuten auf Dänisch - ohne Untertitel. Wer undurchsichtige Konstrukte, innerliche Figuren, subtile Gefilde suchte, war hier falsch.
Abschließend steht das Publikum in der Vorhalle und wischt sich über die Augen, wie man es sonst nur macht, wenn man sich aus der Achterbahn oder Dusche steigt. Man pustet durch und greift zum nächsten Astra.
Zwei Stücke sind vorbei, die vielleicht erst in ihrer Kombination zu einem Ganzen wurden. Die an diesem Abend mit Psyche und Physis einen ebenso intensiven wie vitalen Theaterkörper formten.
26.03.2011
Pärchen, hört die Signale!
Kein Kuschelsitz. Doch der wäre nötig. So sehr sind die beiden umschlungen, während unten "Parzival" um sein Leben rennt - oder wenigstens im Kreis. Und wenn der Entmystifizierte einmal still steht, zirpt das Schlagzeug milde Laute oder flüstert der Figuren-Kanon in die Tiefe des Raumes. Nur im Kampf poltern die Trommeln, nur im Tod wird es laut - oder in der Liebe.
Letzte Reihe, mitte. Den Blick nur in die Augen des Anderen getaucht, nie auf die Bühne. Die Hand das Gesicht und den Armrücken hinunter gleiten lassen. Die Haare sich selbst überlassen, das Atmen auf das Nötigste beschränkt. Kann es etwas nervigeres geben?!
Da die Münder anderweitig eingespannt sind, muss die Nase doppelte Atemarbeit verrichten. Was nur unter massivem Schnauben gelingt. Also: schnaubschnaubschnau. Dazu noch schmatzschmatzschmatz, etwas schmeckschmeckschmeck und immer wieder dazwischen ein paar zittzittzitts und pffpfffpffs. Im Grunde sämtliche Geräusche, die vier Lippen und zwei Zungen so machen, wenn sie aufeinander treffen. Gegen Halbzeit wird es dunkel im Saal. Eine passende Gelegenheit sich seiner Jacke zu entledigen. Die glatte Polyester-Schicht weicht einem groben Baumwoll-Überzug, über die der Sitznachbarn souverän seine Arme legt .
Es sollte in jeden Theater-Knigge aufgenommen werden, dass es der eigenen Verantwortung unterliegt, die Beschaffenheit der getragenen Kleidung auf eine überhöhte Lautstärke-Produktion bei Körperkontakt der Abendbegleitung zu überprüfen und ggf. zu ändern. Doch bis dahin kratzt und schabt man über die Baumwolle. Dazu schnaubt, schmeckt und zuweilen hechelt man dem Schlußbild gemeinsam entgegen. Da sage noch jemand, Theater sei nicht anregend?!
Vor ein paar Stunden hat es in diesem Saal noch nach Popcorn gerochen. Ganz kurz war der Kuschelsitz spürbar. "Record of Time" hatte die Mikrowelle angestellt. Was die meisten Gäste des Publikumsgesprächs verleitete, auf essbare Requisiten zu hoffen. Doch als die Hoffnung auf gesüßte Maiskörner enttäuscht wird, verlässt mehr als die Hälfte der Gäste die Räumlichkeit. Da ist die erste Frage auf dem Podest noch nicht mal komplett beantwortet. Frustiert stampt der Kulturmob über den Hof und gräbt sich missmutig in die Bestuhlung der Garage, wo nur fünf Minuten nach Beginn der Diskussion das Stück "Schlafes Bruder" beginnt. Hätte es Popcorn gegeben, wären sie geblieben.
Nachts im Hotel, Kanal 20: Bei Beate Uhse läuft nichts von Wagner oder Dorst. Und auch die Minibar hat nichts umsonst. Leben heißt Leiden.
Vor der Kunst - ein Prolog in Bildern
25.03.2011
textversion
Das KSJR wird erstmals von einem Blog begleitet. Die Festivalzeitung "textversion" erscheint 2011 nun schon zum achten Mal. Darin werden wieder Kritiken, Interviews, Vorabberichte und weitere Dinge rund um das Körber Studio Junge Regie zu lesen sein.
Die Zeitung wird täglich am Thalia Theater in der Gaußstraße verteilt. Außerdem gibt es sie hier als PDF.
Tach, Theater!
"Pass auf", sagt er bedeutungsschwer und legt sich eine Zigarette auf den Handrücken: "Ich kann nen Trick", verkündet er. Gespannt schaut er in die Runde. Die Runde schaut gespannt zurück. Ein Stoß und die Zigarette fliegt in die Luft, überschlägt sich mehrfach, prallt vom Gesicht ab und landet auf den Holzstufen vor dem Lokal. Die Gruppe ist erfreut. Ein weiterer Versuch wird gestartet. Wieder misslingt es, die Zigarette mit dem Mund aufzufangen.
Drinnen im "Fo" darf selbstredend nicht geraucht werden, beim Eröffnungsabend des Körber Studios Junge Regie 2011. Zwar sind es keine Disko-ähnlichen Zustände, bei denen man sich wünscht, so etwas wie Qualm und Zigaretten- würden sonstige Körpergerüche überdecken, aber trotzdem bringt jeder Rückkehrer seine ganz persönliche Note zurück an den Esstisch. Dort sitzt man wild aber nicht willkürlich, sondern nach Sitzplan durchgemischt. Die anfänglich angestrengte Ambition, dem Nachbartisch durch übertriebenes Kopfnicken und aufrechte Sitzhaltung deutlich zu machen, eine angeregte Konversation zu führen, weicht genauso schnell wie unbemerkt einem tatsächlichem Interesse am Gegenüber. Der Wein wird ohne Aufforderung nachgeschenkt und fast jeder trägt sein ihm zugeteiltes Armband "gut sichtbar, das erleichtert die Kontaktaufnahme", wie es das Informationsblatt erklärt. Vor der Tür fliegt derweil eine Zigarette durch die Luft und landet auf den Holzstufen.
An der Theke streitet man sich, ob "Alster" oder "Radler" nun besser anklingen mag ("klingt nach Sport mit Kater, ich mag aber keinen Sport mit Kater") oder darüber, ob es unschick sei, der hübschen Dame anstatt in die Augen aufs Namensschild zu glotzen. Irgendwo sagt jemand "Servus" und irgendwo anders heißt es "Moin, Moin". Die Bedienung macht Feierabend und fährt mit ihrem Smart in die frühlingshafte Hamburger Nacht.
"Ich kann nen Trick", heißt es immer noch auf der Holztreppe vor dem Lokal.Gespannt schaut man in die Runde. Die Runde schaut gespannt zurück. Das geht jetzt schon über 15 Versuche so. Schließlich gelingt der Akt, die Zigarette liegt im Mundwinkel. Für heute ist die Show vorbei.
Die kommenden Tage darf im Theater nicht geraucht werden.
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