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»Das Wissen muss durchs Ohr«

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Im Kraftzentrum des Konzertbetriebs: Musikvermittlung als Zukunftsaufgabe

Musikdramaturg Markus Fein über seine Vision eines Musikkurators

Markus Fein, geboren 1971 in Frankfurt, ist Musikwissenschaftler, Konzertdramaturg und Hochschuldozent. Er leitete mehrere namhafte Musikfestivals, darunter die Niedersächsischen Musiktage und war Musikdramaturg bei den Berliner Philharmonikern. Seit einigen Jahren ist Markus Fein wichtiger Impulsgeber für die Vermittlung von Musik in Deutschland. Er moderierte unter anderem für das KörberForum die Reihe »2 × hören« und führte dort Gespräche mit Künstlern und Komponisten.
 

Sind wir uns einig, dass das Wort »Musikvermittler« nicht besonders hübsch klingt?

Ja. »Musikvermittlung« hört sich für mich nach sehr viel Schweiß auf der Stirn an. Und es schwingt auch ein pädagogischer Impetus mit. Mir schmeckt beides nicht.

Bislang waren Musikvermittler ein Randglied der Produktionskette. Warum sollten sie künftig zu Dreh- und Angelpunkten werden, ohne die im Musikbetrieb nichts mehr läuft?

Weil Musikvermittler weit mehr als Erklärbären sind. Musikvermittlung, in diesem weiten Sinne gedacht, rührt an fundamentale Fragen des Musikerlebens: Viele Konzertbesucher bleiben mit ihren Eindrücken, mit ihrer Wahrnehmung, ihrem Erleben alleine. Sie verfügen nicht über die sprachlichen Mittel, um das, was sie gehört haben, in Worte zu fassen. Ihnen fehlen Formen, sich in Kontakt mit der Musik zu bringen, und erst recht die Möglichkeiten sich mit anderen Besuchern oder gar mit den Musikern auszutauschen. Sie spüren aber: Da ist eine Welt, die Geheimnisse und Versprechen in sich trägt, aber sie wissen nicht, wie sie dort hingelangen. Hier kann Musikvermittlung ansetzen.

Also stimmt die Vision der Körber-Stiftung: Musikvermittler müssen an die zentralen Stellen in den Institutionen?

Erst dann wird die Musik in neue kommunikative Prozesse eingebunden. Nimmt man den Gedanken der Musikvermittlung wirklich ernst, dann wird dieser vom Hausmeister bis zum Intendanten gelebt. Dem Publikum sollte sofort klar werden: Wird hier Musik in einer fensterlosen Monade präsentiert – oder stößt sie die Türen zu neuen Erlebnisräumen auf? Ziel ist es, den Konzertbesucher zu aktivieren, ihn zum Hinhören zu verführen. Das Konzert ist manchmal nur ein Sprungbrett zum Weiterhören, Austauschen, gemeinsamen Erleben. Dieser Trend wird immer stärker: Um das Konzert schweben Module, wie Satelliten, die ein breites Vermittlungsspektrum abdecken.

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Musikvermittlung als Nebenschauplatz? In diesem Modell haben die Akteure wenig Kompetenzen und wenig Spielraum

Was wäre das für ein Typ, dieser neue Musikvermittler?

Hoffnungslos verliebt in die Musik, sympathisch und gewinnend in seinem Auftreten, integrativ in seiner Denke, kollegial und uneitel in seiner Arbeitsweise, profund und weitreichend in seinem Wissen, eloquent und humorvoll in seiner Ausdrucksweise, kooperativ und vernetzt in seiner strategischen Ausrichtung, durchsetzungsstark in der operativen Umsetzung.

Wie sollte sich der Musikvermittler an das Publikum wenden?

Mein Eindruck ist: Musikvermittlung findet besonders dann Zugang beim Publikum, wenn sie zu starken, prägenden, suggestiven Bildern findet – Sprachbildern, Denkbildern. Wenn sie das Synapsenkarussell anschmeißt und Vergleiche zu anderen Künsten riskiert, Musik in unterschiedliche Lesarten auffächert.

Aber warum hat es die Vermittlung bislang so schwer?

Es fehlt an vielem: an Ausbildungsangeboten, Berufsangeboten, Budgets. Aber die Szene ist in Bewegung gekommen. In allen drei angesprochen Feldern beginnen sich die Dinge zu verändern. Musikvermittlung zieht ihre Kreise. Nach der Education-Welle für Kinder und Jugendliche stehen wir jetzt vor der Musikvermittlung für Erwachsene. Der Druck auf die Häuser und Orchester wird größer.

Wie werden die neuen Musikvermittler diesen vielen unterschiedlichen Anforderungen gerecht?

Ich halte zwei Szenarien für denkbar: Einerseits könnte Musikvermittlung in den Führungspositionen der Orchester, Konzerthäuser, Veranstalter so weit verinnerlicht werden, dass diese immer mehr aus einer Denkhaltung des Musikkurators agieren. Die Intendanten, Festivalleiter, Orchestermanager handeln also auch verstärkt als Musikvermittler. Das zweite Szenario sieht eine Aufwertung des Musikvermittlers mit weiterreichenden Kompetenzen vor – als »Dramaturg« oder eben »Kurator«. Aber egal, wie er sich nennt und wo er sich positioniert: Alles, was nicht wirklich ein neues Hören bewirkt, bleibt letztlich überflüssig, abstrakt, leer. Das Wissen muss durchs Ohr gehen – nicht allein durch die Gehirnwindungen.

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