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Ein neues Gesicht bei 2xhören

2 × hören entstand im Frühjahr 2006 in Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftler Markus Fein, der 2014 die Leitung der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern übernommen hat. In 20 Ausgaben konnte sich 2 × hören überaus erfolgreich etablieren. Die Reihe wurde vielerorts übernommen. 2012 wurde sie von Martina Taubenberger moderiert, die eine hervorragende musikalische und musikwissenschaftliche Ausbildung durchlaufen hat. Im September verabschiedete sie sich von dieser Aufgabe, aufgrund von Familienplanung.

Nun beginnt am 4. Dezember 2017 eine neue Moderatorin die Reihe 2 x hören: Anne Kussmaul. Sie war von 2004 bis 2015 Geigerin bei den Dortmunder Philharmonikern und in verschiedenen Kammerorchestern tätig. Dann schulte sie sich zur Musikvermittlerin um und machte eine Ausbildung an der Hochschule für Musik in Detmold und in der Körber Masterclass on Music Education. Wie sie zur Musikvermittlung kam und was sie an dem Format 2 x hören so reizt, erzählte sie Kai-Michael Hartig, Leiter des Bereichs Kultur in der Körber-Stiftung, in einem Interview.

Was sind Deine ersten Erinnerungen an Musik?


Wir haben in der Familie viel Musik gemacht.  Es begann zunächst mit der Blockflöte und an Weihnachten gab’s dann natürlich die ganz wichtigen Auftritte mit dem Blockflötenensemble in der Kirche.
Mit sechs Jahren habe ich schon angefangen, in der Gruppe zu musizieren. Da waren wir noch zu viert oder so. Später hatten wir ein ganzes Kinderorchester – ein Streichorchester – da war ich sieben oder acht Jahre alt. Mit elf Jahren bin ich dann relativ früh ins Musikschulorchester gekommen. In erster Linie bin ich wegen des Orchesterspiels bei der Geige geblieben.

Was hat denn bei dir den Ausschlag gegeben, Musik zum Beruf machen zu wollen?

Mit 16 Jahren habe ich eine neue Geigenlehrerin bekommen, die mich so geflasht hat, dass ich Geigerin werden wollte. Dadurch hat sich mein Schulalltag komplett verändert: Ich habe direkt nach der Schule geübt und bin dann noch drei- oder viermal in der Woche zur Musikschule gegangen. Das war meine Welt und die hat mich vor so manchen jugendlichen Eskapaden gerettet….

Viele Instrumentalisten werden zunächst mal für eine Solokarriere ausgebildet. Kannst Du rückblickend sagen, dass Dich das Studium auf die Orchesterarbeit vorbereitet hat?

Ich hatte das große Glück, dass ich schon während meines Studiums zwei Jahre im SWR-Orchester ausgeholfen habe. Dadurch war ich auf diesen Beruf gut vorbereitet. Während dieser Zeit habe ich auch immer gerne Kammermusik gemacht, das war im Grunde die beste Vorbereitung auf Orchesterspiel. Im Orchester stellen sich natürlich neue Fragen: Wie arbeitet man mit Kollegen zusammen? Wie kann man mit dem System umgehen? Ich habe das elf Jahre lang gut geschafft, aber dann war es auch gut.

Wie kam es dazu, dass Du Dich in Musikvermittlung spezialisiert hast? Immerhin hast Du dafür Deine feste Stelle bei den Dortmunder Symphonikern aufgegeben – die für viele Musiker eine Traumstelle wäre.

Auslöser war eines der Familienkonzerte der Dortmunder Philharmoniker, bei denen ich selbst mitgespielt habe. Da hatte ich das Gefühl: Hier passiert etwas, das eigentlich an der Musik vorbei geht. Es ging um Geschichten, die erzählt wurden, aber mit der Musik selbst nichts zu tun hatten. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass man die Geschichten aus der Musik selbst entwickeln kann. Nun wollte ich aber nicht nur sagen: »ich kann´s besser«, sondern ich wollte es auch beweisen. Ich habe also ein Studium Musikvermittlung in Detmold aufgenommen und abgeschlossen. Mit der Zeit habe ich immer mehr gemerkt: Das ist jetzt meins.

Macht es in der Musikvermittlung eigentlich einen Unterschied, ob man ausgebildeter und praktizierender Musiker ist?

Ich denke, es macht immer ein Unterschied. Ich gehe zum Beispiel zu Beginn immer von der Musik aus, wie spielt man ein Stück, wie fühlt es sich für den Spielenden an oder wie klingt sie im Raum. Es geht mir zunächst nicht darum, wann wurde das Stück geschrieben und was wurde davor und danach komponiert oder wer hat wie klug darüber geschrieben.

Worum geht es Dir, wenn Du mit einem Publikum zur Musik arbeitest?

Ich hab schon früher immer sehr gern und begeistert über Musik gesprochen. Mir geht es bei Musikvermittlung vielmehr um einen Austausch und nicht um das Erziehen von irgendwelchen zukünftigen Konzertbesuchern. Also um eine Begegnung und darum, dass sich über die Musik auch sehr viele andere Themen transportieren lassen.
Außerdem möchte ich gerne wieder zu einem intensiven Musikerleben zurückführen. Ich möchte, dass die Zuhörer nicht denken, einer Form entsprechen zu müssen. Jeder kann seine eigene Art entwickeln, ein Konzert – oder auch nur einen Klang – zu hören.

Wo liegen Deiner Meinung nach momentan die größten Aufgaben in der Musikvermittlung?

Die Aufgaben liegen in zwei Bereichen: Ein ganz wesentliches Feld ist natürlich die transkulturelle Musikvermittlung, das ist ein weites und auch ein sehr anspruchsvolles Gebiet. Dabei wird es immer wichtiger, dass auch in den Musikinstitutionen mehr Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen arbeiten. Ein anderes ganz wesentliches Feld ist die Arbeit mit Erwachsenen. Es ist nach wie vor so, dass es für Erwachsene nur einen Bruchteil des Angebots gibt im Vergleich zu dem, was Kindern und Jugendlichen geboten wird. Ich bin zwar Erwachsener, aber ich möchte auch gern das haben, was Kindern und Jugendlichen in der Musikvermittlung alles angeboten wird.

Du warst Stipendiatin im dritten Durchgang der Körber Masterclass on Music Education, ein Ausbildungsprogramm für engagierte Musikerpersönlichkeiten…

Das war für mich ganz entscheidend zum einen für mein Netzwerk, zum anderen habe ich erlebt, wie vielfältig die Arbeit an den Häusern ist. Da sind auch bei mir viele neue Ideen entstanden. Außerdem habe ich gesehen, dass auch freie Musikvermittler an den großen Konzerthäusern gebraucht werden, denn die Größe und die Belastung der Teams an den Häusern erlaubt immer weniger, die einzelnen Veranstaltungen zu Musikvermittlung inhaltlich konzeptionell fundiert ausarbeiten zu können.

Was reizt Dich am Format 2xhören?

An 2xhören reizt mich, dass man die Musik einmal in Ruhe hören kann und danach mit Musikern darüber ins Gespräch kommt. Eines mache ich nämlich total gerne: Musikanalyse in die Veranstaltung zu nehmen, und keiner merkt’s. Etwas ganz Besonderes  ist es auch, wenn die Besucher zu mir sagen: »Das war aber interessant, können wir an der Stelle noch weiter hören«. Das heißt – der Appetit kommt beim Essen.
Eigentlich gibt es auch gar keinen Unterschied zwischen Musikvermittlung und der Arbeit eines Musikers. Denn der muss ja auch eine Komposition »aufdröseln«,  muss sich genau Gedanken dazu machen, schreibt aber keine wissenschaftlichen Abhandlungen. Er arbeitet vielmehr direkt am Klang und am Instrument. Man versucht – gerade bei einem neuen Stück – sich erst einmal hineinzuhören, ein Gefühl für die Komposition zu bekommen und dann schaut man ganz genau hin: Wie ist das eigentlich gebaut? Und was ist damit gemeint? Nichts anderes macht die Musikvermittlung. Bei 2xhören ist ja das Spannende, dass man es beim zweiten Mal abgleichen kann mit dem, was man aus dem Gespräch mitgenommen hat. Das nenne ich dann für mich Anker, d. h. es gibt Dinge, die ich mir selbst schon erschlossen habe – und das ist doch eine wunderbare Erfahrung! 

Kontakt

Vincent Dahm
Programm-Manager
Kulturimpulse für Hamburg
Kulturvermittlung

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 182
E-Mail dahm@koerber-stiftung.de

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