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    Afghanistan: »Der Albtraum meiner Kindheit kehrt zurück«

    Redakteurin Nilab Langar war noch ein Kind, als die Taliban 1996 Kabul zum ersten Mal besetzten. Mittlerweile lebt sie in Deutschland. Hier schreibt sie darüber, dass sie damals furchtbare Angst hatte – und wie traurig sie der Fall ihrer Heimatstadt heute macht.

    Ich war sechs Jahre alt, als die Taliban meine Heimatstadt Kabul besetzten. Ich war gerade zur Schule gekommen und träumte mit kindlicher Vorfreude von der Zukunft. Ich erinnere mich gut an den Tag. In meinen Ohren hallt noch immer das erschreckende Geräusch von Schüssen und Kugeln. Mein Vater und ich hetzten schnell und völlig verängstigt auf Fahrrädern nach Hause.

    Es war gegen Mittag und die Stadt hatte Angst. Alle dachten daran zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. Ich war Kind, und ich hatte zu dieser Zeit kein klares Verständnis der Situation, aber als ich die Panik und Verwirrung meiner Mutter und meines Vaters sah, wusste ich, dass eine große Katastrophe aufzog. Und es wurde eine große Katastrophe.

    Peitschen gegen Frauen

    Nach der Einnahme der Städte und in den frühen Tagen des Machtantritts der Taliban schossen die Milizen der Gruppe auf alles, was sie lebendig und sich bewegen sahen. Sie durchsuchten die Häuser, um Regierungsmitarbeiter und Leute von NGOs zu verhaften und ethnische Minderheiten zu massakrieren, insbesondere die Schiiten. Aber damit war die Sache noch nicht erledigt. Der nächste wichtige Schritt dieser Gruppe war es, das Schicksal der Frauen in ihre Hand zu nehmen und sie in der Gesellschaft zu isolieren. Der Kerker, den die Taliban für Tausende afghanischer Frauen und Mädchen ausgehoben hatten, war so tief und eng, dass viele Frauen auch Jahre später nicht mehr herauskamen.

    Von diesem Tag an durften Frauen und Mädchen unter keinen Umständen mehr ohne Mann (Muharram) zur Schule gehen, studieren, arbeiten oder sogar das Haus verlassen. Sie mussten unter allen Umständen die Burka (Hijab) tragen. In einigen Fällen mussten sogar ihre Schuhe, die unter der Burka hervorkamen, den islamischen und Scharia-Standards entsprechen. Infolgedessen wurden viele Frauen täglich vor Gerichten der Taliban ausgepeitscht, gesteinigt und erschossen, weil sie keine islamische Kleidung trugen und gegen die Scharia verstoßen hatten.

    Der Schrecken ist unvergessen

    Obwohl ich damals noch ein Kind war, erinnere ich mich noch an die Schrecken dieser Tage und wachte nachts auf, weil ich Albträume hatte. Ich erinnere mich gut daran, dass ich es nicht wagte, das Haus zu verlassen, aus Angst, die Leichen der Gehenkten zu sehen  – und die abgehackten Hände, die über den Straßenkreuzungen der Stadt hingen.  Und wann immer ich mit meinen Eltern von einem Ort zum anderen gehen musste, habe ich mich definitiv nicht umgesehen. Ich hasste die Nacht und die Dunkelheit und habe immer noch diese Angst.

    Zu dieser Zeit lebte meine Mutter wie Tausende von gebildeten Frauen zu Hause. Aber sie war eine Heldin, und sie erwartete nichts Schlimmeres von der Situation, um ihre beiden kleinen Töchter und andere Frauen in der Familie aufzuheitern. Als Kind konnte ich die Situation damals nicht genau einschätzen, aber ich erinnere mich noch an all die harten und unglücklichen Ereignisse dieser Zeit und was mit den Frauen und Mädchen meines Landes passiert ist.

    Schreckliche Nachrichten

    Nach etwa vier Jahren hatten die dunklen Nächte endlich ein Ende. Die letzten Tage der Taliban waren wir in Mazar-e-Sharif, und meine Eltern klammerten sich die ganze Zeit an das kleine Radio in der Ecke unseres Wohnzimmers und hörten BBC.

    Den Namen BBC hatte ich oft gehört, denn von Anfang an hörten meine Eltern immer diesen Sender, um sich über die wichtigen Ereignisse des Tages zu informieren. Nach und nach wurde mir – ich war damals zehn – klar, dass dieses die einzigen Nachrichten waren, die in dieser Situation zuverlässig berichteten. Aber für mich hatte der Name BBC immer eine dunkle Botschaft. Denn jedes Mal, wenn die Erwachsenen BBC hörten – sie nannten es Bessie – , erhitzten sich ihre Gemüter und sie gerieten in Panik.

    Der Fall des Regimes

    In der Nacht vom letzten Tag der Taliban waren meine Eltern sehr aufgebracht und in Panik. Ich wusste nicht genau, was passiert war, aber ich wusste, dass sie gefährliche Neuigkeiten hörten. Wir Kinder irrten inmitten der Hektik durch das Haus und spürten die Angst und Sorge unserer Eltern. Die gaben sich große Mühe, uns von diesen Ereignissen fernzuhalten. Aber wie hätte das gelingen können? Meine Angst und Sorge wuchs jedesmal, wenn ich meine Eltern am Radio sah. Bis wir eines Morgens aufwachten – an jenem Siegesmorgen.

    Die Eltern riefen glücklich: Wir sind frei! Wir sahen Menschen in Eile und lachend in den Gassen zum Zentrum der Stadt rennen. Sie umarmten einander, grüßten Unbekannte und gratulierten zur Freiheit.

    Meine Eltern waren sehr glücklich und hofften, dass ihre Töchter aus der Gefangenschaft des dämonischen Regimes befreit würden und sie wieder zur Schule gehen, studieren, eine ideale Zukunft haben und ihr Leben planen können.

    Starke Frauen

    Nach dem Fall der Taliban wurde eine neue Seite in der Geschichte meines Landes aufgeschlagen und allen Frauen wurde das gleiche Recht auf Bildung, Bildung und Arbeit eingeräumt. Seitdem sind zwanzig Jahre vergangen. Afghanische Frauen haben in dieser Zeit mit Beharrlichkeit und unermüdlichem Einsatz Großes erreicht. Von politischen und wirtschaftlichen Fortschritten bis hin zu großen sozialen und staatsbürgerlichen Errungenschaften haben Frauen eine bedeutende Rolle gespielt. Auch die Gleichstellung der Geschlechter in Regierungsbüros und bei den NGOs ist zu einem ernsten und nicht wegzudenkenden Thema geworden. Jetzt haben sich die starken Frauen und Mädchen meines Landes mit viel Mühe und Aufwand in die traditionelle Gesellschaft Afghanistans eingearbeitet und hohe Paläste für ihre Träume gebaut. Keine von ihnen dachte, dass dies alles so schnell wieder zerstört werden könnte. Aber leider ist es passiert! All die schlimmen Dinge passierten auf einmal und in kurzer Zeit.

    Obwohl ich hier in Hamburg in absoluter Sicherheit lebe, bin ich traurig über den Fall meiner Heimatstadt.

    Nilab Langar, ursprünglich aus Afghanistan, ist Teil des Redaktionsteams von Amal, Hamburg!, einem Projekt der Evangelischen Journalistenschule und der Körber-Stiftung, unterstützt vom Hamburger Abendblatt und der Evangelischen Kirche in Deutschland.

     

     

     


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