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Innovation

Wissen statt Meinen

Die Verleihung des Körber-Preises an den Mediziner und Biologen Svante Pääbo nutzte Lothar Dittmer, Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung, um gegen eine gesellschaftliche Entwicklung, die »in rasantem Tempo um sich greift«, Position zu beziehen: Das Relativieren, das Ignorien und das Leugnen von Wissen. Wenn echtes Wissen nicht mehr von bloßem Meinen getrennt werde, bestehe die Gefahr, dass die Gesellschaft ihren Zusammenhalt verliere. 

»Arbeitsteilung ist eine Bedingung für das Funktionieren unserer modernen Gesellschaft. So wie es sinnvoll ist, dass wir nicht alles, was wir täglich brauchen, selber herstellen, so ist es auch sinnvoll, dass es für die unterschiedlichen Wissensgebiete Experten gibt, auf die wir uns verlassen können. 

Wir hatten und haben guten Grund zu der Annahme, dass die Wissenschaft mit ihren Verfahren und Methoden uns das jeweils beste und zuverlässigste Wissen zum Verständnis unserer Welt zur Verfügung stellt. Wenn wir wissen wollen, wie sich ein Ereignis in der Geschichte abgespielt hat, fragen wir aus gutem Grund die Historiker und nicht allein die involvierten Zeitzeugen. Wenn wir etwas wissen wollen über Geburtenraten und Altersentwicklung einer Gesellschaft, vertrauen wir den Demografen und Statistikern und tun gut daran, unsere eigene, auf das persönliche Umfeld begrenzte Empirie nicht zum allgemeinen Maßstab zu machen.

Leider ist dieser Konsens unserer Gesellschaft, dass Wissen besser ist als Meinen oder Glauben, in den vergangenen Jahren dramatisch ins Wanken geraten.

Das hat, das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werde, seine Ursachen auch innerhalb der Wissenschaft. Vom Erschwindeln von Titeln über Datenfälschungen bis hin zu Gutachten, die allzu auffällig die Sprache des Auftraggebers sprechen, gibt es hier genügend Anlass, vor der eigenen Haustür zu kehren. 

Solche Schwindeleien und Gefälligkeiten sind allerdings dank der Grundverfassung von Wissenschaft begrenzt und meist nur von sehr kurzer Dauer. Denn Wissenschaft zeichnet sich ja gerade durch Theorien und Verfahrensweisen aus, die transparenten und überprüfbaren Kriterien genügen müssen – das wiederholbare Experiment in den Naturwissenschaften, die Belegstelle in den Geisteswissenschaften. Und wo dies nicht reicht, lassen sich Fälschungen und Plagiate heute durch digitale Vergleiche rasch identifizieren und aufdecken. 'Schwarze Schafe' in der Wissenschaft haben also auf Dauer kaum eine Chance.

Schlimmer ist deshalb eine andere Entwicklung, die leider in einem rasanten Tempo um sich greift: Das Relativieren, das Ignorieren und das Leugnen von Wissen.
 
Wir haben alle einen gehörigen Anteil an dieser Situation. Wir lieben die kurzfristige Sensation und nicht die wohlabgewogene und sorgfältig durchdachte Analyse, wir schenken unsere kurzen Aufmerksamkeitsspannen gerne dem Skandal, und wir tun den Normalfall solider Arbeit als langweilig und wenig aufregend ab. 

Wir sind bereit, den abwegigsten Meinungen überproportional Gewicht zu verleihen und ducken uns weg, wo es darauf ankäme Farbe zu bekennen. Wir haben es selbst verlernt, die Standards rationaler Argumentation einzuhalten.

Für das Beschwichtigen und Verharmlosen ist der Klimawandel ein gutes Beispiel: In der seriösen Forschung herrscht Einigkeit darüber, dass die durch menschliche Aktivitäten bedingte Klimagas-Freisetzung seit vielen Jahren erheblich schneller verläuft als dies bei allen bekannten Erwärmungsphasen der letzten 66 Millionen Jahre der Fall war. 16 der 17 wärmsten jemals gemessenen Jahre traten im 21. Jahrhundert auf. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Anstieg der Globaltemperatur nicht maßgeblich auf anthropogene Treibhausgas-Emissionen (also auf uns!) zurückzuführen ist, lässt sich beziffern: Sie liegt bei 0,001 %. Würden Sie bei einer solchen Quote eine Wette eingehen? Was hindert uns also am entschlossenen Handeln und Umsteuern?

Es ist an uns, Tag für Tag und Fall für Fall darauf zu beharren, dass Fakten Fakten bleiben. Und das sage ich bewusst trotz des möglichen Einwands, dass wir doch alle wissen, dass es endgültige Wahrheiten nicht geben kann. Das stimmt! Es gibt immer nur unser vorläufig bestes Wissen. Aber genau dieses müssen wir verteidigen. Und wir müssen es von Spekulationen, Vermutungen und offenkundigem Unsinn unterscheiden.

Wenn wir als Gesellschaft die Fähigkeit verlieren, echtes Wissen von bloßer Meinung zu trennen, wenn wir uns nicht einmal mehr darauf verständigen können, was die unbestrittenen Fakten für unser Handeln sind, dann laufen wir nicht nur Gefahr, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu verlieren, sondern wir verspielen auch leichtfertig unsere Zukunft. Es sind immer wissenschaftliche Erkenntnisse und Durchbrüche gewesen, die die Welt etwas besser und/oder etwas sicherer gemacht haben.

Bevor Sie sich nun verwundert die Augen reiben, wieso ich diese eigentlich freudige Feststunde der Wissenschaft zu einem solchen Appell nutze, will ich gerne bekennen, dass dies aus echter Sorge um die aktuellen Entwicklungen geschieht. Nie war es leichter als heute, wissenschaftliche Erkenntnisse zu diskreditieren. Maßgeblich dazu beigetragen haben sicherlich die sozialen Medien und das Internet, in dem vielerorts das fehlt, was gute Wissenschaft ausmacht – aufwändige Prüfungen, nachvollziehbare Verfahren, namentliche und persönliche Verantwortung. So landen wir dann in Echokammern und Filterblasen, und unser Weltbild wird nicht mehr durch Rationalität, sondern durch Trolle und Bots geformt.

Dies gilt auch für die Evolutionstheorie. Die Idee, der Mensch sei ein Produkt natürlicher Entwicklungs- und Ausleseprozesse, war von Anfang an eine Zumutung, und sie ist es offensichtlich geblieben. 

Es mag wenig überraschen, dass vor einiger Zeit in der Türkei die Evolutionstheorie aus dem Biologieunterricht verbannt wurde. Aber es ist außerordentlich bedenklich, dass selbst in vermeintlich aufgeklärten Gesellschaften wie den USA kreationistische Positionen Oberwasser haben und etwa vom Vizepräsidenten der aktuellen Regierung offensiv vertreten werden. 

Aber wir sollten wie immer nicht allzu selbstgefällig nur auf andere zeigen: Untersuchungen deutscher Grundschullehrpläne haben zutage gefördert, dass dort die Schöpfung als Erklärung unserer Herkunft überaus präsent, das Konzept der Evolution aber praktisch nicht vorhanden ist. Das Kriterium 'kindgerecht' kann dabei nicht der Maßstab gewesen sein. Auch die Evolution lässt sich altersangemessen erklären, wie es sich für eine Gesellschaft gehört, die der Aufklärung verpflichtet ist.

Wird schon die Evolutionslehre wieder zunehmend attackiert, so hält unser heutiges Thema eine weitere Herausforderung bereit. Denn nun, meine Damen und Herren. Man mutet uns die Erkenntnis zu: Wir alle haben nicht nur gemeinsame Vorfahren mit den Affen, sondern in uns steckt auch viel mehr Neandertaler als gedacht!

Im Genom heutiger Europäer finden sich etwa 1,5 bis deutlich über 2 Prozent Neandertaler-Gene. Und das heißt, wie es unsere Pressemeldung etwas verschämt formuliert, dass Neandertaler und andere ausgestorbene menschliche Gruppen vor etwa 50.000 Jahren 'einen Beitrag zur Abstammung des heutigen Menschen' (des Homo sapiens) geleistet haben. 

Sagen wir es im Klartext: Nicht einmal das Bettlager scheidet uns von den archaischen Formen der Menschheit. Wir Modernen gehen ganz auf in der Kontinuität der Naturgeschichte; biologisch gesehen sind wir keineswegs herausgehobene Sondermodelle, sondern ganz normale, multikompatible Bautypen. Und, ohne noch ein weiteres thematisches 'Fass' aufzumachen: Wann und wo immer es möglich war, haben sich diese unterschiedlichen menschlichen Gruppen, Ethnien und Kulturen gemischt.

Diese Einsichten verdanken wir ganz wesentlich Professor Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Wie keinem zweiten ist es ihm in den letzten Jahren gelungen, durch genetische Analysen Licht in das Dunkel der frühen Stadien der Menschwerdung zu bringen und uns so über unsere Herkunft aufzuklären. 

Pääbo ist ein außergewöhnlicher Kopf, der klassische geisteswissenschaftliche Vorgehensweisen mit naturwissenschaftlichen Methoden kombiniert. Er ist ein Pionier der Paläogenetik und ein Prototyp des Wissenschaftlers und Aufklärers. Und er hat uns auf diese Weise und mit seinen wegweisenden Arbeiten zur Entschlüsselung des Neandertal-Genoms eine neue Antwort auf unsere Grundfrage gegeben, woher wir kommen. 

Es scheint fast so, als ob es eine List der Vernunft sei, in dieser Zeit des Zweifelns an der Wissenschaft ausgerechnet einen so fundamentalen Beitrag zum Verständnis der menschlichen Evolution auszuzeichnen.

(gekürzte Version der Rede)

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