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Geschichte digital lernen? Wikipedia in der Unterrichtspraxis

Wissen wird zunehmend im Internet erworben – das gilt auch für historisches Wissen. Doch welchen Einfluss hat der digitale Wandel darauf, wie wir mit Vergangenem umgehen und es deuten? Welchen Zugang finden gerade junge Menschen – die »digital Natives« – zur Geschichte?

In Kooperation mit der Körber-Stiftung findet vom 27. bis 28. November in Basel die 3. Tagung des Arbeitskreises »Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik« der Konferenz für Geschichtsdidaktik (KGD) statt. Unter dem Titel »Wikipedia in der Praxis – Geschichtsdidaktische Perspektiven« setzt die Veranstaltung einen Fokus auf die Online-Enzyklopädie und ihr Lernpotenzial für die schulische und universitäre Lehre. Medienpartner ist L.I.S.A, das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung.

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Wir sprachen mit Jan Hodel, Dozent für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule FHNW Basel, der zur Bedeutung der digitalen Netzmedien im Kontext von historischem Lernen und Lehren forscht.

Herr Hodel, der digitale Wandel verändert die Recherche und den Erwerb von Wissen. Die Diskurse über die Geschichte finden dadurch eine immer breitere Beteiligung. Bietet das Ihrer Ansicht nach nur Positives und neue Möglichkeiten – oder birgt es auch Gefahren?

Neuerungen bringen Chancen und Risiken mit sich. Ich will ein aktuelles Beispiel zur Verdeutlichung nennen: Dass Dank neuer digitaler Medien mehr Menschen die Möglichkeit haben, ihre zum Teil unreflektierten und verzerrten Meinungen einer breiten Öffentlichkeit mitzuteilen, sehen wir in den aktuellen Diskussion um die Flüchtlingspolitik, um das Verhältnis der EU zu Griechenland oder die Konfliktsituation zwischen Russland und der EU in der Ukraine-Krise. Das nehmen wir eher als Problem wahr. Es liegt darin aber auch eine Chance, da es zur Auseinandersetzung mit der Rolle digital geprägter Öffentlichkeit zwingt. Dabei werden auch Fragen aufgeworfen, wie Geschichte als Argument benutzt oder auch missbraucht wird. Ich sehe hier eine Chance für Geschichtslehrende, im Dickicht von Interpretationen – von unterschiedlichen Perspektiven bis hin zu manipulativen Geschichtsklitterungen – den Schülerinnen und Schülern zu Orientierung zu verhelfen. Letztlich sind nicht technische Neuerungen selbst, sondern der individuelle und gesellschaftliche Umgang mit ihnen entscheidend dafür, ob wir die durch sie eröffneten Chancen sinnvoll nutzen.

Gerade Lehrkräfte sehen sich in ihrem Berufsalltag Schülerinnen und Schülern gegenüber, die mit einer intensiven Nutzung digitaler Medien groß geworden sind, den sogenannten »digital Natives«. Was wird aus dem »forschenden Lernen« im Angesicht eines frei zugänglichen Schatzes an Informationen im Internet?

Ich plädiere da für mehr Gelassenheit. Ich verstehe den Ärger von Kolleginnen und Kollegen, wenn Schülerinnen und Schüler eine ausgeklügelte didaktische Aufgabenstellung mit plumpem Copy/Paste-Verhalten aushebeln wollen. Oder, und das gibt es auch, nur mäßiges Interesse an einer innovativen Nutzung digitaler Medien im Unterricht zeigen. Wir dürfen nicht vergessen: Für Jugendliche ist das Internet vor allem ein Hilfsmittel, um die mühseligen Anforderungen der Schule schneller erledigen zu können. Erfolgreiches und nachhaltiges »forschendes Lernen«, das seinen Namen zu Recht trägt, setzt echtes Interesse der Lernenden voraus. Das scheint mir eher ein Problem der Aufgabenstellung und des Auftrages der Schule als Vermittler von »Pflichtstoff« zu sein. Im Gegensatz zu früher haben die Jugendlichen heute die Möglichkeit, diese Aufgaben mit Hilfe des Internets schnell abzuarbeiten. Der digitale Medienwandel stellt also auch traditionelle Grundlagen unserer Schule in Frage: Müssen sich Schülerinnen und Schüler ein Basiswissen einprägen oder »forschend« Wissen erarbeiten, wenn es jederzeit verfügbar ist? Hier müssen Didaktiker, Schulverantwortliche und Lehrerinnen und Lehrer Antworten finden – und wieso nicht gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern?

Im Kontext der Verfügbarkeit von Wissen im Netz hat die 2001 gegründete, digitale Enzyklopädie »Wikipedia« einen ganz besonderen Stellenwert. Die deutsche Version ist mit rund 1.844.000 Artikeln die drittgrößte weltweit. Da Sie sich intensiv damit auseinandergesetzt haben – sind bereits empfehlenswerte Methoden erprobt, wie beispielsweise Wikipedia sinnvoll in das historische Lernen und Lehren einbezogen werden kann?

Leider verfügen wir gerade zur Nutzung von Wikipedia noch immer über wenig Kenntnisse, die über individuelle Erfahrungen hinausgehen. Und diese lassen sich nicht ohne Weiteres verallgemeinern. Generell treffen viele der vorherigen Aussagen auch und ganz besonders auf die Wikipedia zu. Sehr lange kreiste die Diskussion bei den Lehrpersonen darum, ob die Wikipedia überhaupt vertrauenswürdig sei. Und jene Lehrpersonen, die die Wikipedia als Chance sahen, ließen ihre Klassen zum Beispiel neue Artikel schreiben. Das überforderte oft einerseits die Schülerinnen und Schüler - aber auch das System der Wikipedia mit den freiwilligen Kontrollinstanzen, die kaum Verständnis für pädagogisch-didaktische Anliegen hatten. Mittlerweile rät die Wikipedia Community selber davon ab, sich im Rahmen von Unterrichtsprojekten an eigenen Artikeln zu versuchen. Es gibt aber andere Möglichkeiten: Man kann die Artikel mit den Versionen in anderen Sprachen oder mit entsprechenden Texten aus dem Brockhaus etc. vergleichen. Oder die Entstehungsgeschichte oder die Diskussion analysieren – das ist für jeden Eintrag in der Wikipedia ja ausführlich dokumentiert. Ich persönlich fände es schon hilfreich, wenn Lehrpersonen Lese- und Verständnishilfen für die Wikipedia-Artikel leisteten, die zum Unterrichtsthema passten. Denn die Texte sind von Erwachsenen für Erwachsene geschrieben und für Jugendliche manchmal nur schwer verständlich. Bei einer gemeinsamen Bearbeitung von Wikipedia-Artikeln lassen sich diese auch nach diversen Kriterien problematisieren. Beim Artikel zum 1. Weltkrieg zum Beispiel: Was steht da, oder eben nicht, über die Ursachen des 1. Weltkriegs? Wie lässt sich ein so langer Text überhaupt sinnvoll lesen bzw. erfassen? Lehrpersonen könnten auch auf Zusammenhänge oder Mängel hinweisen, z.B. dass gewisse Aspekte wie etwa ein sozialgeschichtlicher Blick im Text gar nicht erscheinen.

Obwohl Vorhersagen immer problematisch sind – wie sehen Sie aus Expertenperspektive die Zukunft des Digitalen in historischen Lernprozessen?

Das Problematische an Prognosen über die Medienentwicklung ist ja, dass wir weiterhin Kategorien, Denkmodelle und Maßstäbe aus der bisherigen Medienwelt verwenden. Wikipedia ist ja inhaltlich einfach ein Nachbau einer Enzyklopädie – einer alten Idee, das Wissen der Menschen umfänglich aufzuschreiben. Das Innovative ist der Prozess der Erstellung und Pflege. Ob sich dieser auf Dauer bewährt? Gemäß der traditionellen Praxis kann ein solcher unkoordinierter Vorgang von freiwilligen Laien nicht funktionieren. Ist das so? Hier gehen die Meinungen sehr auseinander. Ähnliches lässt sich über den Geschichtsunterricht sagen. Ob sich dieser in absehbarer Zukunft wesentlich verändern wird, entscheidet sich weniger an den neuen Medienangeboten selbst, sondern eher dadurch, wie etablierte Unterrichtsroutinen und individuelle Medienpraktiken der Jugendlichen zueinanderfinden. Egal mit welchen Medien: Geschichtsunterricht sollte immer versuchen, Jugendliche Fragen an die Geschichte stellen und mögliche Antworten darauf entdecken und beurteilen zu lassen.

Herr Hodel, haben Sie vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.


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