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»Durch Engagement vor Ort etwas bewegen«

Am 1. September startete die 26. Ausschreibung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Das Thema lautet: »So geht´s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch«. Im Gespräch erläutert die aus Leipzig stammende Geschichtsdidaktikerin Saskia Handro, die zum wissenschaftlichen Beirat des Wettbewerbs gehört, wie Umbrüche wie das Wendejahr 1989 heute vermittelt werden, was junge Menschen aus dieser Zeit lernen können und welche Zugänge sich für Schülerinnen und Schüler zum neuen Wettbewerbsthema eröffnen.


Das Motto des diesjährigen Geschichtswettbewerbs ist ›So geht´s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch‹. Wieso haben Sie dieses Thema ausgewählt?

Ziel des Geschichtswettbewerbs ist es immer, Themen zu finden, die auf aktuelle Problemlagen reagieren. Wir wollen Schülerinnen und Schüler anregen, sich aufgrund gegenwärtiger Erfahrungen auf historische Spurensuche zu begeben. Das kann ihnen verdeutlichen, dass es bestimmte Phänomene, beispielsweise Krisen, schon immer gab und dass Menschen auch in der Vergangenheit immer vor verschiedenen Handlungsalternativen standen, um Krisen zu überwinden. Das Thema ›Krise, Umbruch, Aufbruch‹ schien uns im wissenschaftlichen Beirat ebenso wie dem Kuratorium hochgradig zeitgemäß. Wenn man in die Medien blickt, ist das Thema praktisch omnipräsent. Das Thema ist für die Schülerinnen und Schüler spannend, weil sie damit alltäglich konfrontiert werden. 

Wie geht der Geschichtswettbewerb mit diesem Thema um?

Es ist ja immer ein besonderes Anliegen des Geschichtswettbewerbs, sich mit einem Thema   auf lokaler oder familiengeschichtlicher Ebene zu beschäftigen. Das ist eine Perspektive, die den Schülerinnen und Schülern zeigt, dass bestimmte Probleme auch früher schon bewältigt werden mussten. Auf dieser konkreten Ebene gewinnen bestimmte Menschen als Akteure an Kontur, mit deren Entscheidungen sich die jungen Leute identifizieren, aber auch kritisch auseinandersetzen können. Das diesjährige Thema ist daher besonders relevant. Ich glaube, dass es die Chance bietet, Schülerinnen und Schülern zu verdeutlichen, dass sie auch durch gesellschaftliches Engagement vor Ort etwas bewegen können und Geschichte etwas mit ihnen zu tun hat. Was sie da herausfinden, das interessiert auch viele andere und ihre Erkenntnisse können auch in der Gegenwart als Orientierung dienen.
 
In den Medien ist Krise heute ein Dauerthema, das aber bei vielen Lesern, Zuhörern und Zuschauern für Verunsicherung sorgt und Ängste verstärkt. Kann die Beschäftigung mit Geschichte gerade jungen Leuten dabei helfen, Krisen und vor allem die Bewältigung von Krisen anders einzuordnen und den Angstfaktor zu relativieren?

In den Medien werden Krisen zunächst öffentlich, aber eben auch gerne hochgespielt. Das können Schülerinnen und Schüler sehr gut anhand historischer Beispiele untersuchen. Wie über Krisen berichtet wurde oder wie Krisen auch medial produziert wurden, könnte ein mögliches Thema sein. Andererseits ist es für demokratische Gesellschaften wichtig, dass Krisen und notwendige Veränderungen öffentlich diskutiert werden. Das unterscheidet die Krisenbewältigung in einer Demokratie von der Diktatur. Der Blick in die Geschichte kann Jugendlichen zeigen, wie politische Gruppen, aber auch Einzelpersonen die Initiative ergriffen haben. Dass man selber in Krisensituationen durch Handeln Veränderungsprozesse herbeiführen kann, das ist eine wichtige Erkenntnis, die Schülerinnen und Schüler gewinnen können, wenn sie sich beispielsweise mit Biografien historisch beschäftigen. Gerade die Begriffe Umbruch und Aufbruch im Wettbewerbsthema unterstreichen das.

Haben Sie da ein Beispiel?

Wenn man das Jahr 1989 als Aufbruch- oder Umbruchphänomen nimmt, dann hatte es biografisch völlig unterschiedliche Auswirkungen in Ost und West. Während es in den neuen Bundesländern zur generellen Umwertung aller gesellschaftlichen Werte, Normen und beruflichen Zusammenhänge kam, waren Menschen in der alten Bundesrepublik biografisch weniger betroffen. Auch generationell hat sich die Wiedervereinigung unterschiedlich ausgewirkt. Es machte auch einen Unterschied, ob man in einer Grenzregion lebte oder in einer Industrieregion, die nach 1989 weitgehend deindustrialisiert wurde. Was wir auf der Makroebene als Krise beschreiben, kann auf der individuell-biografischen Ebene völlig  unterschiedlich  erlebt worden sein. Das ist ein Lerneffekt, den Schülerinnen und Schüler erzielen können, wenn sie beispielsweise unterschiedliche Zeitzeugen befragen. 

Im kommenden Jahr begehen wir das 30jährige Jubiläum des Mauerfalls. Dieses Datum ist mit dem Motto des Geschichtswettbewerbs ›Krise, Umbruch, Aufbruch‹ eng verknüpft. Was können junge Leute heute damit verbinden und wie lassen sich diese Ereignisse historisch vermitteln?

Das Gedenken an dieses Ereignis ist heute Teil unserer Erinnerungskultur. Den ›Mauerfall‹ am 9. November hat das wiedervereinigte Deutschland als positives historisches Merkzeichen gewählt und eine ganze historische Entwicklung mit diesem Datum verknüpft. Schülerinnen und Schüler können daraus lernen, dass die deutsche Teilung mit permanenten Krisen verbunden war. Es gab  individuelle und gesellschaftliche Krisenerfahrungen. Durch den Mauerfall haben sich plötzlich völlig neue Handlungsoptionen ergeben, die Menschen ganz unterschiedlich nutzen konnten. Gerade für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Aufbrüchen ist 1989 natürlich ein hochspannendes Ereignisjahr. Krise, Umbruch und Aufbruch sind auf den Plakaten der Montagsdemonstrationen in Leipzig oder der öffentlich genehmigten Demonstration am 4. November 1989 in Berlin für Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar. Die Proteste zeigen, wie politisches Engagement, einen demokratischen Aufbruch erst möglich machte. Akteure wie die DDR-Opposition, die bis dahin politisch ausgegrenzt und verfolgt wurden, brachten sich mit Ideen, Konzepten und Perspektiven in den gesellschaftlichen Diskurs ein. Schülerinnen und Schüler können anhand von 1989 und den Folgejahren auch lernen, dass manche Hoffnungen scheiterten und dies für einige Leute bis heute ein Grund ist, mit dem Wiedervereinigungsprozess unzufrieden zu sein. 

Nun leben Jugendliche heute in ganz anderen Zeiten, die sehr stark von einer Diskussion über die Spaltung Europas und polarisierten Gesellschaft geprägt ist. Würden Sie sagen, dass die von Ihnen beschriebenen Entwicklungen 1989, die ja mit großen Hoffnungen verbunden waren, gerade für Jugendliche ein wichtiger historischer Bezugspunkt sein könnten, vielleicht sogar mit einer gewissen Strahlkraft für junge Leute in ganz Europa?

Es gab ja nicht nur den ›Mauerfall‹ in Deutschland, sondern mit dem Fall des ›Eisernen Vorhangs‹ von Anfang an eine europäische Dimension und die Utopie eines vereinten Europas. Ich weiß allerdings nicht, ob Jugendliche diesen Erfahrungstransfer so einfach nachvollziehen können. Für sie ist das grenzenlose Europa innerhalb der EU eine Normalität, in der sie aufgewachsen sind. Das ist für sie ein Wert, aber gerade deshalb ist es wichtig, dass sie sich damit historisch beschäftigen, um zu verstehen, dass das nicht immer so war. Wichtig ist es auch zu vermitteln, dass diese Werte ins Wanken geraten können und man sie deswegen immer wieder neu aushandeln und verteidigen muss. Das können junge  Leute durch den historischen Vergleich lernen. Nur so können sie das geeinigte Europa mit seinen Konflikten in Ost und West wirklich verstehen. Andererseits ist eine so große politische, diverse Einheit wie Europa für Schülerinnen und Schüler schwer zu durchschauen. Insofern sehe ich das Potential des Geschichtswettbewerbs gerade darin, diese große Frage auf regionale und  lokalgeschichtliche Zusammenhänge herunter zu brechen, die auch auf die europäische Dimension übertragen werden können. Junge Leute aus Grenzregionen können sich beispielsweise mit den Beziehungen europäischer Nachbarn beschäftigen.

Wenn Sie von Europa sprechen, meinen Sie Europa im größeren Sinne oder die EU?

Es ist eben die Frage, ob man die politische Vereinigung meint, einen Wirtschaftsverband oder einen geographischen Raum im größeren Sinne. Das hängt davon ab, welche Krisenphänomene man in den Blick nehmen möchte. Es gibt meines Wissens keine aktuellen empirischen Untersuchungen darüber, wie Schülerinnen und Schüler Europa wahrnehmen. Klar ist aber, dass sie die europäische Einheit als Wert durchaus erkennen. Andererseits gibt es unterschiedliche Identitätskonstruktionen. Nationale Identität ist mit der europäischen mindestens gleichrangig, wobei der Raum Europa von Schülern auch wieder unterschiedlich wahrgenommen wird, je nachdem, ob sie sich eher westeuropäisch oder  osteuropäisch orientieren. Das Anliegen des Geschichtswettbewerbs ist es, nicht wie im Geschichtsunterricht in der Schule die größeren politischen Einheiten in den Blick zu nehmen.  Dass heißt, es geht uns weniger um die Nation, Europa oder das Weltgeschehen, sondern wirklich darum, Geschichte vor Ort zu untersuchen. Dies ist für die Spurensuche wichtig, damit sie selber Quellen vor Ort recherchieren und auswerten können.

Rechnen Sie mit einer regen Beteiligung an dem diesjährigen Geschichtswettbewerb und erwarten Sie bestimmte Themen, die die Jugendlichen an Sie herantragen werden?

Aussagen über die Beteiligung sind immer schwierig, weil Schülerinnen und Schüler immer ihre eigenen Wege gehen. Da das Thema so facettenreich ist, bietet es viele Zugänge, auch für Schüler unterschiedlicher Altersstufen. Es ermöglicht, Biographien zu untersuchen. Die letzten Geschichtswettbewerbe haben gezeigt, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer beispielsweise sehr bewegt, welche Auswirkungen das Krisenjahr 1945 auf die Biographien ihrer Großeltern hatte. Interessant wäre auch die Frage, wie die eigene Familie oder andere Zeitzeugen das Jahr 1989 erlebt haben. Es kann genauso spannend sein, zu untersuchen, wie bestimmte Vereine oder Gruppierungen im eigenen Ort entstanden sind, um frühzeitig auf Krisen zu reagieren. Menschen lernen aus Krisen und haben Institutionen wie beispielsweise die Feuerwehr oder das Technische Hilfswerk geschaffen, von denen wir bis heute profitieren. Das kann man als Schüler in den Archiven vor Ort untersuchen. Unternehmensgeschichten sind ebenfalls wunderbare Beispiele, an denen sich plastisch zeigen lässt, wie Krisen immer wieder auftauchen und überwunden werden. Daher gehört es zu den Herausforderungen eines erfolgreichen Unternehmers, Krisenmanager zu sein. Auch das ist ein spannendes Feld.

Das Gespräch führte die Journalistin Gemma Pörzgen.
       

Saskia Handro ist Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Didaktik der Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der historischen Lehr- & Lernforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Geschichte des Geschichtsunterrichts, DDR-Geschichte und Sprache und Geschichte. Frau Handro ist seit 2006 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat und Mitglied in der Bundesjury des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.


 Weitere Informationen zur aktuellen Ausschreibung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.   

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