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Meldung

Hamburg und St. Petersburg: 60 Jahre »druschba«

»Druschba» heißt Freundschaft, und die ist zwischen Hamburg und St. Petersburg gerade nach dem Anschlag in der Zarenstadt besonders unverbrüchlich. »Trotz schwieriger Zeiten hat man über alle Höhen und Tiefen hinweg an dieser Städtepartnerschaft festgehalten«, sagte der Hamburger Staatsrat Wolfgang Schmidt im Gespräch mit der Körber-Stiftung.

Mit den Worten »unsere Gedanken sind bei den Opfern dieses furchtbaren Anschlags und ihren Angehörigen. Hamburgs Partnerstadt Sankt Petersburg kann auf unsere volle Unterstützung bauen«, brachte Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz seine Bestürzung zum Ausdruck. Scholz wird zusammen mit Wolfgang Schmidt, Hamburger Staatsrat für internationale Angelegenheiten, zum Auftakt der Deutschen Woche nach St. Petersburg reisen.

»Die Partnerschaft zwischen Hamburg und St. Petersburg liegt auch uns in der Körber-Stiftung am Herzen«, betont Gabriele Woidelko, die in der Körber-Stiftung den Schwerpunkt »Russland in Europa« betreut. »Auch unsere Anteilnahme gilt den Opfern und ihren Angehörigen sowie den Verletzten der Explosion in der St. Petersburger Metro. Die Anschläge bestärken uns aber auch darin, gemeinsam weiter offen, konstruktiv und kritisch im Dialog zu bleiben und ebenso, wie die zahlreichen Akteuren aus Kultur, Wissenschaft und Jugendarbeit sicherzustellen, dass diese Partnerschaft lebendig bleibt und weiter wächst.«

Die Metropolen Hamburg und St. Petersburg haben ihre Freundschaft 1957 mit einer Städtepartnerschaft besiegelt, die bis heute besteht und im Jubiläumsjahr vor Lebendigkeit strotzt. Das 60jährige Jubiläum ist besonders, denn die deutsch-russischen Beziehungen haben sich zuletzt wegen der Krise in der Ukraine stark abgekühlt. Wie viel den Menschen in beiden Metropolen aber an dieser Freundschaft liegt, erkennt man schnell, wenn man sich die Aktivitäten von Vereinen, Kulturschaffenden und Wissenschaftlern ansieht. Viele von ihnen präsentieren sich auch auf der 14. Deutschen Woche, die vom 5. bis 12. April in St. Petersburg stattfindet. Die Veranstaltungsreihe wird jedes Jahr vom Deutschen Generalkonsulat in St. Petersburg, der Außenhandelskammer in Russland, Filiale Nord-West, dem Goethe-Institut sowie einem Partnerbundesland durchgeführt. Anlässlich des Jubiläums der Städtepartnerschaft tritt Hamburg diesmal als Partnerland auf – es ist das erste Mal in der Geschichte der Veranstaltung.

Deutsche und russische Jugendliche segeln auf der Ostsee

Eine dieser Ebenen, von denen Wolfgang Schmidt in seinem Interview sprach, ist der Verein MitOst Hamburg. Er setzt sich seit 2010 für Sprach-, Kultur- und Jugendaustausch in Europa ein. Etliche Projekte stehen auf der Liste der Initiative, bei jedem geht es um die Begegnung zwischen deutschen und russischen Jugendlichen, manchmal kommt noch eine dritte Nation hinzu. Seit 2016 organisieren die rund 50 Freiwilligen mehrmals im Jahr den Austausch »Veter i volny« (Wind und Wellen). Dabei fahren 15 russische und 15 deutsche Jugendliche auf einem Segelschulschiff als Trainees mit. In diesem Jahr führt die Route der »Brigg Roald Amundsen« von Hamburg/Kiel über St. Petersburg, Turku, Klaipeda und wieder zurück nach Rostock.

MitOst hat sich dem »Netzwerk :: Jugendarbeit Hamburg :: St. Petersburg« angeschlossen, zu dem unter anderem auch die Deutsch-Russische Gesellschaft Hamburg, die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) sowie die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch gehören. Im August 2017 veranstaltet das Netzwerk, das auch bei der Deutschen Woche vertreten sein wird, das Event »Die Stadt« in St. Petersburg. Dabei lernen die Jugendlichen die Metropole an der Newa kennen und diskutieren miteinander. 2015 waren die Teilnehmer zur Vorläufer-Tagung »Energize your city« nach Hamburg gekommen.

»Wir gehen offen mit der Schwierigkeit um«

Ein weiterer Verein, der mit Jugendlichen arbeitet, um eine Brücke zwischen Ost und West zu schlagen, ist der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. »In Russland erstarkt im Moment das Heldengedenken«, sagt die Bildungsreferentin des Volksbundes, Nele Maya Fahnenbruck. »Das steht in deutlichem Kontrast zur deutschen Erinnerungskultur.« Seit Jahrzehnten fährt der Volksbund mit Jugendlichen nach St. Petersburg. Früher reinigten die Teilnehmer die Grabstätten, so wie es dem Volksbund als Image noch heute manchmal anhaftet.

Doch die Organisation ist längst weiter. Heute geht es um internationale Jugendbegegnungen an geschichtsträchtigen Orten, um die Auseinandersetzung mit dem Gedenken. Zum Beispiel in St. Petersburg: »Ganz in der Nähe gibt es eine Grabstätte«, sagt Nele Maya Fahnenbruck. »Die Deutschen waren verantwortlich für das Aushungern der Stadt. Ein Versöhnen über den Gräbern ist da unheimlich schwierig. Wir sehen die Schwierigkeit und gehen offen damit um.«

Am 22. Juni 2017 wollen der Volksbund und die Hamburger Landeszentrale für politische Bildung im Hamburger Tschaikowsky-Saal anlässlich des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im Jahr 1941 über die unterschiedliche Erinnerungskultur debattieren. Dabei soll es auch um Perspektiven für die Städtepartnerschaft gehen, denn wie eine Gesellschaft ihre Geschichte überliefert und interpretiert, prägt auch ihr aktuelles Selbstverständnis. Wie stark der Einfluss dieser Interpretation ist, wollen verschiedene Referenten auf dem Podium erörtern.

Gegenseitiges Vertrauen

Dass es mit der Städtepartnerschaft ungebrochen weitergeht, daran lässt die Stadt Hamburg keinen Zweifel aufkommen. Olaf Scholz trifft sich zur Deutschen Woche mit dem Gouverneur von St. Petersburg, Georgy Poltavchenko, auch um seine Anteilnahme zum Ausdruck zu bringen und an der offiziellen Schweigeminute zum Gedenken des Anschlags teilzunehmen. Der Hamburger Bürgermeister spricht aber auch mit deutschen und russischen Unternehmen darüber, welche Chancen die Digitalisierung für die Häfen bietet. Außerdem eröffnet er eine Ausstellung zur Hamburger Stadtentwicklung und enthüllt ein interaktives Modell der Elbphilharmonie im Kunstmuseum Eremitage. Gouverneur Poltavchenko wird zum Gegenbesuch am 12. September in der Hansestadt erwartet. »Die Zusammenarbeit der beiden Partnerstädte und der zivilgesellschaftlichen Akteure«, heißt es in der Senatskanzlei, »ist durch gegenseitiges Vertrauen geprägt.«

Das ist nicht zuletzt im wissenschaftlichen Betrieb sichtbar. Schon seit 1975 unterhält die Universität Hamburg eine Partnerschaft mit der Staatlichen Hochschule St. Petersburg. Über die fachlichen Schwerpunkte verständigen sich die Partner in turnusmäßig wechselnden Arbeitsprogrammen. Darin findet sich etwa der Studiengang »Internationales Wirtschaftsrecht« in St. Petersburg in Kooperation der beiden Universitäten. Der Studiengang existiert seit 2001 und wird zusätzlich von der Handelskammer Hamburg durch Entsendung von Dozentinnen und Dozenten für Lehraufenthalte plus Finanzierung der Reisekosten unterstützt und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst gefördert. Bereits im Studienjahr 1975/1976 haben die Wissenschaftler gemeinsame Forschungskolloquien durchgeführt. Sich auszutauschen und die Konferenzen vorzubereiten, war wegen des Kalten Krieges nicht einfach. Selbst Briefe kamen nicht zuverlässig an, sodass sie häufig persönlich überbracht wurden.

Hilfe aus Hamburg für bedürftige Kinder in St. Petersburg

Ähnlich war es mit Paketen und Geldbriefen, die Hamburger nach St. Petersburg schickten. Bei der Zustellung hakte es, und so vertrauten viele Spender ihre Briefe und Pakete dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) an, dessen Mitarbeiter regelmäßig nach Russland reisten.

Der ASB unterstützt die Menschen in St. Petersburg auf vielfältige Weise, unter anderem mit einem Theaterprojekt für Straßenkinder in den problematischen Randgebieten. »Große Wohnblöcke, breite Straßen, kaum Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung für Kinder und Jugendliche prägen dieses Gebiet«, schreibt der ASB in seinem jährlichen Bericht. »Ein einziges, winzig kleines Bürgerhaus, das aus allen Nähten platzt, ist im Einzugsgebiet für Hunderttausende Einwohner zuständig. Dafür gibt es umso mehr unzählige Kioske und Supermärkte, wo Zigaretten und Alkohol verkauft werden.«

Zusammen mit dem Russischen Samariterbund und einigen engagierten Künstlern und Pädagogen bietet der ASB in dem Bürgerhaus an drei Tagen in der Woche Schauspielunterricht an. Rund 15 Kinder zwischen sieben und 17 Jahren nehmen im Moment daran teil, zusätzlich helfen die Pädagogen bei den Hausaufgaben. Mittlerweile hat sich die Gruppe etabliert: Die jungen Schauspieler treten bei Kinderweihnachtsfeiern, Theaterwettbewerben und Betriebsveranstaltungen auf. Auch Kinder, die nicht auf der Bühne stehen wollen, bekommen beim ASB-Projekt im Bistro ein warmes Mittagessen.

Schüler organisieren klassische Konzerte

Die persönlichen Kontakte sind es auch bei dem Hamburger Kulturprojekt TONALi, die zum Erfolg führen. Mitgründer Boris Matchin stammt selbst aus Russland. Der Cellist will Kinder und Jugendliche für klassische Musik begeistern. Dazu legt das 2010 gegründete Projekt einen mehrgliedrigen Musikwettbewerb auf, vergibt Nachwuchspreise und ermuntert Schüler, eigene Konzerte zu organisieren, bei denen dann Musiker aus dem Netzwerk spielen.

2017 veranstaltet TONALi Konzerte in verschiedenen russischen Städten, auch mit Unterstützung der Körber-Stiftung. Im St. Petersburger Mariinsky-Theater gastiert die Initiative auch im Rahmen der Deutschen Woche: Am 8. April spielen Musiker des Projekts sowie Mariinsky-Instrumentalisten Werke von Hamburger und Petersburger Komponisten.

Vom 8. bis 11. November treffen sich schließlich deutsche und russische Schüler unter der Leitung des Musiker-Netzwerks und in Zusammenarbeit mit der Körber-Stiftung in Hamburg. Der Höhepunkt: Ein Konzert in der Elbphilharmonie, das zur Körber-Konferenz »Russland in Europa« stattfindet.

Interview mit Staatsrat Wolfgang Schmidt
Programm der Deutschen Woche


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