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Russland – »das staatliche Narrativ hinterfragen«

»Mit dem russischen Geschichtswettbewerb gelingt es uns, die jungen Leute zur kritischen Reflexion über die Geschichte ihrer Familien und ihres Ortes anzuregen und das staatliche Narrativ zu hinterfragen«, sagt die Autorin und MEMORIAL-Mitarbeiterin Irina Scherbakowa.

Wie gehen Deutschland und Russland mit ihrer gemeinsamen Geschichte um? Welche Bedeutung haben unterschiedliche Wahrnehmungen von Geschichte für die derzeitig angespannte Stimmung zwischen beiden Ländern? Und was kann im Sinne einer Verbesserung des Dialogs getan werden? Antworten auf diese Fragen diskutieren die russische Historikerin und Bürgerrechtlerin Irina Scherbakowa und der renommierte Osteuropa-Historiker Karl Schlögel in ihrem Anfang Oktober in der Edition Körber-Stiftung erschienenen Buch »Der Russland-Reflex. Einsichten in eine Beziehungskrise«. Am 16. Oktober sprach die Autorin Scherbakowa mit Gabriele Woidelko, Europa-Expertin der Körber-Stiftung, im Bergedorfer »Haus im Park« über ihre Lebensaufgabe, die deutsch-russische Verständigung.

Irina Scherbakowa wurde 1949 in Moskau geboren. Der 2. Weltkrieg war in ihrer Familie allgegenwärtig, unter anderem durch die schwere Verwundung, die ihr Vater sich im Krieg zuzog. »Meine Kindheit war sehr von den Nachwirkungen des Krieges geprägt«, sagt Scherbakowa. Sie entschied sich für das Studium der Germanistik, vor allem der Literatur wegen, und entdeckte die deutsche Sprache für sich. Oft musste sie sich in jungen Jahren dafür rechtfertigen, dass sie sich mit der »hässlichen Sprache« Deutsch beschäftigte, die vielen Russen nach dem Zweiten Weltkrieg als »Befehlssprache« in Erinnerung geblieben war. Irina Scherbakowa widersetzte sich dieser weit verbreiteten Stimmung und blieb eng mit Deutschland verbunden. In Moskau arbeitet Scherbakowa für die russische Menschenrechtsorganisation MEMORIAL, wo sie u.a. den russischen Geschichtswettbewerb leitet, der jährlich unter dem Thema „Mensch in der Geschichte – Russland im 20. Jahrhundert“ ausgeschrieben wird. Seit 2001 ist dieser Wettbewerb Mitglied in dem von der Körber-Stiftung initiierten und koordinierten europäischen Geschichts-Netzwerk EUSTORY.

Seit einigen Jahren spürt auch die Nichtregierungsorganisation MEMORIAL den wachsenden Druck der russischen Regierung auf die Zivilgesellschaft. Aber es gibt laut Scherbakowa noch weitere Indikatoren für einen Stimmungswandel im Land: »Die Zugänglichkeit von Archiven ist ein guter Indikator für den Stand der Meinungsfreiheit. Wenn den Menschen der Zugang verwehrt wird, dann ist es ein sehr schlechtes Zeichen. Genau das können wir gerade in Russland beobachten«, konstatierte sie. Auch wenn die Rahmenbedinungen für historische Aufklärungsarbeit in Russland immer schwieriger werden, will Scherbakowa diese wichtige Aufgabe so lange wie möglich weiter verfolgen. Dies gilt besonders für den russischen Geschichtswettbewerb, an dem jährlich mehrere Tausend Schüler und Jugendliche aus allen Ecken des Landes teilnehmen.

Die Verantwortung für die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen sieht Scherbakowa vor allem beim Kreml. Mit dem Einsatz Russlands in der Ukraine, der Annexion der Krim und jüngst durch die Unterstützung des Assad-Regimes verkompliziere Putin jede Form der Wiederannäherung. Und die Verantwortung des Westens? Um die wisse sie auch, sagt Scherbakowa. »Es geht mir aber vorrangig um die selbstkritische Auseinandersetzung mit der Politik meines Heimatlandes Russland, und die braucht es dringend«, so Scherbakowa.

Das facettenreiche deutsch-russische Verhältnis zwischen Faszination und Vorurteil, zwischen Kritik am Umgang mit Geschichte und Politik Russlands einerseits und der Auseinandersetzung mit Versäumnissen und Fehleinschätzungen in Deutschland andererseits, steht im Mittelpunkt des Buches von Irina Scherbakowa und Karl Schlögel. Die beiden Freunde und Weggefährten schildern ihre ganz persönliche Beziehung zu Russland und Deutschland und diskutieren das bilaterale Verhältnis kenntnisreich und engagiert. Erhältlich ist »Der Russland-Reflex« in der edition Körber-Stiftung.

Weitere Informationen:
Hier geht’s zur Bestellung von »Der Russland-Reflex«
 
Irina Scherbakowa im Interview:
»Das Blaue Sofa«, 14. 10. 2015, Frankfurter Buchmesse


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