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Lebendige Bürgergesellschaft

Eine neue Tugend pluraler Gesellschaften: die Ambiguitätstoleranz

Der Demografische Wandel bedeutet nicht bloß, dass wir als Gesellschaft älter und weniger werden, sondern auch, dass wir bunter und diverser werden. Ein höheres Maß an Vielfalt ist eine Bereicherung, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Klaus Schubert vom Institut für Politikwissenschaft Münster spricht der sog. »Ambiguitätstoleranz« eine bedeutsame Rolle für einen guten Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt zu. Jochen Sunken, Körber-Stiftung, sprach mit ihm über das einleuchtende Konzept hinter diesem komplizierten Begriff.

Professor Schubert, Sie plädieren für eine neue Grundtugend: Ambiguitätstoleranz. Was verstehen Sie unter diesem sperrigen Begriff?

Ambiguitätstoleranz bedeutet zunächst einmal die Fähigkeit, Uneindeutiges oder Mehrdeutiges zu ertragen, nicht sofort auszuweichen oder abzulehnen. In unbekannten, vielleicht sogar widersprüchlichen Situationen reagieren wir nicht ablehnend, sondern hören erst einmal zu. Wir »erdulden« gewissermaßen etwas, was wir nicht von vornherein erwarten. Etwas, das einen deutlichen Unterschied zu dem macht, was uns ansonsten vertraut ist.

Was ist denn genau der Unterschied zum üblichen Verständnis von Toleranz als Respekt vor dem Anderssein?

Das »Andere« zu tolerieren setzt zu einem gewissen Maße voraus, dass es ein grundsätzlich geteiltes Verständnis davon gibt, was eine Gesellschaft als »normal« definiert. Erst in Abgrenzung hierzu kann das »Andere« überhaupt als solches entstehen. Das steigende Maß an Pluralismus und Diversität in unserer Gesellschaft führt aber dazu, dass genau dies immer weniger vorausgesetzt werden kann. Anderssein zu tolerieren und zu respektieren ist wichtig und richtig, verstehen Sie mich nicht falsch. Die Anerkennung von Pluralität hat jedoch einen Preis, nämlich dass das für alle »Normale«, die Norm nicht mehr prinzipiell vorausgesetzt werden kann.

Welche Folgen hat dies für unsere Gesellschaft?

Wir müssen uns klar machen, dass je mehr wir Meinungsvielfalt, individuelle Unterschiede, religiöse, soziale, sexuelle etc. Vielfalt als Teil unserer offenen Gesellschaft akzeptieren, je mehr wir also Anderssein anerkennen – und ich möchte betonen, dass ich dies aus vollen Herzen verteidige und unterstütze –, desto mehr müssen wir damit rechnen, dass diese Vielfalt zu Meinungsverschiedenheit und Missverständnissen, zu Interessenkollisionen und eher zu einer Zunahme von politischen, sozialen und ökonomischen Konflikten führt, als zu einer Abnahme von Problemen. Diese Folgen müssen uns klar sein, wenn wir uns für Pluralismus und Diversität einsetzen. Es ist völlig falsch zu glauben, dass sich gesellschaftliche Spannungen schon dadurch vermeiden lassen, dass wir Anderen gegenüber offen und tolerant sind, also den Anderen in seinem Anderssein anerkennen. Das ist ein erster, wichtiger und unverzichtbarer Schritt, er reicht aber nicht aus.

Und wie nun schafft hier die Ambiguitätstoleranz Abhilfe?

Sie wirkt zunächst einmal de-eskalierend. Plurale Gesellschaften mit ihrem tendenziell höheren Konfliktpotenzial brauchen Räume und Zeit, eben diese Konflikte zu entschärfen. Ambiguitätstoleranz, also das Ertragen, Zuhören, Erdulden schafft genau dies. Jede und jeder weiß sicherlich aus eigener Erfahrung, dass ein einmal eskalierter Streit sich viel schwerer lösen lässt, als dies noch bei seinem Auftreten möglich gewesen wäre. Die Ambiguitätstoleranz schafft also einen Puffer, der zur Entschärfung genutzt werden kann. Anders gewendet: Die Ambiguitätstoleranz löst nicht per se Probleme. Sie schafft aber Räume zur Kompromissfindung und Problemlösung. In modernen pluralistischen Gesellschaft kann Einheit und Einigkeit nicht grundsätzlich voraussetzen werden. Es muss daher Raum und Zeit für Verfahren geben, die uns in die Lage versetzen, uns zu verständigen und zu einigen. Vielleicht nicht ein-für-alle-Mal, aber immer wieder auf’s Neue einig zu werden.
 

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Mit dem Thema »Lebendige Bürgergesellschaft« beschäftigt sich die Körber-Stiftung in den Bereichen »Alter und Demografie« sowie »Demokratie, Engagement, Zusammenhalt«.

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