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Lebendige Bürgergesellschaft

Ausstellung »Was gut für mich ist«

Porträt und Dialog mit einer Demenzkranken,
13.08 bis 10.09.2018 im Haus im Park

Die Fotografin Claudia Thoelen hat über zwei Jahre die frühzeitig an Demenz erkrankte Viktoria von Grone begleitet. Gemeinsam erforschen sie durch das Medium Fotografie, wie von Grone die Welt sieht. Entstanden sind Bilder, die ambivalenten Phasen und Stimmungen im Umgang mit der sukzessiv fortschreitenden Krankheit reflektieren. In den Texten beschreibt Viktoria von Grone die Demenzerkrankung aus ihrer Sicht. Die Ausstellung ist vom 13.08.2018 bis zum 10.09.2018 im Haus im Park zu sehen.

Claudia Thoelen über das Projekt:

»Angefangen hatte alles mit einem Auftrag vom Spiegel 1996. Ich sollte die Bilder für einen Artikel über ein Modellprojekt der stationären Dementenbetreuung erstellen. Es war damals der erste umfassende Beitrag in einem Nachrichtenmagazin über die Demenzkrankheit. Eine Woche waren die Redakteurin und ich in der Einrichtung und haben einen tiefen Einblick bekommen, der uns nachhaltig beeindruckt hat. Ich blieb am Thema, habe weiter fotografiert und ein Jahr später wurde die Arbeit in einer längeren Bildstrecke im Stern veröffentlicht. Eine Ausstellung folgte, ein Bildband, 2007 eine weitere Ausstellung zum Thema pflegende Angehörige mit einem Bildband, den die Deutsche Alzheimer Gesellschaft herausgegeben hat. 2012 wollte ich eine letzte Arbeit über eine junge Betroffene machen und habe über das Demenznetzwerk in NRW Viktoria von Grone kennengelernt.

Mit 57 Jahren erfährt sie die Diagnose als »eine große Kränkung fürs Ego« und zieht sich zunächst zurück. Doch schon bald geht sie nach ihrem Motto: »Angriff ist die beste Verteidigung« an die Öffentlichkeit. Sie sucht andere Frühbetroffene und gründet eine Selbsthilfegruppe. »In der Ecke sitzen zu bleiben und zu heulen bringt überhaupt nichts.«

Typisch für Demenz Frühbetroffene ist die Fähigkeit sich und die Krankheit noch reflektieren zu können. Mit Viktoria von Grones Engagement lag die Idee sehr nahe, als Gemeinschaftsprojekt eine Beschreibung der Erfahrungen mit der Demenzkrankheit aus dem Blickwinkel einer Betroffenen zu erstellen.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren sind wir tagelang durch Städte, Museen und Landschaften flaniert, dabei haben wir viel geredet und fotografiert. Videoaufzeichnungen der Gespräche sind Grundlage der Textbeiträge im O-Ton, in denen Viktoria von Grone sich und ihre Erfahrungen beschreibt.

Die fortschreitende Krankheit stellt sie immer wieder vor neue Herausforderungen. Beziehung und Freundschaften werden auf eine Probe gestellt. »Komischerweise wissen immer alle anderen besser, was für mich gut ist, als ich selbst. Das ist irgendwie lustig, aber manchmal nicht dasselbe.«

Der Wunsch souverän, selbstbestimmt und mobil zu leben und am sozialen und kulturellen Geschehen teilzunehmen, erfordert immer wieder neue Strategien im Alltag, eine permanente Anpassung an sich ständig verändernde Umstände. »Für alles was mir verloren geht, suche ich jetzt neue Eindrücke, die intensiv genug sind, dass ich sie nicht vergesse. Denn alles, was schön ist, behalte ich; was schlecht ist, vergesse ich.« Viktoria von Grone balanciert mit selten gebrochenem Optimismus in dialektischem Sinne zwischen Anpassung und Widerstand.

Vordergründig verzichten die Bilder auf »typische« Verhaltensweisen, bzw. Fehlleistungen von Demenzkranken, man muss sie suchen. Die Bilder enthalten zahlreiche intertextuelle Verweise, die assoziativ, intuitiv und manchmal unbewusst gespeicherte Gesten und Zitate aus dem reichen Kulturgedächtnis Viktorias schöpfen. Dabei sind vorgefundene Gegebenheiten im urbanen und landschaftlichen Raum alles Orte, mit denen sie irgendetwas in Bezug zu ihrer Krankheit verbindet, Hintergrund für eine Art Selbstinszenierung.

Viktoria von Grone über das Projekt:

»Es ist eine Arbeit, die Claudia und ich zusammen gemacht haben. Wir gehen irgendwohin; gucken, ob da irgendetwas Besonderes ist, oder machen aus dem, was wir sehen, etwas Besonderes. Es soll auf jeden Fall mit mir zu tun haben; bewusst oder unbewusst gucke ich danach. Das fangen wir dann mit dem Medium Fotografie ein.

Der Grund, mich fotografieren zu lassen, ist zum Beispiel – und das ist ein sehr wichtiger Grund –, dass ich mich dann viel lebendiger fühle, mich selbst mehr fühle. So habe ich die Chance zu sagen, dass ich noch da bin und dass das andere vielleicht auch noch sehen. Mit dazuzugehören, mitten im Leben zu sein, das ist ein großes Motiv. Und dass ich noch etwas Kreatives machen kann, das vielleicht nach außen strahlt. Es bewegt sich etwas, und dadurch bewegt sich auch etwas in mir. Es ist praktisch ein Medium, um noch mehr lebendig zu sein.«

der Katalog zur Ausstellung

weitere Ausstellungen von Claudia von Thoelen

Kontakt

Mit dem Thema »Lebendige Bürgergesellschaft« beschäftigt sich die Körber-Stiftung in den Bereichen »Alter und Demografie« sowie »Demokratie, Engagement, Zusammenhalt«.

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Kontakt zum Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

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