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Lebendige Bürgergesellschaft

Meldung

Schüles neue Seiten: Lebensarbeitszeit

Wie startet man in ein Buchprojekt, das genau genommen alles betrifft: das Leben, die Arbeit, die Zeit? Das Thema scheint unendlich groß, kaum zuzuschneiden. Riesiger Anspruch, wenden die Einen ein. Antwort: Ja, gewiss, aber wo kämen wir hin, wenn wir Herausforderungen nicht annähmen!

Betrifft geradezu jeden, merken die Anderen an. Antwort: genau, eben deshalb! Freilich ist das, was im kommenden halben Jahr als Buch entstehen soll, keine akademische Habilitationsschrift eines einschlägigen Feldforschers. Es ist der Versuch, der Zukunft ein wenig von ihrem Sound abzulauschen und eine Blaupause für den individuellen Lebensentwurf von übermorgen zu schreiben. Eine Alltagssoziologie also, eine Art Passepartout für die Biografie 4.0 in einer Welt, die sich grundlegend wandelt und noch grundlegender wandeln wird. Was also tun? Eben das: Leben, Arbeit und Zeit zusammenführen, und zwar so, wie es vielleicht noch nicht dagewesen ist.

Punkt heute beginne ich, alles zu sammeln, was ich interessant finde. Bücher, Zeitungstexte, Interviews. Alles, was mich überrascht, alles, worüber ich nachdenken muss, was mich herausfordert, was ich wissen will. Habe just ältere  Aufzeichnungen durchgesehen, aktuelle Skizzen wiedergelesen, über Gespräche mit Wissenschaftlern und meiner Schwester nachgedacht. Was ist der Kern eines Buches über Lebensarbeitszeit: Leben? Arbeit? Zeit? Kürzlich las ich ein Zeitungs-Interview mit dem dänischen Unternehmer Claus Meyer, Food-Aktivist und Dozent an der Universität Kopenhagen. Vordergründig ging es darin um gutes Essen und verantwortungsvollen Umgang mit Zutaten und Ressourcen, im Hintergrund aber war aus Meyers Sätzen noch etwas ganz Anderes herauszulesen: Geldverdienen allein reicht künftig nicht mehr. Künftig genügt es genügt es für eine Firma nicht mehr, irgendetwas zu produzieren, möglichst viel davon, möglichst global vertrieben. Worum geht es dann? Um die Kunst, einen Mehrwert zu schaffen. Dieser vermehrte Wert muss keineswegs materiell sein. Genau das war die Initiation: Lebensarbeitszeit der Zukunft zu gestalten heißt doch: dem Leben jenseits von nötiger Erwerbsarbeit zu höherer Zufriedenheit zu verhelfen. Die kognitive Epoche, an deren Schwelle wir stehen, wird die Zusammensetzung der Bevölkerung stark verändern, der digitale und demografische Wandel unser aller Leben grundlegend beeinflussen. Die Lebenserwartung steigt, die Kluft zwischen Alt und Jung wird wachsen, und Arbeit, so hören wir aus dem Munde der Auguren, wird zunehmend von Robotern, Maschinen und Automaten übernommen – was einerseits zu neuen Arbeitsfeldern führen, andererseits zur Freisetzung von Menschen führen wird.

Halten wir uns stets an die gute Nachricht. Sie lautet: Der Mehrwert ist ein längeres Leben. Wie werden nicht nur immer älter und leben länger gesund, sondern haben somit auch weit mehr Zeit zur Verfügung. „Zeit“ ist heutzutage, in Zeiten von Hektik, Beschleunigung und Kurzatmigkeit, womöglich die schönste und wichtigste Währung eines guten Lebens. In diesem Sinne werde ich von nun an hier, an dieser Stelle, jeden Freitag meine Gedanken zu Papier bringen: über eine Art Gesellschaftsvertrag 4.0. Nicht das Rad neu erfinden, das wäre anmaßend. Aber darüber nachsinnen, wie die Veränderungen der Zukunft jeden Einzelnen von uns betreffen und worin die Chance für sie und ihn besteht. Ich beschaffe Nachrichten und Ideen aus der Lebenswelt alleinerziehender Mütter/Väter, besorge neue Ideen zu Nachtarbeit/Schichtdienst, räsoniere über Home-Office-Visionen für bestimmte Berufszweige bis zu neuen Führungsstrukturen in Kleinbetrieben. Meine grundlegende Überzeugung übrigens heißt: Wir brauchen die Jungen wie die Alten, jeden auf seine Art.

So lautet der vorläufig erste Satz meines Buchs für die edition Körber-Stiftung: »Der große Reiz dieses Buches liegt darin, dass es um das Große und Kleine zugleich geht, um das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen dem einzelnen Bürger und dem Staat in Form seiner Kommunen, Länder, Gesetze und Organe.«

Auf bald,
Adieu.

Unter dem Titel Schüles neue Seiten schreibt Christian Schüle an dieser Stelle regelmäßig über seinen Fortschritt bei der Manuskripterstellung. Sein Lebensarbeitszeit-Buch erscheint 2017 in der edition Körber-Stiftung.


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